Thomas Lüttgens: Einblicke in ein Leben voller Geschichten

Von: Anke Holgersson
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Tierisch spannend: Der Roman „Straße der Diebe“ von Mathias Énard über einen jungen Nordafrikaner in Barcelona ist ein Buchtipp von Thomas Lüttgens. Foto: Holgersson

Nideggen. Thomas Lüttgens wird von Vielen Tom genannt. Forciert habe er das seit seiner Kindheit aber nicht mehr. Damals wollte der heute 62-Jährige, der als einer der Geschäftsführer das Kulturzentrum „Komm“ und daneben das Kindertheater „Die Mimosen“ leitet, nämlich genau so heißen wie sein Lieblingsheld Tom Sawyer.

Bestand der doch mit Huckleberry Finn die wildesten Abenteuer in den Büchern von Mark Twain. „Diese wunderbaren Geschichten immer wieder zu lesen war sicherlich einer der Gründe für meine Liebe zu den Büchern“, sagt er am gemütlichen Esstisch sitzend, der umrahmt wird von zwei prall gefüllten Bücherregalen.

Tom Sawyer ist zwar beim letzten Umzug 2014 von Birgel nach Nideggen nicht mit umgesiedelt worden. Zumindest nicht in die „gute Stube“ des Hauses. Dieses Buch liegt mit etwa 80 Prozent der ursprünglichen Buchsammlung in einer der Kisten, die im Keller untergebracht sind. Erzählen kann Lüttgens, der langjährige Kindertheater-Regisseur, aber umso lebhafter von dessen Streichen. Die im Esszimmer verbliebenen Buchreihen werden hauptsächlich von Bildbänden, Theaterstücken und philosophischen Abhandlungen gefüllt: Die Bücher von Karl Marx und Friedrich Engels sind dort neben dem Koran zu finden. Angrenzend finden sich zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethes Schriften, die Stücke von George Bernard Shaw sowie die Werke von Leo Tolstoy und Albert Camus.

Letzterer habe ihn in der Schulzeit besonders beeindruckt. „Ich habe meine Kriegsdienstverweigerung mit Camus begründet“, erinnert er sich und muss dann lachen. „Ich zitierte unter anderem seine These, dass man nicht gleichzeitig den Selbstmord ablehnen und Mord legalisieren kann.“ Auch wenn Lüttgens heute kein überzeugter Existentialist mehr ist. Die Begeisterung für die philosophischen und fiktionalen Texte von Camus ist geblieben.

Andere Bücher haben ihre Bedeutung für sein Leben schon lange wieder verloren. „Ich war so bekloppt, jahrelang zu versuchen, Heidegger zu verstehen. Wochenlang, auch im Urlaub“, bedauert er. Auf die Frage, weshalb das denn bekloppt sei, steht er auf, greift sich Heideggers Hauptwerk und zitiert einen verschlungenen Satz, der mehrfach die Worte Dasein und ontisch enthält. Er schlussfolgert: „Das zu lesen, war mein Versuch, irgendetwas von der Welt zu begreifen. Aber es war bekloppt.“ Mehr Gnade findet da Immanuel Kants Idee vom „kategorischen Imperativ“. Denn das bedeute ja ganz simpel ausgedrückt: „Was man nicht will, was man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“

Kleine Philosophie-Geschichte mit Thomas Lüttgens, dem man beim Reden auf sehr sympathische Art und Weise anmerkt, dass er seit 15 Jahren als Mitglied der „Skunksitzung“ Kabarett und Comedy macht. Theater hat er „immer schon nebenbei“ gemacht. Erst neben dem Lehramts-Studium der Fächer Kunst und Deutsch, später als Berufsschul-Pauker für Wirtschaftslehre. Diese Fachrichtung schlug er ein, weil die Fächerkombination Kunst und Deutsch zu Beginn seiner Berufstätigkeit bei den Schulen nicht gefragt war.

Schließlich stand er auch als Leiter einer Jugend- und Kultureinrichtung in Neuss nebenbei auf der Bühne. Er machte sogar eine Ausbildung zum Pantomimen, über die er lächelnd urteilt: „Das war damals, Ende der Siebziger, en vogue“. Er war mit dem selbst gestrickten Straßentheaterstück „Don Popo, Pepe und sein Huhn“ in Spanien unterwegs und spielte mit der Gruppe „Therapeutenquartett“ zum Beispiel den geizigen Hypochonder Argan in „Der eingebildete Kranke“. 1988 gründete er das Kindertheater „Die Mimosen“ und das Selber-Spielen rückte zugunsten seiner Regie-Arbeiten in den Hintergrund.

Die Liebe zum Theater führte ihn zu einem der größten Werke der Weltliteratur, das erstaunlicherweise in Deutschland kaum bekannt ist, zu dem indischen Versepos „Mahabharata“. Die neunstündige Theaterfassung des Briten Peter Brook hat ihn so tief beeindruckt, dass er sich über die Jahre immer wieder mal damit befasst hat. Diese mythische Geschichte des Kampfes zweier verfeindeter Familienclans sei so komplex, teilweise verstörend und unergründlich, dass in jeder Lebensphase andere Aspekte an Bedeutung gewännen. Denn hier setzten sich die Elemente „Gut und Böse“ permanent miteinander auseinander. Doch das Buch, das als eines der umfangreichsten der Welt gilt, ließe sich nicht auf diesen Gegensatz reduzieren, und zeige immer neue Facetten. So, meint Lüttgens, verstehe er gutes Erzählen.

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