Washington/Düren - Von Gey in die USA: Aus dem Leben eines Korrespondenten

Von Gey in die USA: Aus dem Leben eines Korrespondenten

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Vor dem Weißen Haus in Washington: Ansgar Graw hat auf dem Stiftischen Gymnasium Abitur gemacht und berichtet für die „Welt“ aus der US-Hauptstadt.

Washington/Düren. Am Morgen, als feststeht, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA werden wird, kontaktieren wir Ansgar Graw in Washington. In Düren ist es 10 Uhr, an der Ostküste der USA vier Uhr in der Nacht. Nur wenige Minuten nach unserer Mail antwortet Graw, der als Korrespondent für die „Welt“ in den USA arbeitet.

Graw schläft nicht, er muss jetzt arbeiten und den Lesern in Deutschland erklären, wie es passieren konnte, dass Trump tatsächlich gewählt wurde. Graw, Jahrgang 1961, ist in Gey bei Düren aufgewachsen, hat am Stiftischen Gymnasium Abitur gemacht, in Hamburg studiert und ist seit 2009 in Washington. Im Interview mit unserem Redakteur Ingo Latotzki erzählt Graw von seiner Arbeit und seinem Leben in den Vereinigten Staaten und wie er schafft, sich auch noch über das auf dem Laufenden zu halten, was in seiner früheren Heimat passiert.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als US-Korrespondent aus?

Ansgar Graw: Das hat sich im Laufe der vergangenen Jahre gewandelt. Als ich 2009 startete, schaute ich morgens um 6 Uhr in die Emails, ob einer meiner am Vorabend der Zentrale angebotenen Artikelvorschläge gewünscht wurde. In Berlin war dann ja schon Mittag, 12 Uhr, und die Redaktionskonferenz längst vorbei. Bis 10 Uhr Ortszeit, also 16 Uhr in Deutschland, wurde das Stück erwartet, allerspätestens bis 11 Uhr. Danach war das Blatt zu und ich konnte mich um Ideen für den nächsten Tag kümmern, zu Hintergrundgesprächen gehen, ein Interview führen. Inzwischen ist das durch das Internet anders: Wenn um 12 Uhr local time oder um 16 Uhr oder um 22 Uhr etwas passiert, muss ich auch noch liefern, ab 23 Uhr MEZ übrigens an unsere Nachtschicht, die von Sydney aus arbeitet. Tja, und morgens um 6 Uhr kann trotzdem noch ein weiterer Artikel gewünscht werden.

Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Graw: Zunächst werte ich die Agenturen, das Fernsehen und andere Medien aus. Daneben hat sich inzwischen ein Netzwerk von Leuten aus der Politik oder den Thinktanks entwickelt, das ich immer wieder einmal anzapfe. Und sehr wichtig: So oft wie möglich reise ich entweder für eine Reportage oder privat mit Frau und Tochter durchs Land, in den Norden, den Süden, den Westen, in die Fly-over-Regionen, die man als Herzland der USA oder als tiefe Provinz bezeichnen kann. Das gibt Stoff für Reportagen. Ohne diese Anschauung bekäme man den falschen Eindruck, dass Washington Amerika ist.

Wie groß ist die Redaktion?

Graw: In Washington sind wir zu zweit, und der Kollege arbeitet wie ich von zu Hause, von einem Home Office aus. Weil wir auf gleicher Hierarchieebene sind und ähnliche Steckenpferde haben, darunter Außen- und Sicherheitspolitik, müssen wir uns zwischendurch immer mal einigen, wer was macht. In der Regel ist einer von uns von morgens bis zum frühen Nachmittag zuständig und der andere im Anschluss bis in den späten Abend. Bis Mitternacht behält immer einer von uns die Nachrichtenlage im Auge. Die Politik ruht dann meistens schon, aber recht regelmäßig berichten wir ja auch über vermischte Themen, vom Hurrikan bis zum Amoklauf. Und Kalifornien beispielsweise ist ja hinter Washington drei Stunden zurück, da ist noch High Life, wenn die Ostküste schlafen geht.

Wie schwer ist es, hochrangige Gesprächspartner zu bekommen?

Graw: Das ist schon schwierig. Ich war vorher in Berlin, und da hatte man von diversen Ministern und etlichen Abgeordneten die Handynummern; wenn man einer Story auf der Spur war, konnte man die Protagonisten direkt anrufen. In Washington steht man als ausländischer Printjournalist ziemlich weit hinten in der Fresskette. Bei dem Versuch einer telefonischen Interviewanbahnung mit einem Abgeordneten oder Senator kann ein Gespräch mit dem Vorzimmer so enden: „Ach, keine Kamera?! Verstehe, nur eine Zeitung. Und keine Veröffentlichung des Artikels in Englisch?! Aus Deutschland, hmm. Alles klar, Sie müssen nicht wieder anrufen, wir melden uns bei Ihnen...“ – und das war’s dann. Mit der Zeit allerdings lernt man dann doch bei Empfängen oder Hintergrundgesprächen einige Kongresspolitiker oder Offizielle aus dem Weißen Haus und anderen Ministerien kennen, und dann wird’s leichter.

