Verein Philippos will verwaisten Eltern neuen Halt geben

Von: Nina Leßenich
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Traumatisches Erlebnis: Wenn ein Kind stirbt, müssen nicht nur die Eltern betreut werden. Der Verein Philippos will auch Angehörigen, wie etwa Geschwisterkindern, helfen, mit dem Schicksalsschlag umzugehen. Foto: stock/Ulmer

Kreis Düren. Seinen ersten Geburtstag hat Philippos nicht erlebt. Als der Sohn von Mona und Alexander Markantassis im vergangenen Mai stirbt, ist er gerade einmal vier Monate alt. Für die jungen Eltern bricht eine Welt zusammen – und mit ihrer Trauer fühlen sie sich alleingelassen.

„Im Krankenhaus haben sie uns gefragt, ob wir einen Seelsorger wollen“, erinnert sich Mona Markantassis. Der jedoch habe damals überhaupt nicht zur Verfügung gestanden. „Und dann steht man da“, sagt Markantassis. Alleine, mit einer Trauer, von der man nicht wisse, wie man sie jemals verkraften soll. „Für uns war eigentlich sofort klar, dass wir Hilfe brauchen“, sagt ihr Ehemann Alexander.

Doch eine Trauerselbsthilfegruppe aus der Region habe nicht auf ihre Anfrage reagiert, eine Gruppe speziell für verwaiste Eltern gab es nicht und auf einen Therapieplatz mit psychologischer Betreuung müsse man sehr lange warten. „Wir sind einfach nirgendwo untergekommen“, sagt Alexander Markantassis.

Anderen Eltern helfen

Trotz oder gerade wegen dieser traumatisierenden Erfahrung finden Alexander und Mona Markantassis jedoch die Kraft, sich für andere verwaiste Eltern einzusetzen. Im vergangenen Dezember gründeten sie den gemeinnützigen Verein Philippos e.V. – benannt nach ihrem verstorbenen Sohn. „Das Ziel unseres Vereins ist es, verwaiste Eltern direkt nach dem Schicksalsschlag, also gleich nach dem Tod ihres Kindes, aufzufangen“, sagt Mona Markantassis. Derzeit arbeite der Verein, der aktuell elf Mitglieder umfasst, an einer Informationsmappe für Eltern. Von Notfall-Kontaktadressen über Rechte und Pflichten nach dem Tod eines Kindes soll die alle wichtigen Informationen zusammenfassen.

„In Krankenhäusern bekommt man manchmal nur einen knapp formulierten Merkzettel und das war es dann“, sagt Alexander Markantassis. Das wolle man ändern. Der Verein Philippos wolle sich jedoch nicht nur um die verwaisten Eltern kümmern. „Im Grunde verfolgen wir drei Ziele“, erklärt Mona Markantassis. Das erste sei die Unterstützung der Eltern.

An zweiter Stelle solle es auch darum gehen, Angehörige und Helfer aufzufangen – und zu schulen. „Menschen, die nach dem Tod eines Kindes als Erste bei den Eltern sind, müssen sensibel geschult werden“, sagt der Dürener Kinderarzt Florian Ott, ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins. Besonders Ersthelfer – egal ob Mediziner, Polizisten oder Rettungspersonal – dürften sich nicht erst im Ernstfall mit dem Thema befassen.

„Es gibt viele Situationen, in denen Kinder sterben können“, sagt Ott. Potenzielle Helfer müssten auf diese Eventualität professionell vorbereitet sein. „Und hierfür möchten wir die Ausbildung in der Notfallmedizin noch deutlich verbessern.“ Das dritte und wohl ehrgeizigste Ziel des Vereins sei daher ein umfangreiches Projekt in Kooperation mit der pädiatrischen Intensivstation der Uniklinik Köln. „Nach dem Vorbild des ‚PIN‘ Hannover soll die Uniklinik gezielt in pädiatrischer Notfallmedizin geschult werden“, sagt Markantassis. „PIN“ steht für Pädiatrisches Intensivnetzwerk und ist ein Verbund von über 40 Kliniken in Niedersachsen, die es sich zum Ziel gemacht haben, die Sterblichkeit von Neugeborenen und Kindern bei lebensbedrohlichen Erkrankungen gegen Null zu senken.

In diversen Workshops sollen die Ärzte der Uniklinik Köln im Rahmen dieses Projektes von den Kollegen aus Hannover geschult werden. Dort gibt es das Projekt bereits seit dem Jahr 2001. „Unser Ziel ist es, dass die Uniklinik Köln danach als Multiplikator dienen und die Informationen an alle Kinderkliniken und Kinderarztpraxen in der Region weitergeben kann“, sagt Markantassis.

Langfristig solle das Projekt auf ganz Nordrhein-Westfalen ausgeweitet werden. Für Kliniken und Praxen sollen bei diesen Schulungen keine Kosten entstehen. „Unser Verein soll als Förderverein dienen“, sagt Mona Markantassis. Um seine Ziele komplett durchsetzen zu können, werde der Verein jährlich voraussichtlich rund 750.000 Euro benötigen. „Dafür sind wir auf Spenden angewiesen“, sagt sie. Mitgliedsbeiträge erhebe der Verein trotzdem bewusst nicht. „Wir wollen, dass sich bei uns jeder engagieren kann – unabhängig vom eigenen Einkommen und den finanziellen Möglichkeiten“, erklärt sie.

Wenn sie in die Zukunft blicken, dann hoffen Alexander und Mona Markantassis sowie Florian Ott vor allem, dass ihre Arbeit eines Tages nicht mehr nötig sein wird. „Wir wollen erreichen, dass das Gesundheitssystem sich eines Tages von selbst mit diesem Thema befasst“, sagt Ott. „Es wäre schön, wenn es unseren Verein irgendwann nicht mehr bräuchte, um dieses Umdenken anzustoßen“, sagt auch Mona Markantassis.

„Es muss normal sein, dass Mitarbeiter in Krankenhäusern und Arztpraxen sowie Helfer in diesem Bereich geschult werden.“ Bis es soweit sei, wolle man aber in kleinen Schritten vorwärts gehen. „Jetzt ist uns erst einmal wichtig, Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen“, sagt Markan-tassis – damit betroffene Eltern wüssten, wo sie anrufen könnten, um Halt zu finden.

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