Von Vettweiß zu den Paralympics nach Rio

Von: Sandra Kinkel
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Die deutsche Goalball-Nationalmannschaft hat sich nach zwölf Jahren wieder für die Paralympics qualifiziert. Foto: privat
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Die deutsche Goalball-Nationalmannschaft hat sich nach zwölf Jahren wieder für die Paralympics qualifiziert.

Vettweiß/Marburg. Die heiße Phase der Olympia-Vorbereitung hat für Michael Feistle aus Vettweiß schon längst begonnen. „Vier Spieler unserer sechsköpfigen Mannschaft sind mittlerweile in Marburg“, erzählt der 23-Jährige. „Wir trainieren ein- bis zweimal täglich. Bis zum Abflug nach Rio haben wir auch so etwas wie Ausgangssperre und dürfen Marburg nicht mehr verlassen.“

Michael Feistle lacht. Die „Ausgangssperre“ ist für den BWL-Studenten absolut kein Problem. Immerhin geht in weniger als zwei Wochen sein größter Traum in Erfüllung. Feistle hat sich mit der deutschen Goalball-Nationalmannschaft für die Paralympics in Rio de Janeiro qualifiziert. Am 31. August verabschiedet Bundespräsident Joachim Gauck die deutschen Sportler, die noch am gleichen Tag mit einem Sonder-Flieger in die brasilianische Metropole gebracht werden.

„Wir sind schon in einer Bundeswehrkaserne in Hannover eingekleidet worden“, erzählt Michael Feistle. „Wir haben genau die Ausrüstung bekommen, die die Sportler, die im Augenblick in Rio um Medaillen kämpfen, auch bekommen haben, um die 70 Teile. Das ist wirklich Wahnsinn.“

Michael Feistle ist seit seiner Geburt stark sehbehindert, sein Sehvermögen liegt bei ungefähr fünf Prozent. Er besuchte erst den Kindergarten in Kelz und ging dann in Aachen auf eine Sehbehindertenschule. Lehrer ermutigten ihn, das Abitur zu machen. Und so verschlug es Feistle nach Marburg, zum Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland ab Klasse fünf.

„Eine inklusive Ausbildung stand für mich irgendwie nie zur Debatte“, sagt Michael Feistle. Und dass er vor sieben Jahren nach Marburg gegangen ist, war für den Vettweißer ein echter Glücksfall: In Marburg, übrigens paralympischer Stützpunkt für Goalball, hat Feistle seine Liebe zu dieser Sportart entdeckt. „Ich habe mit 16 angefangen, Goalball zu spielen. Und mir gefällt vor allem an diesem Sport, dass man eine gehörige Portion Spielintelligenz braucht.“

Dass er für Goalball eine besondere Begabung hat, haben Feistles Trainer ziemlich schnell gemerkt. 2009 hat Michael Feistle angefangen zu trainieren, zwei Jahre später ist er Junioren-Vizeweltmeister in Colorado Springs (USA) geworden, und ein Jahr später hat er sein erstes Länderspiel mit der Herren-Nationalmannschaft bestritten.

„Vor vier Jahren war Deutschland für Olympia nicht qualifiziert. Und unser Ziel waren eigentlich die Spiele in Tokio 2020. Dass es jetzt schon für Rio mit der Qualifikation geklappt hat, freut uns natürlich riesig.“ Nur zehn Mannschaften sind bei den Paralympics dabei, Deutschland zählt ohne Zweifel zu den Außenseitern. Feistle: „Brasilien ist amtierender Weltmeister und Top-Favorit.

Aber auch Litauen, Finnland, China und die Türkei sind große Goalball-Nationen. Unser großes Ziel ist aber auf jeden Fall das Erreichen des Viertelfinals.“ Ihr erstes Spiel hat die deutsche Mannschaft am 8. September gegen Algerien, in der Vorrunde müssen Michael Feistle und sein Team dann noch gegen Kanada, Schweden und Brasilien ran.

„Seitdem ich in der Herren-Nationalmannschaft spiele“, sagt Michael Feistle, „ist Olympia mein großer Traum.“ Besonders freut der Vettweißer sich auf die Eröffnungsfeier im Maracanã-Stadion. „Wir dürfen zwar nicht direkt über den Rasen laufen“, erzählt er schmunzelnd.

„Aber einmal so nah an dem Ort zu sein, an dem Deutschland vor zwei Jahren Fußball-Weltmeister geworden ist, ist etwas ganz Besonderes. Ich glaube, das wird ein unvergessliches Erlebnis.“ Michael Feistle ist froh, vor dem Beginn des Goalball-Wettbewerbs genügend Zeit zu haben, Rio de Janeiro zu entdecken.

„Ganz ehrlich? Ich glaube, in den drei Wochen Paralympics wird ein Highlight das nächste jagen.“ Grundsätzlich, ergänzt der junge Mann, habe sein Sport ihn schon sehr geprägt. „Und er hat mir auch in meiner Entwicklung sehr weitergeholfen.“

Als Leistungssportler müsse man Verantwortung für sich selbst übernehmen. „Und man muss natürlich auch eine große Bereitschaft an den Tag legen, was zum Beispiel das große Trainingspensum angeht. Wir verdienen mit unserem Sport kein Geld, bringen aber trotzdem Höchstleistungen.“

Übrigens ist Doping auch im Behindertensport ein Thema. „Nach den massiven Doping-Vorwürfen im Report des unabhängigen Wada-Ermittlers Richard McLaren hat das Internationale Paralympics Komitee alle russischen Sportler von den Paralympischen Spielen ausgeschlossen.“

Feistle wird noch ein bisschen deutlicher: „Das IPC hat das getan, was das IOC meiner Meinung nach auch hätte tun sollen.“ Trotz aller Negativ-Schlagzeilen über Olympia in Rio de Janeiro freut er sich dennoch auf die Spiele. „Ich bin sehr gespannt, wie es wird.“

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