Vossenack - Vorhang auf für Franz von Assisi

Vorhang auf für Franz von Assisi

Von: Stephan Johnen
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„Auch ich hänge am Faden“, sagt Bruder Wolfgang Mauritz Gesicht zu Gesicht mit einer Franz-von-Assisi-Marionette. Foto: S. Johnen
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Von den ersten Entwürfen bis zur fertigen Marionette dauerte es beinahe 20 Jahre.

Vossenack. Dass sich ein Sohn aus angesehenem Hause mitten auf dem Marktplatz vor seinem Vater und dem Bischof seiner Stadt nackig macht, kommt selbst in unserer freizügigen Zeit nicht alle Tage vor. Umso größer war wohl die Wirkung dieser Provokation im zwölften Jahrhundert.

Indem er seine Kleidung ablegte und sie seinem Vater zurückgab, brach ein junger Kaufmannssohn mit der Welt der Väter, er brach mit seiner Zeit. Giovanni Battista Bernardone inszenierte einen Skandal, der bis heute nachwirkt: Sein Geburtsname mag etwas in Vergessenheit geraten sein, doch als Franz von Assisi schrieb Giovanni Geschichte. „Nudo“ heißt folglich das Stück, das der Franziskaner Wolfgang Mauritz aus Vossenack über den Gründer des eigenen Ordens geschrieben hat. „Nudo“, das bedeutet in der italienischen Sprache „nackt, entblößt“. Und dahinter steckt mehr als ein Sich-zur-Schau-Stellen eines aufmüpfigen Halbstarken.

„Die Scheuklappen abgelegt“

„Franz von Assisi steht für eine komplette Umkehr. Er hat die Scheuklappen abgelegt und der Realität ins Auge geblickt“, sagt Bruder Wolfgang Mauritz ofm. Die Menschen zu dieser Zeit hätten „damals wie heute“ auf dem Vulkan getanzt, in Luxus und Pracht geschwelgt. Auch die Kirche sammelte Reichtümer und Ländereien an. „Aber Franziskus verschloss nicht länger die Augen vor der ebenfalls grassierenden Armut der Bevölkerung“, erklärt Bruder Wolfgang. Und Franziskus verzichtete auf alle Annehmlichkeiten, die er hätte zeitlebens genießen können. Damit stieß er eine Bewegung an, die bis heute nicht ihren Schwung verloren habe. Die Menschen scharten sich um den Sonderling aus Assisi, der statt eines „Weiter so!“ die Welt auf den Kopf und sich selbst in den Dienst der Welt stellte.

Diese komplette Umkehr eines jungen Mannes hat der im Vossenacker Kloster lebende Franziskaner für das Marionettentheater „De Strippkes Trekker“ in verschiedenen Bildern zu einem Bühnenstück zusammengefügt, das den Lebensentwurf des Ordensgründers nachzeichnet. Premiere ist am 16. März. „Ich möchte die Geschichte dieses Mannes für die Menschen erzählen, die Franziskus nicht kennen“, sagt Bruder Wolfgang. Das Leben und Wirken des Ordensgründers habe ihn immer gepackt, ihm auch imponiert. „Ich bin kein Theologe“, stellt Bruder Wolfgang klar. Also sei auch „Nudo“ kein theologisches Lehrstück. „Es ist das, was ich empfinde“, sagt der Franziskaner. Die Zuschauer sollen den Heiligen sozusagen auf Augenhöhe erleben.

Die Idee, das Leben Franziskus‘ mit Marionetten zu spielen, habe er erstmals 1994 gehabt, während eines Urlaubs am Meer. Doch sei ihm eingefallen, welche Theaterstücke, Filme und Bücher es bereits gab. „Ich habe die Idee wieder verworfen“, sagt der Franziskaner. Ganz geschafft hat er es aber nicht: Er begann, Skizzen anzufertigen. Er plante, welche Figuren auf der Bühne stehen müssten, sollte es doch zu einem Stück kommen. Drei Jahre später war klar: „Ich mache es.“ Was folgte, waren Höhen und Tiefen. Im Leben des Autors wie in der Theaterwerkstatt bei den Vorbereitungen des Stücks. „Viele Freunde haben mir geholfen, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren“, bedankt sich Bruder Wolfgang für die Unterstützung während der beinahe 20 Jahre, die das Stück reifte.

Auf der letzten Wegstrecke habe seit 2010 alles eine Eigendynamik entwickelt: Während Bruder Wolfgang selbst die Köpfe der Marionetten modellierte, schneiderte beispielsweise Bruder Marcel Paulissen die Ordenstrachten en miniature. Gerd Hachmer, der Leiter des am Projekt beteiligten Franziskuschores, komponierte die Musik, „De Strippkes Trekker“ zogen ebenfalls alle Fäden, damit sich für „Nudo“ der Vorhang öffnen kann. Derzeit wird fleißig geprobt, viele Franziskaner aus der Deutschen Provinz haben ihre Teilnahme an der Premiere zugesagt.

Doch was war der Beweggrund, das Stück doch zu beginnen? „Ich empfand es anfangs als anmaßend, die Geschichte Franziskus‘ erzählen zu wollen“, sagt Bruder Wolfgang. Doch des Leben des Heiligen sei immer auch ein Ideal gewesen. „Ich habe die Gemeinschaft gesucht“, blickt er auf seine eigene Entscheidung zurück, dem Orden beizutreten. „Dass sich Ideale im Leben etwas abschleifen, ist normal. Aber wenn ich in Assisi an Franziskus‘ Grab stehe, dann passiert etwas“, versucht er eine Erklärung. Er schöpfe immer wieder neue Kraft aus der Beschäftigung mit diesem jungen Mann, der im zwölften Jahrhundert einen Skandal provozierte. Diese Erfahrung wolle er weitergeben. Nicht mehr – und nicht weniger.

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