Walter Sittler im Haus der Stadt: Von Kummer und Lebenslust

Von: Hannes Schmitz
Letzte Aktualisierung:
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Ein starker Auftritt: Walter Sittler brachte dem Publikum Kästners Erzählung „Als ich ein kleiner Jungen war“ im nahezu ausverkauften Haus der Stadt in grandioser Manier nahe. Foto: Schmitz

Düren. Walter Sittler ist mehr als der „Kommissar am Meer“. Ein smarter Ermittler ist er in der deutsch-schwedischen Krimi-Serie, auf der Bühne im Haus der Stadt hingegen war der Stuttgarter ein großartiger Schauspieler und exzellenter Vermittler des Textes von Erich Kästner „Als ich ein kleiner Junge war“ – eine Schrift über die Notwendigkeit der Erinnerung. Der Kinderbuchautor, Dichter und Moralist berichtet darin aus seiner Kindheit, den Jahren in Dresden bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Kästner erzählt vom sächsischen König, von den Untermietern seiner Eltern, von seiner Verwandtschaft, vom Krieg. Und obwohl über allem ein Hauch von Wehmut liegt, lässt der Schriftsteller auch Satire und Humor aufblitzen.

Walter Sittler sprach den Text der Erzählung nicht nur, sondern er spielte ihn mit spürbarer Leidenschaft, charismatischer Eloquenz und hochkonzentrierter Präsenz. Gesten benötigte er nur wenige. Er beherrschte die Sprache und ihre Zwischentöne, brachte die Zeitlosigkeit und Poesie der Texte Kästners unaufgeregt, aber intensiv nahe.

Der Monolog wurde zum Erlebnisbild, dem man sich nicht entziehen konnte. Man spürte, sah, fühlte förmlich die Menschen um den jungen Kästner. Die Zuschauer litten mit seiner zum Selbstmord neigenden Mutter, wunderten sich über den machohaft polternden Onkel und beobachteten verwundert, wie am Weihnachtsabend die Eltern mit ihren Geschenken um die Gunst des Jungen buhlten.

Die Zuschauer im Saal wurden gebannte Teilnehmer einer Erinnerungsreise zwischen Lebenslust und Kummer, Tiefsinn und Zuversicht, Anekdoten und Schicksalsschlägen. Zeitgeschichte und Alltagsgeschichten verzahnten sich zu einem Stück Chronik der Jugendjahre Erich Kästners.

Walter Sittler gelang es eindrucksvoll, Witz und gesellschaftskritische Momente minimalistisch zuzuspitzen. Das Schaudern folgte dem Lachen. Was aber wäre der Monolog ohne die Musik? Das Sextett auf der Bühne begleitete die Stimmungslagen, mal fordernd, mal verhalten, spielte bekannte Lieder, manchmal scheppernd schräg, dann wieder klar oder fast niedlich, herzlich weihnachtlich.

Die Musik illustrierte nachhaltig den Text, bildete den musikalischen Teppich, auf dem sich die Erzählung entfalten konnte. Angenehm altmodisch war die Inszenierung, Sittlers Stimme und Mimik machten die etwas stereotyp wirkenden Bühnenbewegungen wett, die Kästners Werk dem Publikum in grandioser Manier nahe brachte. Nicht enden wollender Beifall belohnte das „Ensemble“.

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