Walter Sittler erinnert an Erich Kästner

Von: Bruno Elberfeld
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Walter Sittler und ein sechsköpfiges Musikensemble unter der Leitung von Libor Sima erzählten den zweiten Teil von Erich Kästners Biografie. Foto: Bruno Elberfeld

Düren. „Lasst Euch die Kindheit nicht rauben“, lässt Schauspieler Walter Sittler im Haus der Stadt Erich Kästner wieder lebendig werden. Und er fährt fort: „Erwachsen werden und Kind bleiben, bedeutet Menschsein.“

Diese und ähnliche Weisheiten erfreuten das Publikum, das den Saal bis auf den letzten Platz füllte. Doch es kam noch „dicker“: „Seid nicht zu fleißig! Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln!“ Die Erwachsenen hörten es gerne, Schüler waren nur wenige vertreten, denn was sollten sie auch, kurz vor Schulbeginn, vom Spruch Kästners „Misstraut den Schulbüchern! Weg mit der Zinseszinsrechnung“, halten?

Schnell hatte Gentleman Walter Sittler – im hellen Mantel, mit grauem Hut und Regenschirm bewaffnet, ganz in der Rolle des Schriftstellers, Dichters, Kabarettisten und Journalisten Erich Kästner – das Auditorium auf seiner Seite. Unterstützt von einem Ensemble mit sechs Musikern (Saxofonist und Komponist Libor Sim; Lars Jönsson, Klavier; Martin Deufel, Schlagzeug; Uwe Zaiser, Trompete; Lisa Barry, Violine; Ralf Ceranski, Kontrabass), ließ er in Anekdoten, Gedichten, Kurzgeschichten und Briefen das Leben Kästners, zweiter Teil, vorbeiziehen.

Walter Sittler alias Erich Kästner lag eingangs auf dem Wohnzimmerboden, auf dem er über den Umgang mit Hunden sinnierte. „Packt man den Hund am Genick, hat man den ganzen Kerl.“ Zu übertragen auf jedes Problem, dem man als Erdenbürger begegnen kann.

Sittler erzählte von den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg. Die Inflation machte den Menschen zu schaffen. Kästner studierte in Leipzig, bereitete sich am „Zeitungswissenschaftlichen Institut“ auf sein Journalistendasein vor, verdiente sein Studium mit Texten bei der „Neuen Leipziger Zeitung“, wurde jedoch bald wegen kritischer Beiträge „vor die Tür gesetzt“.

Im brodelndem Berlin fand er sein Biotop. „Die Großstadt war sensationell“, berichtet er. Verkniffene Damen in Pensionen lebten neben schönen Mädchen, die textilfrei in freizügigen Bars bedienen. Begegnungen mit Künstlern und Kollegen der schreibenden Zünfte befruchteten Leben und Werdegang des jungen Mannes.

Kästner hinterfragt in den Zwanzigern das Jonglieren der Finanzgewaltigen. Die Zuschauer im Haus der Stadt mussten sich hier – wie auch bei anderen Passagen – in Erinnerung rufen, dass Kästner am 29. Juli 1974 gestorben ist und nicht doch noch lebt und über das Gebaren heutiger Banker sinniert.

Melancholisch und einfühlsam kommen die unzähligen Briefe Kästners an „Muttchen“ daher. Seinem Muttchen beichtet er (fast) alles aus seinem Berliner Leben. Ein schlimmer Einbruch ist die Machtübernahme Hitlers. Kästners Bücher landen auf dem Scheiterhaufen. „Die Dummheit marschierte in Viererreihen in die Kasernen der Vergangenheit“, kommentierte er bitter. Er wurde ausgebombt. „Das ist schon seltsam, den Schlüssel zu haben, aber nicht die dazugehörige Wohnung.“

Gerne wird er als Urenkel der deutschen Aufklärung bezeichnet, dieser bürgerliche Bohemien, Weltmann und konsequente deutsche Poet in Personalunion.

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