Unterwegs mit Oliver Krischer: Er kennt die Melodien der Eifeler Vögel

Von: Sandra Kinkel und Carsten Rose
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Überraschungsgast aus der eigenen Familie: Vor dem Nationalparktor trifft Oliver Krischer (Mitte) seinen Vetter und Jäger Markus Blatzheim. Foto: Rose, Kinkel
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Markus Blatzheim ist als Jäger in der Eifel aktiv. Foto: Rose, Kinkel

Kreis Düren. Wenn man mit Oliver Krischer vor dem Dürener Tierheim steht und ihn fragt, welchen Geschöpfen er sich als Erstes zuwenden würde sind es: Vögel. Für Krischer wäre die Voliere neben dem Burgauer Wald besonders interessant, weil er dort viele Vögel aus Südamerika sieht.

Rassen, die er mal nicht am Gesang erkennt – anders als bei denen im Burgauer Wald und in der Eifel, dessen Melodie er ohne Probleme heraushört. Zudem sind ihm „mehrere Hundert Arten in Europa“ bekannt. Krischer ist seit 30 Jahren Ornithologe.

Vor dem Dürener Tierheim, der ersten Station einer Tour durch den Kreis, um den Menschen vom Politiker Oliver Krischer zu unterscheiden, erzählt er, wie er fast 20 Jahre lang per Hand in einen Kalender eingetragen hat, an welchem Tag er wo welchen Vogel gehört hat. Heute macht er es in einem Internetforum. Und wenn er dort von den etwa 20 anderen Vogelexperten aus dem Kreis eine interessante Beobachtung liest, überlegt er oftmals: „Soll ich rausfahren und selbst mal schauen und hören?“ In der Natur und umgeben bekommt Krischer vom Wahlkampf sowie Bundestagsreden und Ausschüssen in Berlin den Kopf frei. Gerne auch mit Freunden, die sein Hobby teilen, im Kaukasus-Hochgebirge – in 3000 Metern Höhe hört man spannende Rassen.

„Heimelig, aber beengend“

Als der Heimbacher Stadtteil Hergarten, ein 500-Seelen-Dörfchen, näher rückt, sagt Krischer: „Jetzt wird es heimelig.“ Krischer ist dort aufgewachsen, im Schwimmbad hat er in den Ferien Aushilfsjobs gemacht, am 1. Mai sämtliche Landmaschinen auf den Dorfplatz getragen, wofür es mächtig Ärger gab. „Hier kennt jeder jeden“, sagt der 48-Jährige. „Das macht es eben heimelig, aber eben gleichzeitig auch beengend.“ Die Ornithologie ist da ein gutes Beispiel, meint er: Als Jugendlicher war er schon mit Fernglas unterwegs, um Vögel zu beobachten, und wurde deswegen „auch belächelt“.

Den Grünen ist er 1989 beigetreten, als er sich von einem Wahlplakat vor seinem Elternhaus angesprochen gefühlt hat – und vom Ehrgeiz getrieben: „Ich habe mich so oft über den Stadtrat aufgeregt, dass ich selbst aktiv werden wollte.“ Am selben Abend wurde er zum Kassierer des eben erst gegründeten Ortsverbandes gewählt. Dass sein Vater in der CDU war, die die große Mehrheit in der Stadt hatte, störte ihn nicht. Der Vater saß dann später auch als Grüner im Stadtrat. Krischers Söhne (19 und 16) sind bei der Grünen Jugend aktiv, der älteste sei sein „größter Kritiker“ – inbesonderes was „die Frisur in der Tagesschau“ angehen würde. Ihnen will er für ihr (politisches) Leben einen Rat auf den Weg geben: „Man darf nichts ungeprüft glauben, sondern muss alles hinterfragen, um am Ende seine eigene Haltung bilden zu können.“

Krischer beneidet seine Söhne für ihre musikalische Ader, beide spielen Klavier. „Ich habe mich in der Schule im Theater versucht, aber ich bin schnell zum Regisseur geworden“, erzählt Krischer, „Dinge zu planen, wurde mir eher in die Wiege gelegt.“ Dass er musikalisch unbegabt war, macht er mit der Blockfläten-Anekdote aus dem Vorschulalter deutlich: Weil er es nicht hinbekommen hat, seine Finger richtig über die Löcher zu gleiten lassen, damit auch nur ein einziger richtiger Ton herauskommt, hat er die Blockflöte zertrümmert. Dabei war sie aus stabilem Holz. „Ich habe einen Wutausbruch bekommen. Meine Mutter sagte oft, dass ich ein jähzorniges Kind war.“

