Verein „basta!“: Anlaufstelle für sexuell missbrauchte Kinder

Von: Gudrun Klinkhammer
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Stop den Missbrauch an Kindern: Der Verein „basta!“ kümmert sich seit fast zehn Jahren um sexuell missbrauchte Jungen und Mädchen und um ihre Mütter. Foto: stock/Roland Mühlanger

Düren. Was empfindet eine Mutter, deren Kind sexuell missbraucht wird? „Die Not der Mütter ist oft unbeschreiblich, es gibt sogar Mütter, die aufgrund der Situation traumatisierter sind als ihre Kinder“, sagt Sigrid Bergsch.

Sie ist im Vorstand des Vereins „basta!“tätig. Dabei handelt es sich um einen Verein, der seinen Sitz in Düren hat und gegen den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen angeht. Zudem übernimmt sie entsprechende Beratungsarbeit beim Paritätischen in Düren und leitet die Selbsthilfegruppe (SHG) „Mütter sexuell missbrauchter Kinder“.

Bergsch: „Bei einigen Müttern schlägt sich die manchmal jahrelange psychische Belastung in körperlichen Krankheiten nieder.“ Da die SHG in diesem Punkt präventiv aktiv ist, wird sie von den Krankenkassen anerkannt. In eine unsägliche Lage geraten die Mütter auch aufgrund der Pflicht, ihr Kind vor dem Täter oder der Täterin schützen zu müssen. Bergsch: „Das wird ihnen oft vom eigenen Umfeld unmöglich gemacht.“

Die Fachfrau nennt einige Zahlen. Im Jahr 2005 kamen in 97 Prozent der angezeigten Fällen die männlichen oder auch weiblichen Täter aus dem Umfeld des missbrauchten Kindes, nur drei Prozent waren völlig fremd. Neben den eigenen Angehörigen wie dem Vater oder dem Onkel können es auch Trainer, Lehrer oder Vereinsmitglieder sein, die sich an Kindern wie zum Beispiel an Stieftöchtern vergreifen. 2014 wurden dem Verein „basta!“ 66 Fälle bekannt. Ob es zur Anzeige kommt, hängt auch vom Zustand des Kindes ab. Ist das Kind nicht stabil genug, um einen Prozess eventuell sogar gegen den eigenen Vater durchzustehen, dann muss zunächst einmal das Kind stabilisiert werden.

Drei Mütter kamen 2014 zur SHG „Mütter sexuell missbrauchter Kinder“ hinzu und suchten bei Sigrid Bergsch auch das Einzelgespräch. Waren es vor zehn Jahren hauptsächlich Mädchen, die missbraucht wurden, sind es inzwischen zunehmend Jungs. Bergsch: „Die Prozentzahl liegt – geschätzt – bei 40 Prozent Jungs und 60 Prozent Mädchen.“ Was auffallend ist: „Die Jungs schämen sich fast mehr als die Mädchen, Opfer zu sein.“

Es gibt missbrauchte Kinder, die sind psychisch so stabil, dass sie den Missbrauch ohne große Hilfe überstehen. Bergsch sagt, es seien etwa ein Drittel. Doch viele der Kinder und Jugendlichen driften ab, greifen zu Drogen, erleiden eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und anderes. Bergsch: „Das größte Problem der Mütter ist oft, dass sie sich Vorwürfe machen, zunächst nichts gemerkt zu haben.“ Die Signale der missbrauchten Kinder können unterschiedlich sein, die Ursache auch nicht direkt ausgemacht werden. Indizien sind Verletzungen. Doch kann es auch zu Schlafstörungen kommen, Bettnässen, Bauchschmerzen, Sprachstörungen, Appetitlosigkeit, Rückfall ins Kleinkindverhalten, Angstzustände, Schulschwierigkeiten, Kontaktprobleme, der Rückzug in Phantasiewelten bis zur Selbstzerstörung.

Zur Vorgehensweise der Täter sagt Bergsch: „In fast allen Fällen geht der Täter strategisch vor. Er bringt dem Kind vermehrte emotionale und materielle Zuwendung entgegen, Berührungen sind wie aus Versehen und vom Kind nicht einzuordnen.“ Übergriffe werden als Spiele und Zaubertricks verpackt. Bereits jetzt arbeitet er gegen die Mutter, weil der Täter dem Kind Geheimhaltung abverlangt. Weiter gehört zum Vorgehen des Täters, die Mutter schlecht zu machen, sie dem Umfeld und dem Kind gegenüber „abzustempeln“. Es fallen Sätze wie: „Ihre psychische und physische Verfassung ist labil, sie ist überempfindlich, kompliziert und lieblos.“

Zudem werden Familie und Partnerin gerne von der Außenwelt abgeschottet. Der Täter intrigiert, irgendwann gilt die Mutter als hysterisch, eifersüchtig auf das Kind, psychisch krank und verrückt. Kindesmissbrauch kommt in allen Gesellschaftsschichten vor.

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