Trauerbegleitung für Kinder: „Essen die Würmer Papa auf?“

Von: Sarah Maria Berners
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Wenn ein Angehöriger stirbt, muss die Welt neu geordnet werden: In einer neuen Trauergruppe können Kinder zwischen sechs und elf Jahren ihre Trauer verarbeiten. Foto: stock/Bernhard Classen

Düren. In der einen Sekunde ist ein Kind, das gerade einen geliebten Menschen verloren hat, glücklich. In der nächsten weint es oder stellt aus heiterem Himmel eine Frage, die für Erwachsene nicht unbedingt leicht zu beantworten ist. „Pfützentrauer“ nennen das die Fachleute.

Kinder springen in die Pfützen der Trauer hinein und gleich wieder hinaus. Kinder trauern anders als Erwachsene. „Erwachsene sind in der Lage, sich in Worten auszudrücken. Kinder haben andere Ausdrucksformen“, sagt Edeltrud Behr.

Manche trauernden Kinder bekommen Wutanfälle, andere schreien, andere werden sehr still. Manche Kinder werden schlechter in der Schule, andere beginnen, sich einzunässen. Trauer und ihre Folgen sind sehr individuell, allgemeingültige Aussagen gibt es nur wenige. „Wichtig ist es, die Trauer und den Verlust zu verarbeiten“, betont die Trauerbegleiterin. Dafür bleibe im Alltag aber oft nicht genug Zeit. Und wie hilft man einem Kind, mit seiner Trauer umzugehen?

Was heißt „für immer“?

Um junge Kinder dabei zu unterstützen, ihre Trauer auszudrücken, bietet die Trauerbegleiterin Edeltrud Behr ab diesem Monat erstmals eine Trauergruppe für Kinder im Alter von sechs bis elf Jahre an. In Köln – beim Verein „TrauBe“ (Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) – hat sie damit bereits gute Erfahrungen gemacht. „Parallel dazu gibt es eine Gruppe, in der sich die erwachsenen Angehörigen austauschen können“, erklärt Trauerbegleiterin Silke Strunk, die die Erwachsenengruppe begleitet.

Denn mit dem Tod eines geliebten Angehörigen müssen alle lernen umzugehen. „Die Endgültigkeit des Todes ist vielen jüngeren Kindern noch nicht bewusst. Das Todesverständnis ist ein ganz anderes“, erklärt Behr. Kinder würden oftmals glauben, dass eine verstorbene Person wiederkommt. Wenn sie merken, dass das nicht passiert, können Kinder auch wütend werden. „In der Trauerarbeit ist daher auch Bewegung wichtig. Die Wut muss raus“, betont Edeltrud Behr.

Trauernde Kinder würden oftmals dazu neigen, die trauernden Erwachsenen zu schützen. „Aber es ist wichtig, dass sie einen Raum für ihre Trauer haben, einen Raum, in dem sie keine Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen müssen“, sagt Edeltrud Behr, die genau diesen Raum schaffen will. In den Treffen sollen die Kinder reden können oder ihre Gefühle in kreativen Arbeiten ausdrücken und die Wut im Bauch einfach austoben. Die Kindertrauergruppe sieht Edeltrud Behr als Präventionsarbeit. „Die Kinder können den Verlust verarbeiten. Das ist wichtig, damit unterdrückte Gefühle nicht Jahre später hochploppen.“ Wichtig sei es dabei auch, die Fragen der Kinder zu beantworten. Auch, wenn diese manchmal sehr unerwartet sein können. Aber was soll man auf die Frage „Essen die Würmer jetzt meinen Papa auf?“ antworten?

In der Trauerarbeit gehe es auch um die Enttabuisierung der Trauer. „Darüber redet man nicht“ gibt es in der Gruppe nicht. „Kinder legen mit ihren Fragen selbst fest, was und wie viel sie wissen möchten. Sie fragen nur das, was sie aushalten können“, betont Silke Strunk, die als Ratschlag festhält: „Sage nie etwas, was nicht gefragt worden ist.“ Im Gespräch könnten Angehörige abfragen, was die Kinder unter dem Tod verstehen, und so lernen, ihre Antworten anzupassen. Indem Angehörige Fragen mit Gegenfragen begegnen, könnten sie sich an Antworten herantasten.

Von allen Verbindungen zum Begriff „Schlafen“ raten die Trauerbegleiterinnen ab, auch das Wort „entschlafen“ halten sie für nicht gut geeignet. „Die Verbindung zum Schlafen kann Ängste auslösen“, weiß Silke Strunk. Bevor Kinder in die Trauergruppe kommen, führt die Trauerbegleiterin Edeltrud Behr ein Gespräch mit dem Kind und seinen Angehörigen. „Wenn ein Angehöriger stirbt, muss die Welt neu geordnet werden. Das ist eine große Herausforderung“, erzählt Edeltrud Behr. Kinder würden verschiedene Reaktionen erleben und müssten lernen, damit umzugehen. Rituale, eine Erinnerungskiste – es gibt viele Wege, einen Verlust zu verarbeiten. „So kann man auch einmal in der Woche ein Lieblingsessen des Verstorbenen kochen“, nennt Edeltrud Behr ein Beispiel. Es sei wichtig, das Thema Tod nicht auszusperren, den Verstorbenen zu verorten, Erinnerungen zu bewahren.

„Je nach den Umständen des Todes, beispielsweise nach einem Suizid, kann auch eine therapeutische Begleitung sehr sinnvoll und wichtig sein“, erklärt Behr. Sie verdeutlicht auch, dass die Trauergruppe keine Therapie ersetzen könne, sondern eine Ergänzung sei. Wie lange ein Kind die Trauergruppe besucht, ist sehr unterschiedlich, weiß Behr aus Erfahrungen in Köln. „Trauer ist eben sehr individuell.“

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