Gibt es eine Geschichte oder einen Termin, den Sie nie vergessen werden?

Graw: Ich war im Sommer 2014 in Ferguson in Missouri, wo ein schwarzer Teenager von einem weißen Cop erschossen worden war. Ein Polizist mochte nicht, dass ich am hellen Nachmittag in der Nähe des Tatorts mit einem Kollegen recherchierte, und weil wir uns nicht verscheuchen lassen wollten, wurden wir in Handschellen gelegt und ins Gefängnis gebracht. Nach wenigen Stunden ließen sie uns wieder frei. Aber mein „Mugshot“, das sogenannte Verbrecherfoto, ist bis heute leicht im Internet zu googeln.

Wollten Sie schon immer Journalist werden?

Graw: Seit ich zehn Jahre alt war. Als Sieben- oder Achtjähriger war ich anspruchsvoller, da wollte ich Schriftsteller werden und Abenteuerromane über den Wilden Westen schreiben wie Karl May.

Was war Ihr erster Beitrag?

Graw: Irgendetwas als Zwölf- oder Dreizehnjähriger über einen Erfolg des TTV 1971 Gey, den Tischtennisverein, den mein Vater gegründet hat – veröffentlicht in der „Dürener Zeitung“. Allerdings noch ohne Namenszeile und ohne Honorar.

Gibt es einen Beitrag, der Ihnen heute peinlich ist?

Graw: Aktuell habe ich mich wirklich sehr geärgert, dass ich Donald Trump bis zum Schluss völlig unterschätzt habe. Zwar befand ich mich da im Einklang mit nahezu allen US-Journalisten und mit praktisch sämtlichen Demoskopen – und ich glaube, nicht einmal Donald Trump rechnete mit seinem Sieg. Trotzdem bin ich auf mich selbst immer noch ausgesprochen sauer wegen dieser Fehleinschätzung.

Salopp formuliert: Wäre ein „Donald Trump“ in Deutschland auch möglich?

Graw: Ein Donald Trump ist in Deutschland unmöglich! So wie er bis zum Herbst in den USA unmöglich war. Die Dürener haben eine Antenne für Ironie, oder?

Populisten haben immer mehr Auftrieb: Welchen Anteil haben die Medien?

Graw: Ich glaube nicht, dass es „die Medien“ gibt, und selbst die Definition von „den Populisten“ ist schwierig. In den USA trug Breitbart.com massiv zum Sieg Trumps bei, ein extrem populistisches und rechtsaußen sehr beliebtes Internet-Portal. Und natürlich war auch Barack Obama 2008 ein Populist mit seinen „Change-we-can-believe-in“-Phrasen. In Deutschland haben wir die AfD auf der einen Seite und Die Linke auf der anderen Seite, beide sind populistisch. Die Verantwortung der Medien besteht darin, sich der Wahrheit so dicht anzunähern, wie es nur möglich ist. Wir dürfen uns nicht mit knackigen Parolen abspeisen lassen, wenn nach Lösungen gesucht wird, aber wir dürfen auch nicht aus Gründen der politischen Korrektheit reale Missstände oder Probleme verschweigen oder verniedlichen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Graw: Meine Frau würde sagen: Twittern. Meine Tochter würde sagen: Lesen. Ich sage: Jeden Montagabend beim Fußballspielen in einer Truppe von Filigrantechnikern und Rumpelfüßlern die Sau rauslassen. Zu den Filigrantechnikern gehöre ich dabei leider ganz und gar nicht.

Sind Sie noch häufig in der alten Heimat?

Graw: Meine „ganz alte Heimat“ ist ja Essen, wo ich geboren wurde. Aber eingeschult wurde ich in Düren, und dann bauten meine Eltern ein Haus in der leeven Jey, wo ich den Rest meiner Grundschulzeit und meiner Kindheit und Jugend erlebte. Mein Vater ist vor zehn Jahren leider verstorben, aber meine Mutter lebt noch in Gey und mein jüngerer Bruder in Köln, darum bin ich mindestens einmal im Jahr daheim. Ich habe auch noch enge Freunde aus meiner Stift-Zeit, und ich bin wirklich traurig, dass ich es vor ein paar Wochen nach der Präsidentschaftswahl wegen dienstlicher Termine nicht geschafft habe, am Abitreffen teilzunehmen. Das Abitur haben wir 1981 gemacht; ich weigere mich nachzurechnen, wie viele Jahre das her ist. Gut 20, oder?

Verfolgen Sie, was in Düren und Umgebung passiert?

Graw: Ein wenig. Meine Mutter hält mich auf dem Laufenden und witzigerweise noch mehr der ältere Bruder, der zwar in Schleswig-Holstein wohnt, aber die Dürener Presse online nach News durchkämmt und mich informiert, wenn er meint, ich müsste mal wieder etwas lesen, was nichts mit Trump zu tun hat.

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