Düren/Salvador da Bahia - „Vielen Brasilianern ist die Freude am Fußball abhanden gekommen“

„Vielen Brasilianern ist die Freude am Fußball abhanden gekommen“

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:

Düren/Salvador da Bahia. „Eigentlich sind wir Brasilianer ein fußballbegeistertes Volk“, sagt Mariangela L‘honneux. „Aber vielen ist in diesem Jahr die Freude am Fußball abhanden gekommen“, zieht sie eine ernüchternde Zwischenbilanz der Fußballweltmeisterschaft in ihrem Heimatland.

Mariangela L‘honneux lebt seit zwölf Jahren in Deutschland und ist derzeit bei ihrer Familie in Brasilien, aktuell in Salvador da Bahia. Wie wir zum WM-Auftakt berichtet haben, hat sie schon vor der WM kritisch auf ihre Heimat geblickt und die Proteste verfolgt. Aber jetzt, da sie wieder in Brasilien ist, wird ihr das Konfliktpotenzial noch viel deutlicher bewusst.

„Da werden für viele Millionen Stadien gebaut und in den Krankenhäusern fehlt es an allem, in den Schulen gibt es viel zu wenige Lehrer“, beschreibt die 36-Jährige verärgert. „Die Menschen hier sind enttäuscht. Sie hatten gehofft, dass die Fußballweltmeisterschaft für sie etwas Positives bringt.“ Das Land sei reich, das Geld aber ungerecht verteilt.

Mariangela L‘honneux beschreibt ein geteiltes Land. Sie beschreibt, wie viele Straßen bunt geschmückt sind, wie Fans die Seleção anfeuern und den Fußball feiern. Sie beschreibt aber auch die Teile der Gesellschaft, für die „korrupte Politiker“ den Fußball, einem Lebenselixier der Brasilianer, „kaputt gemacht“ haben.

Ein Beispiel, an dem diese Schere ebenfalls deutlich wird, ist die Rückenverletzung des brasilianischen Superstars Neymar. Natürlich wird in Brasilien über seine Verletzung und die Auswirkungen auf das Spiel diskutiert. „Viele sind traurig, dass er im Halbfinale fehlt“, weiß die Brasilianerin.

Aber der Sport ist nur eine Seite der Medaille: Andere rücken mehr die Tatsache in den Mittelpunkt, dass er viel Geld hat und sich medizinisch optimal behandeln lassen kann. „Das ist nicht für alle Brasilianer selbstverständlich“, betont Mariangela L‘honneux. Die temperamentvolle Frau hätte sich gewünscht, dass auch die Fußballstars das Augenmerk auf die sozialen Probleme im Land gelenkt hätten, weil ihre Stimmen vielleicht Gehör gefunden hätten. „Aber auch dort regiert das Geld“, kommentiert sie.

Das Halbfinale wird sich Mariangela L‘honneux trotz aller Kritik an Staat und Politik mit Freunden und Familie anschauen. „Für mich gibt es auf jeden Fall einen Grund zur Freude, weil ich mit beiden Ländern verbunden bin“, sagt sie. Noch lieber hätte sie diese Spielpaarung aber im Finale gesehen.

2:1 für die Seleção

Auch Capoeira-Trainer Gustavo Guimarães Vossen, der seit drei Jahren in Düren lebt, blickt stets aufmerksam auf die Ereignisse in seinem Heimatland und wünscht sich, das sich endlich etwas verändert – jetzt, wo die Welt nach Brasilien schaut. Dienstagabend steht für ihn aber die Freude am Fußball im Vordergrund. „Es ist zwar schade, dass Neymar verletzt ist und Silva gesperrt ist, aber wir haben genügend andere gute Spieler, um gegen Deutschland zu gewinnen.“ Das Spiel wird er wahrscheinlich mit brasilianischen Freunden auf dem Kaiserplatz verfolgen. Sein Tipp: Ein knappes 2:1 für die Seleção.

„Und dann wünsche ich mir, dass wir im Finale gegen Argentinien spielen. Das wäre so, wie für die Deutschen ein Finale gegen die Niederlande“, beschreibt Gustavo Guimarães Vossen. Die beiden Länder seien eben große Konkurrenten – auf dem Fußballplatz.

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