Wahrzeichen von Pier fällt Braunkohlebaggern zum Opfer

Von: Daniela Martinak
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Haus Pesch wird abgerissen: Der ehemalige Landsitz in Alt-Pier fällt dem Tagebau zum Opfer. Foto: Daniela Martinak

Alt-Pier. „Haus Pesch hat nie zu den großen berühmten Adelssitzen des Düren-Jülicher Landes gehört“, heißt es in den Schriften des Geschichtsvereines der Gemeinde Inden. Nein, zu den Adelssitzen vielleicht nicht, aber eine Festung war es allemal. Eine Festung, die nicht nur einer Familie über mehrere Generationen hinweg Schutz und Geborgenheit geboten hat, sondern auch Kampfeslust beheimatete.

Egal ob Wetterbedingungen oder der Krieg, der die Wasserburg nur teilweise zu zerstören schaffte, – nichts konnte den alten Mauern, die als Wahrzeichen des Örtchen Piers galten, etwas anhaben. Bis jetzt . . .

Die Bagger, die RWE geschickt hat, um Haus Pesch abzureißen, sind unerschütterlich, trotzen selbst dem stürmischen Wetter, walzen alles nieder, was ihnen zwischen die Zähne kommt. Zermalmen Dachziegel und Fenster. Es knirscht und kracht meterweit.

Gerta Schmitz steht wie angewurzelt etwa 50 Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Hinter ihr kommt der Braunkohlebagger gefährlich nah. „Es zerreißt mir das Herz“, sagt Gerta Schmitz mit Tränen in den Augen.

Ein Teilstück einer Urkunde aus dem Jahr 925, das unter dem Namen „Pesche“ erscheint, bezieht sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf Haus Pesch, wo sich wohl die entsprechende erzbischöfliche ‚Försterei‘ befand. Das Patronatsrecht des Hauses Pesch über Bonsdorf ist für genau 500 Jahre urkundlich belegt, von 1306 bis zur Auflösung der Pfarre im Jahre 1806. „Im Jahr 1900 hat mein Urgroßvater Bernhard Abschlag dieses Haus gekauft“, erklärt Schmitz.

Ihr Vater, der inzwischen 84 Jahre alt ist, habe es nach dem Zweiten Weltkrieg Stein für Stein wieder aufgebaut. Diese Steine werden gerade, jetzt zu dieser Zeit, gewaltsam auseinandergerissen. Schmitz bleibt nichts anderes übrig, als tatenlos zuzuschauen. „Jedem hier in Pier tut es weh, mit ansehen zu müssen, wie man entwurzelt wird. Mit Wut hat das nichts zu tun, es ist vielmehr Verlustschmerz“, beschreibt die 47-Jährige ihre Gefühlslage.

Während der Turm und das Wohnhaus vorerst verschont werden, gehen die Baggerschaufeln nach der Außenmauer und der Scheune dem Knechtehaus an den Kragen. Erst reißen sie das Dach ab, dann die Fenster heraus – übrig bleibt ein Umriss der alten Backsteinmauern. Schmitz: „Sogar die Gardinchen hängen noch. Die hat meine Mutter selbst gemacht. Wenn ich daran denke, welche Geschichten sich dahinter abgespielt haben und wie wunderbar meine Kindheit dort war, wird mir ehrlich gesagt schlecht.“

Wo früher zudem noch Kühe und Obstbäume standen, erinnert jetzt nichts mehr an den ehemaligen landwirtschaftlichen Besitz. Über 100 Jahre befand sich dieses Haus im Familienbesitz, zehn Jahre lang hat es gedauert, es nach dem Krieg wieder aufzubauen, binnen zehn Wochen ist davon nichts mehr übrig.

„Es dauert ein wenig länger, weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht und die Arbeiter im ständigen Kontakt mit dem Amt für Boden- und Denkmalpflege stehen. So wird auch entschieden wo, wann und wie die Arbeiten fortgesetzt werden können. Aber fortgesetzt werden sie“, erklärt Manfred Lang, RWE-Pressesprecher.

Die Festung hat sich geschlagen gegeben.

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