Vom Ruhrpott in die Höhengemeinde: Pater Chi Thien Vu lebt sich ein

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
7225959.jpg
„Ich mag diesen Ort“, sagt Chí Thién Vu. Das Schul-Treppenhaus sei ein Sinnbild für Weggabelungen im Leben der Menschen. Foto: Stephan Johnen

Vossenack. Es gibt viel Landschaft im Hürtgenwald. So viel, dass Pater Chí Thién Vu seinen Augen erst einmal nicht trauen wollte. Für den neuen Schulseelsorger am Franziskus Gymnasium war die Ankunft in Vossenack so etwas wie ein kleiner Kulturschock. Dabei ist der 40-Jährige ein Mensch, der mit zwei Kulturen aufgewachsen ist und in seinem Leben schon viel erlebt und gesehen hat.

Als Kind flüchtete Vu mit seiner Familie aus Vietnam, das Schicksal führte sie nach Deutschland. Doch die Abgeschiedenheit Vossenacks war für Vu eine Überraschung. Zumindest im direkten Vergleich zur Dortmunder Innenstadt, wo er zuletzt drei Jahre als Priester in einer Pfarrgemeinde tätig war. „Ich bin noch dabei, mich einzuleben“, sagt Vu und lacht. Seit Ende des vergangenen Jahres ist er im Amt. Schnell habe er festgestellt, dass „in der Landschaft auch Menschen leben“. Und er fühle sich willkommen. „Es braucht Zeit, bis Vertrauen entsteht“, weiß Vu.

Ein „Reisebruder“

Chí Thién Vu ist das, was Franziskaner schon einmal augenzwinkernd einen „Reisebruder“ nennen. Seine Familie lebt quer über die Republik verteilt, er pflegt die vietnamesische Kultur in Deutschland und kümmert sich um zwei franziskanische (Schul-)Projekte in Vietnam. Will heißen: Neben seinen Aufgaben in Vossenack ist Vu viel in der deutschen Franziskanerprovinz und beizeiten auch in der Welt unterwegs. Und wann hat seine Reise zu Franziskus begonnen? Vu muss nicht lange überlegen. „Franziskus war schon immer da. Nur war ich selbst noch nicht entschlossen“, sagt er. Nachdem in er in Bayern sein Abitur gemacht hat, studierte er Theologie in Münster. „Ich stand vor der Entscheidung, eine Familie zu gründen oder Priester zu werden“, sagt Vu. „Franziskus war stärker.“

Das Ideal des Ordensgründers, unter den Menschen zu leben, mit ihnen zu arbeiten und den Bedürftigen zu helfen, habe ihm stets zugesagt.

Geboren wurde Chí Thién Vu vor 40 Jahren in Vietnam. „Christen werden dort damals wie heute benachteiligt und verfolgt“, sagt er. Seine Familie wollte den Repressalien entkommen. Sein Vater und andere Familienmitglieder hatten zwei Boote gebaut, alle Vorbereitungen getroffen. Chí Thién war damals acht Jahre alt. Nach dem Sonntagsgottesdienst wollten die jüngeren Generationen die Flucht wagen. Chí Thién sollte seine Schwester zum etwa zehn Kilometer entfernten Hafen begleiten. Auf dem Weg haben sich die Kinder verlaufen. Als sie mit erheblicher Verspätung ankamen, hatten die Boote abgelegt. „Es war für meinen Vater zu riskant, alles aufzugeben“, sagt er. Der Achtjährige und seine Schwester blieben bei den Großeltern zurück, während ein Großteil der Familie einem ungewissen Schicksal entgegen steuerte.

„Alle sind damals in südlicher Richtung aufs Meer rausgefahren. In der Hoffnung, dass sie von einem Boot aufgenommen werden“, berichtet Chí Thién Vu. Sein zweitältester Bruder und seine Tante wurden von Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck, der tausende vietnamesische Flüchtlinge rettete, an Bord genommen und kamen nach Deutschland. Die anderen Flüchtlinge aus Vus Familie landeten in einem Zwischenlager in Indonesien.

„Wir haben Telegramme bekommen, dass alle heil angekommen sind“, erinnert sich Vu. Die Verwandten standen in Kontakt, doch es sollte zwei weitere Jahre dauern, bis die Familie wieder vereint war. Während die in Deutschland gelandeten Mitglieder eine amtliche „Familienvereinigung“ anstrebten, nahm Vu das Schicksal selbst in die Hand. Zwei Fluchtversuche endeten im Gefängnis. „Nach einigen Tagen wurde ich wieder zu meinen Großeltern geschickt“, sagt er. „Ich war ja noch ein Kind.“ Ein weiterer Versuch mit Verwandten jedoch glückte, ein Wiedersehen mit der ganzen Familie gab es in Deutschland.

Schon oft hat Vu diese Geschichte erzählt. In Wilhelmshaven, wo er zunächst zur Schule ging, in Bayern, wo er sein Abitur machte, im Münsteraner Priesterkolleg, als Diakon und Pfarrer im Ruhrgebiet. „Ich bin dankbar dafür, dass ich immer wieder erzählen durfte“, sagt er. Vermutlich habe ihm dieser Prozess geholfen, die Erlebnisse zu verarbeiten. Und die Welt zum Teil mit anderen Augen zu sehen. „Diese menschliche Not, diese Gefahr, dieses Gefühl, nichts mehr in der Hand zu haben und alles zurücklassen zu müssen: All das hat mich geprägt“, sagt Vu. Sein Dank gilt den Menschen, die den Flüchtlingen, seiner Familie und ihm geholfen haben. Er überlegt, auch in Vossenack über seine Erfahrungen zu reden. Über die aktuellen Flüchtlingsströme, über die Hintergründe. Vielleicht wird er mit Schülern auch ein Flüchtlingslager besuchen. „Aber das muss gut vorbereitet werden“, findet er.

Für die Arbeit als Schulseelsorger hat er sich vorgenommen, Ansprechpartner und Wegbegleiter der Schüler zu sein. Abends isst er mit den Schülern im Internat. Er schätzt das Leben in der Gemeinschaft. „Als Außenstehender fällt es auch leichter, zwischen Lehrern, Eltern und Mitschülern zu vermitteln“, erklärt er. Vu sagt, er wolle sich nicht aufdrängen. Er möchte ankommen. Und da sein, wenn er gebraucht wird.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert