Unterwegs mit Dietmar Nietan: Ein schmächtiger Junge und Wortführer

Von: Sandra Kinkel und Carsten Rose
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Zu Gast in der Dürener Fatih-Moschee: Die deutsch-türkischen Beziehungen liegen Dietmar Nietan am Herzen. Foto: Carsten Rose
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Am Miesheimer Weg trifft der SPD-Bundestagsabgeordnete die Sozialarbeiterin Simone Schneider. Foto: Carsten Rose

Kreis Düren. Dietmar Nietan muss neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als seine Lehrerin einen neuen Klassenkameraden angekündigt hat. „Seid ein bisschen vorsichtig“, habe sie damals gesagt. „Euer neuer Mitschüler hat es nicht so leicht im Leben.

Er streitet sich gerne.“ Was hat Dietmar Nietan gemacht? Als er merkte, dass sein neuer Klassenkamerad fast den gleichen Schulweg hat, sprach er ihn einfach mal an. „Klar hatte ich etwas Angst, weil ich ein schmächtiges Kind und der neue Junge viel größer war als ich. Aber es hat geklappt. Ich hatte mit dem Neuen nie Schwierigkeiten.“

Vielleicht ist es diese Geschichte, die viel über den Menschen Dietmar Nietan verrät. „Es ist wichtig, miteinander zu reden“, erzählt Nietan vor dem Dürener Burgau Gymnasium, der ersten Station durch den Kreis Düren, um den Menschen hinter dem SPD-Politiker besser kennenzulernen. Miteinander ins Gespräch kommen, Ungerechtigkeiten ansprechen, sich für andere einsetzen – genau das sind die Dinge, die Nietan immer schon wichtig waren.

Und die ihm bis heute wichtig sind. Der zweifache Familienvater, der bis zum letzten Tag gerne zur Schule gegangen ist, war ab der fünften Jahrgangsstufe Klassensprecher und später auch Schülersprecher am Burgau-Gymnasium. „Ich war nicht aufsässig“, sagt er heute. „Sondern immer höflich. Die Lehrer waren immer Respektpersonen. Gleichwohl habe ich die Dinge immer beim Namen genannt. Wenn mir Ungerechtigkeiten begegnet sind, habe ich nie geschwiegen.“

Etwas, wofür sich Nietan damals eingesetzt hat, steht noch heute: das Volleyballnetz auf dem Schulhof.

Legendäre Feiern

Die Arbeit in der Schülervertretung (SV) sei es gewesen, erzählt Nietan, als er auf Simone Schneider von der Mobilen Jugendarbeit am Miesheimer Weg trifft, die seine Jugend geprägt habe. „Am Gymnasium haben wir die legendären ‚Burgau-Discos‘ organisiert, wir waren zum Glück eine recht reiche SV. Und natürlich hat das Orga-Team mitgefeiert. Außerdem habe ich mit meinen Freunden oft Fußball gespielt.“ Seine noch heute besten Freundschaften habe Nietan zwischen den Lebensjahren zehn und 14 kennengelernt.

Natürlich weiß Nietan, dass der Miesheimer Weg ein echter Brennpunkt in Düren ist. Der Ausländeranteil ist hoch, viele Menschen fühlen sich von der Politik alleingelassen. Im Gespräch mit Simone Schneider wird Nietans Gerechtigkeitssinn deutlich. „Sozialarbeiterinnen wie Frau Schneider“, sagt er später, „sind für mich wahre Helden unserer Gesellschaft. Zu oft werden die, die viel Geld verdienen, als Helden bezeichnet.“

Eine weitere Station der Tour beschreibt Nietan als den „schönsten Stadtteil“ Dürens: der Grüngürtel. Eine Gegend, die wie keine zweite in Düren zur SPD-Klientel passt. Nietan schätzt an Dürens Nordosten den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nietans Traumberufe als junger Mann haben allerdings wenig mit dem Grüngürtel zu tun: Naturforscher, Tierfilmer und Zoodirektor wäre er gerne geworden, Naturfotografie ist als Hobby heute geblieben.

Sein großes Idol war Bernhard Grzimek, in den 60er und 70er Jahren der wohl bekannteste deutsche Tierforscher und -filmer. „Seine Sendung war die einzige, für die ich als Kind abends länger aufbleiben durfte“, erinnert sich Nietan, der nach dem Abitur angefangen hat, Biologie und Sozialwissenschaften an der Uni Köln zu studieren. Jedoch ohne Abschluss.

Denn die Geburt seiner Tochter und sein kommunalpolitisches Engagement ließen es nicht zu. „Manchmal bereue ich es, keinen Abschluss zu haben, weil es einem nachgetragen wird. Aber ich bin deswegen kein schlechterer Bundestagabgeordneter als andere. Viel wichtiger ist es doch, das Herz am richtigen Fleck und einen Gerechtigkeitssinn zu haben.“

Pläne für die Zukunft

Ein Thema, das in Arbeitervierteln quasi omnipräsent ist, ist die Rente. Hat Nietan schon Pläne für seine private Zukunft? „Ich habe mir noch keine konkreten Gedanken gemacht“, sagt er. Er könnte sich jedoch gut vorstellen, seinen Lebensabend häufiger (oder für immer?) in den Niederlanden zu verbringen. In Walcheren in Zeeland verbringt er schließlich seit 1985 – seitdem ist er mit seiner Frau zusammen – jeden Sommerurlaub. „Die Gegend, die lockeren Menschen waren Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Nietan über seine „zweite Heimat“.

Ein weiterer Ort, an dem es sich lohnt, über das Thema Arbeit zu sprechen, ist vor der Firma Neapco. Dietmar Nietan ist mit Blick auf den Erhalt des Unternehmens und der Jobs im Hintergrund eingebunden. Eine für ihn wichtige Arbeit, die eher im Verborgenen stattfinde und über die man „nicht einfach mal so Pressemitteilungen“ verschickt. Ein langwieriger Prozess.

Sein erstes Geld hat Nietan mit dem Zivildienst verdient: Am Lendersdorfer Krankenhaus pflegte er Patienten in der Chirurgie – auch nach Zivi-Ende während des Studiums am Wochenende. In den Ferien hat der junge Nietan sein Geld mit Akkordarbeit erarbeitet. Aber nicht in einer Firma, sondern in der Natur: „Ich habe bei einer Gärtnerei Stecklinge gepflanzt. Jetzt kann man sich streiten, ob das schöner ist, als im Akkord Schrauben zusammenzusetzen.“

Nietan bezeichnet sich als gläubigen Christen und er ist Vorsitzender der Koordinierungsgruppe Türkei seiner Partei – in diesen Tagen nicht unbedingt eine leichte Aufgabe. Daher ist auch die Fatih-Moschee an der Veldener Straße eine Station. „Auch bei dem Thema gilt, dass wir miteinander sprechen müssen.“ Ihm sei wichtig, zu Muslimen einen engen Draht zu haben. „Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen unterschiedlicher Religionen Vieles gemeinsam haben.

Diese Gemeinsamkeiten müssen wir herausarbeiten.“ Er ist stolz darauf, dass er von türkischen Mitbürgern gehört habe, dass er „sie kritisieren darf, weil er ihnen zuhört“. Wertschätzung für andere, sagt Nietan, sei immer die Basis für seine politische Arbeit gewesen. „Das spüren die Menschen.“

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