Wacken/Heimbach/Lendersdorf - Unsere Leser in Wacken: Eigenes Luxus-Dixi macht den Unterschied

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Unsere Leser in Wacken: Eigenes Luxus-Dixi macht den Unterschied

Von: Franz Sistemich
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Die Gruppe „Brotherhood of Metal“ mit Mitgliedern aus dem Kreis Düren und Aachen auf dem Wackener Campingground. Foto: Feron
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Die Gruppe „Brotherhood of Metal“: (v.l.) Guido Harth, Michael Harperscheidt, Martin und Jakob Oetzel sowie im Hintergrund Katrin und Peter Feron. Foto: Feron
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Die Brüder Richard (l.) und Helmut Boje (r.) mit ihren Söhnen mitten im Schlamm auf dem Festival-Gelände in Wacken im Jahr 2015. Foto: Boje

Wacken/Heimbach/Lendersdorf. 2015 waren die äußeren Bedingungen ganz schlimm. Wacken „soff“ ab. Die Lkw, die die Dixi-Toiletten von den Campingflächen abholen und neue hinbringen sollten, kamen nicht auf die Wiesen. Ob die Campingflächen oder das „Holy Wacken Land“, das eigentliche Festivalgelände: Das ganze Areal war eine einzige Matschfläche, matschiger als sonst üblich.

Wattwanderung in Stiefel oder barfuß bei Metal-Musik und Schlafen in Zelt und Schlamm bekamen eine neue Bedeutung. 2015 war das Jahr, in dem Richard Boje zum ersten Mal das weltgrößte Heavy-Metal-Festival am Rande des 360 Tage im Jahr beschaulichen 1800-Einwohner-Dorfes in der schleswig-holsteinischen Provinz besuchte. „Ich bin ein Spätberufener“, sagt der Bankkaufmann, den Kunden der Filiale in Kreuzau oder Besucher der Heimbacher Ratssitzung nur als Mann in Anzug und mit Krawatte kennen.

Katrin Feron aus Lendersdorf ist dagegen seit 2002 Stammgast in Wacken. Zum 14. Mal zieht es sie jetzt in den Norden. „Fast mein halbes Leben“, sagt die 30-Jährige und lächelt. Nur 2003 und 2004 musste sie passen. Während Richard Boje und sein jüngerer Bruder Helmut mit ihren Söhnen Oliver und Daniel und drei weiteren Freunden ins Metal-Mekka reisen, ist Katrin Ferons Tross größer, aber: „In diesem Jahr sind wir nur 15 Personen, wir waren aber schon mit 25 Freunden in Wacken.“

Mit sechs Pkw und einem Sprinter sind Feron & Co. in der vergangenen Nacht aufgebrochen. An Bord neben den Zelten fast alles, was der routinierte Festivalbesucher so braucht. Beispielsweise das eigene Dixi-WC, erzählt Martin Oetzel (Aachen). Er gehört wie sein 16-jähriger Sohn Jakob, der seine Wacken-Premiere feiert, Michael Harperscheidt aus Düren, Guido Harth (Gürzenich), Katrin Feron und ihr Mann Peter zu der „Brotherhood of Metal“ (BoM), die jedes Jahr in einem Schlicher Saal ein Metal-Konzert veranstalten. Weil der Unterschied zwischen einem öffentlichen und einem privaten Dixi doch ein enormer ist, haben sich Katrin Feron und ihre Freunde ein eigenes Dixi gekauft. „Ein Luxus-Dixi“, schwärmt Peter Feron.