Krischer selbst bezeichnet sich heute als „Kind der Region“, er lebt mit seiner Familie im Dürener Süden, am Stadtrand, naturnah, Vögel als Nachbarn. „Meine Frau sagt oft zu mir: ,Du hörst mir gar nicht richtig zu, du bist wieder beim Kleiber‘“, erzählt Krischer. Und er bezeichnet sich als jemanden, der nach dem Auszug aus dem Elternhaus Zeit seines Lebens in Wohngemeinschaften gelebt hat. In Berlin bildet er mit seiner Bonner Parteikollegin Katja Dörner eine grünen Abgeordneten-WG („Wahrscheinlich die einzige Abgeordneten-WG“), auch während des Biologie-Studiums in Aachen hat er mit anderen Studenten zusammengewohnt.

Das sechsjährige Studium ist ein Lebensabschnitt, der Krischer noch nachhängt: er hat keinen Abschluss, dabei hatte er sich immer als künftiger „Naturforscher in der Arktis“ gesehen. „Ich musste nur noch zwei Jahre die Diplomarbeit machen, aber dann ist meine Frau schwanger geworden und sie konnte ihren Job nicht aufgeben. Das wäre ein Riesenkraftakt gewesen“, erzählt Krischer. „Aber es bleibt ein Riesenfehler, dass ich sievor mir hergeschoben, aber nie angefangen habe.“

In Heimbach vor dem Nationalparktor im alten Bahnhofsgebäude trifft Krischer seinen Vetter Markus Blatzheim – als Überraschung. „Mittlerweile sehe ich Oliver häufiger im Fernsehen als privat. Aber er hat halt einfach viel um die Ohren.“ Blatzheim ist Jäger und genau wie Bio-Landwirtin Sabine Zentis der Meinung, dass die Wildschweine im Nationalpark zunehmend ein Problem werden. Die Zahl der Tiere nimmt zu. Die Schweine zerstören Felder und Wiesen. Zentis und Blatzheim wünschen sich, dass mehr Tiere geschossen werden. Dafür soll Krischer sich einsetzen. Krischer ist Vorsitzender des Fördervereins Nationalpark und – logischerweise – ein großer Freund des Nationalparks. „Ich bin sehr froh, in einer Region mit einem Nationalpark zu leben“, sagt der Umweltpolitiker. „Der Nationalpark tut uns gut.“ Krischer wird ernst, er kennt die Problematik mit den Wildschweinen. „Das ist ein bundesweites Problem. Die Zahl der Wildschweine steigt. Ich werde anregen, dass sich alle Parteien noch einmal gemeinsam an einen Tisch setzen, um eine gute Lösung zu finden.“

Eine Lösung ist auch für den Umgang mit dem Dieselskandal nötig. Dieses Thema kann auf der Tour nicht fehlen, also trifft Krischer auf Rolf Ferebauer, Vorsitzender der Kfz-Innung im Kreis Düren, in dessen Betrieb. Krischer fährt seit einem Jahr ein Elektroauto, in der heimischen Garage steht aber auch ein Diesel. „Nach der Wahl muss der Familienrat entscheiden, was damit passiert.“ Tatsache ist: Krischer hat nichts gegen Autos. „Ich komme aus der Eifel“, sagt er lachend. „Ich habe dem Tag entgegengefiebert, an dem ich endlich selbst fahren durfte.“ Auch mal weiter weg zu den Vögeln, versteht sich.

An seinem ersten Auto, einem grünen Escort, der manchmal irgendwie komisch hüpfte und deswegen den Spitznamen „Frosch“ hatte, hat Krischer gerne selbst geschraubt und auch schon mal Roststellen weggelötet. „Das hat sogar der TÜV akzeptiert.“ Autos, sagt Krischer, würden zu unserer Welt noch lange dazugehören. „Und zwar viel länger als ich selbst. Aber der Abgas-Skandal ist einfach organisiertes Staatsversagen. Das macht mich wütend.“

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