Verwirrung, Verärgerung und Chaos um Notunterkünfte

Von: smb, ja, sis, bugi
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Die Turnhalle am Cornetzhof dient bereits als Notunterkunft für 150 Personen: In einer Mail der Bezirksregierung wurden nun alle Kommunen aufgefordert, 70 Notunterkunftsplätze zu schaffen. Foto: smb

Kreis Düren. Die Anweisung der Bezirksregierung Köln, dass alle Kommunen und der Kreis Düren jeweils mindestens 70 Notunterkunftsplätze für Flüchtlinge schaffen müssen – und das eigentlich bis Montag, spätestens aber bis Mittwoch – hat am Freitag im Kreis Düren für Verwirrung, Verärgerung und zum Teil hektische Betriebsamkeit gesorgt.

Die Zustände waren chaotisch, der Informationsfluss mangelhaft, die Formulierungen der Bezirksregierung missverständlich. Mehrere Bürgermeister und Dezernenten erfuhren erst in einem Anruf aus der DZ-Redaktion, was auf sie zukommt. Eigentlich hatte die Bezirksregierung ihr Amtshilfeersuchen schon am Donnerstag verschickt – aber eben nicht an alle.

Diesen Fehler versuchte der Kreis Düren nun am Freitag auszubügeln. Und trotzdem waren nach Recherchen unserer Zeitung auch am Nachmittag noch nicht alle Rathäuser im Bilde. „Wir haben keine Nachricht erhalten“, erklärte Dürens Beigeordneter Paul Zündorf. Und auch Niederziers Bürgermeister Hermann Heuser war mehr als überrascht.

„Ich weiß nicht, wie wir das leisten sollen“, sagte Kreuzaus Sozialdezernent Guido Steg.

Überall – egal ob in der großen Stadt Düren oder im kleinen Heimbach – sollen also bis Montag 70 Notunterkunftsplätze bereitgestellt werden. Das macht in 15 Kommunen plus dem Kreis Düren 1120 Plätze. Immerhin räumt die Bezirksregierung denjenigen, die das übers Wochenende nicht schaffen, zwei weitere Tage ein.

Für Entspannung in den Rathäusern sorgte dieser Zusatz allerdings nicht. Ratlosigkeit und auch Hilflosigkeit bestimmten das Bild. „Wir haben aktuell 137 Flüchtlinge in der Gemeinde, jetzt sollen mal eben 50 Prozent oben drauf kommen. Das ist mehr als schwierig“, sagte Hürtgenwalds Bürgermeister Axel Buch.

„Wenn eine kleine Kommune kurzfristig genauso viele Plätze bereitstellen soll wie eine Millionenstadt, ist das nur begrenzt nachvollziehbar“, kommentierte Nideggens Kämmerer Marco Dederichs die Anweisung aus Köln. Gleichwohl hat er sich sofort an die Arbeit gemacht und begonnen, die Ausstattung, insbesondere die Betten, anzuschaffen.

„Das wird das größte Problem, wenn alle Kommunen zeitgleich das entsprechende Material benötigen.“ Wo die Unterkunftsplätze in Nideggen vorgehalten werden sollen, war noch vollkommen offen. Dederichs: „Da kann nur eine Bürgerbegegnungsstätte oder eine Sporthalle infrage kommen.“

Von der DZ informiert, reagierte auch Heimbachs Bürgermeister Peter Cremer. Nun wird die Stadt das Nationalparkgästehaus in Hergarten nutzen. Dort kann die Verpflegung mit einem Caterer gewährleistet werden. Das Haus mit seinen 55 Plätzen steht aber erst ab Mittwoch zur Verfügung, da eine Aachener Schule mit zwei Klassen kommt. Sollten nun in der Tat Flüchtlinge nach Heimbach geschickt werden, muss die Stadt anderen Gruppe absagen, die das Haus in den nächsten Wochen gemietet haben.

Guido Steg wies auf ein weiteres Problem hin: „Wir haben bisher nur Erfahrung mit der normalen Unterbringung und Versorgung gemacht. Jetzt brauchen wir einen Wachdienst, eine Betreuung rund um die Uhr, müssen die medizinische Erstversorgung und die Registrierung leisten.“ Wie das gehen soll? Auf diese Frage wusste am Freitag kaum jemand eine Antwort.

Mit diesem Problem ließ die Bezirksregierung die ohnehin vor den Kopf gestoßenen Kommunen alleine im Regen stehen. „Das ist innerhalb so kurzer Zeit nicht zu schaffen“, sprach Hermann Heuser von „glatter Überforderung“ der Kommunen. Das Notfallkonzept der Gemeinde Niederzier sieht zwar die Unterbringung in der Turnhalle der Grundschule Niederzier vor – Ausrüstung sei vorhanden –, nicht aber die Betreuung, Registrierung und die medizinische Versorgung.

„Die Bezirksregierung macht es sich zu leicht“, ärgerte sich Paul Zündorf. „Wir haben keine Betten mehr und können auch die Versorgung auf die Schnelle nicht sicherstellen.“ Zündorf kündigte an, dass die Stadt erst einmal nicht tätig werde.

„Es wird schon niemand auf der Straße schlafen müssen“, zeigte sich Merzenichs Bürgermeister Peter Harzheim dennoch ein bisschen zuversichtlich. Er dachte schon mal laut über Turnhallen oder eine Tennishalle nach. Außerdem sei die Gemeinde gerade dabei, weitere Häuser in Morschenich bezugsfertig zu machen. Aber selbst wenn Räume gefunden werden: „Der Markt an Betten ist bundesweit quasi leer gefegt“, sagte Kreisdirektor Georg Beyß. Die Lieferfristen für Sanitärcontainer sind lang.

Der Kreis wird die zusätzlichen Flüchtlinge in der ehemaligen Kaserne Gürzenich-Wald unterbringen. Dabei wurde die Kapazität dort ohnehin gerade erst von 500 auf 750 Plätze erhöht. Beyß betonte, dass sich Kommunen bei der Einrichtung der Plätze auch gegenseitig helfen können. Ob das gelingt, ist fraglich: Schließlich sind viele Kommunen schon bei der regulären Flüchtlingsunterbringung an ihre Grenzen gestoßen.

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