150 LED-Lämpchen hellen das schwarz gestrichene Innere auf. Es gibt einen Stecker für den Rasierer, einen Spiegel (für die Frauen) und – besonders wichtig – eine vernünftige WC-Brille. „Aber auch sonst haben wir alles, was das Leben auf dem Campground leichter macht“, erzählt Michael Harperscheidt. Dazu zählen: ein 40 Quadratmeter großes Partyzelt, Bierzeltgarnituren, Strom, Kühlschränke, Grill, feste (Eier und Kartoffel für Bratkartoffeln mit Spiegelei zum Frühstück) und flüssige Verpflegung: „In diesem Jahr haben wir einige Hundert Dosen Bier mit“, sagt Guido Harth. Es wird gefeiert in Wacken. Geschlafen wird so gut wie gar nicht. Oder anders formuliert: Wer schlafen will, muss trotz dröhnender Mucke die Augen schließen können. Metal knallt eben nicht nur aus den Boxen der „BoM“.

So unterschiedlich von Alter oder Beruf her die Festivalbesucher aus der Region überhaupt sind, so unterschiedlich sind auch die Metal-Geschmäcker von Katrin Feron und ihren Kumpanen. Während Vater Martin Oetzel eher auf die Band „Saxon“ steht, gehört zu den Favoriten von Sohn Jakob „Sabaton“. Und Guido Harth hat kein Problem damit, stundenlang im Bullhead City Circus auszuhalten. In diesem Tausende Zuhörer fassenden Zelt wird auf zwei Bühnen mit das härteste und lauteste Heavy Metal des Festivals gespielt.

„Das ist ja das Tolle: Wir sind eine Gruppe, aber jeder hat seinen eigenen Geschmack“, sagt Harperscheidt. Und so diskutieren sie kontrovers, ob so manche Band überhaupt zu diesem Festival gehört. Dass Deep Purple vor Jahren die Metalheads begeisterte, an den kommenden Tagen Status Quo und Alice Cooper die Ohren der 75 000 Besucher nach dem Wacken-Motto „Louder than hell“ – „Lauter als die Hölle“ – zudröhnten, an diesen Auftritten bestand und besteht kein Zweifel: „Diese Gruppen gehören zu den Vätern des heutigen Heavy Metals“, ist die einhellige Meinung. Dass Heino mit „Rammstein“ Wacken rockte, wird auch akzeptiert: „Das war Kult.“ Und so geraten Harperscheidt, Harth, die beiden Ferons und Oetzel ins Schwärmen: „Iron Maiden war im vergangenen Jahr super, davor Judas Priest einfach nur Klasse.“ Aber Foreigner in weißen Hosen ginge überhaupt nicht.

Und so diskutierten sie auch über Bands, deren Namen für die breite Masse unbekannte sind und überhaupt: Ja, was macht denn eigentlich Wacken aus? Die Musik, die Party, der Matsch? Der stundenlange Stau auf Autobahn und Landstraße, bevor das Campinggelände angefahren werden kann, kann es ja wohl nicht sein. „Wacken – man kommt einfach nach Hause“, sagt Guido Harth. Und Martin Oetzel meint: „Das Gesamtpaket stimmt einfach.“ „Die Festivalbesucher und ihr großer Zusammenhalt, die Musik, der Regen, der Matsch und natürlich der Ort selbst“, zählt Peter Feron auf. Dorfbewohner und Metalheads haben sich ins Herz geschlossen. Und so ist es kein Wunder, dass ein kleiner versteckter Biergarten einer älteren Frau am Rande des Dorfes zu den Lieblingsorten der „Brotherhood of Metal“ gehört.

Klein war auch einmal das Festival. 800 Fans kamen zur Premiere, Katrin Feron erinnert sich, dass bei ihrem ersten Besuch 35.000 Anhänger des Heavy Metals campierten und sie trotzdem praktisch aus dem Zelt die Bühne zum Greifen nahe hatte. Dass dem Wacken-Festival inzwischen vorgeworfen wird, sich auch dem Kommerz zu nähern, sehen Katrin Feron & Co. gelassen: „Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Sie ist halt so.“

Und deswegen ist es halt auch so, dass Spätberufene wie Richard Boje die Lust auf Wacken verspüren: „2015 war das matschigste Jahr überhaupt. Und trotzdem oder vielleicht auch deshalb war es ein unvergessliches Erlebnis. Deshalb bin ich in diesem Jahr wieder da. Und ich freue mich drauf.“

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