Vossenack - Unmoralisch, aber ein Mordsvergnügen

Unmoralisch, aber ein Mordsvergnügen

Von: Stephan Johnen
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Tödliches Wiedersehen in einem gottverlassenen Kaff: Claire Zachanassian trifft ihre Jugendliebe Alfred Ill - und fordert dessen Tod. Foto: Johnen

Vossenack. Herzschlag. Keine Frage. Welche andere Diagnose als ein natürlicher Tod käme auch sonst in Frage, nachdem ein Dorf die Hetzjagd auf einen Einzelnen eröffnet hat, weil dessen möglichst zeitnah einzutretender plötzlicher Tod die desaströse Lage noch zum Guten wenden kann.

Herzschlag! Keine Frage. Da ist selbst der Polizist auf beiden Augen blind. Ja, „der Besuch der alten Dame” in der Aula des Franziskus-Gymnasiums war ein mörderisches Vergnügen. Auf der Strecke blieben bei der Aufführung des Hohenloher Figurentheaters nur der Krämer Alfred Ill und die Moral. So, wie es Friedrich Dürrenmatt wollte - und es wohl täglich auch abseits der Bühne Realität ist.

Claire Zachanassian, die als Milliardärin in ihren Heimatort Güllen zurückehrt, ist aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt: Sie ist beseelt davon, an ihrer Jugendliebe Alfred Ill Rache zu nehmen. Dieser hatte Claire damals des Geldes wegen verlassen. Und nun besitzt die Verlassene das nötige Kleingeld, um sich die vermeintliche Gerechtigkeit zu kaufen, um Gott zu spielen. „Die Welt machte mich zur Hure. Und ich mache sie zum Bordell”, sagt sie - und stellt den Bürgern der heruntergekommenen Stadt ein unmoralisches Angebot, das diese nicht ablehnen können: eine Milliarde für den Tod Alfred Ills. Ihre Spekulation auf die menschliche Gier und die menschlichen Schwächen nimmt ihren tödlichen Lauf...

Bei der Inszenierung von Johanna und Harald Sperlich saß den Zuschauern das Grauen im Nacken. Düster, morbid, gallig - fantastisch. Wie ein Blick in das vereiste Herz der Claire Zachanassian taten sich Szene für Szene Abgründe in einer auf den ersten Blick intakten Dorfgemeinschaft auf. Das kollektive Unglück, so schien es, hat die Güllener zusammengeschweißt. Doch wie brüchig die Nahtstellen der Moral waren, zeigte sich, als die Milliardärin wie eine Rächegöttin ins Spiel kam. Als eine Parodie der Gerechtigkeit. Während sich das Dorf korrumpieren lässt, ist es einzig Ill, der seine Schuld anerkennt - und geläutert wird. Immerhin einer.

Die aus der Werkstatt von Günter Weinhold stammenden Figuren erwiesen sich in diesem mörderischen Spiel dank Johanna und Harald Sperlich als alles andere als holzschnittartige Charaktere. Die Spieler hauchten den Figuren angesichts des dräuenden Todes eine schier unglaubliche Lebendigkeit ein. Da blieb kein Herz unberührt.

Geburtstagsfeier: 25 Jahre Franziskus-Stiftung

Die Aufführung des „Besuchs der alten Dame” fand im Rahmen der Geburtstagsfeier zum 25-jährigen Bestehen der Franziskus-Stiftung statt. Die Stiftung schüttet in diesem Jahr 110.000 Euro zur Förderung der franziskanischen Jugendarbeit aus. Unterstützt werden dabei unter anderem in Vossenack das Franziskus-Internat und das Franziskus-Gymnasium, das ExArt Musiktheater, das Figurentheater „De Strippkes Trekker” und der Kloster-Kultur-Keller.

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