Theaterstück: Der Lügenbold auf Suche nach der Wahrheit

Von: Anke Holgersson
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Lügenbold Mira Christoffels, Prinzessin Kurzbein (Judith Lange), der Zwergenhofstaat und das Stigma: „Lügen haben kurze Beine“. Das Bühnenbild stammt von Lea Schulze. Foto: Anke Holgersson
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Lügenbolds Mutter (Jil Dreßen) wird umrahmt von den beiden Darstellern des Lügenbolds: Mira Christoffels und Daniel Peil.

Niederau. Was ist wahr, was differenzierungsbedürftig, was Lüge? In der Gesellschaft der Gegenwart – geprägt von Gruppen und Individuen, die sich gegenseitig der Wahrheitsverfälschung bezichtigen – ist vielleicht keine andere Frage so dringend und aktuell wie diese.

Das fanden auch die zwölf jungen Schauspieler des Jugendclubs „Ernas Erben“. Unter der Leitung von Marion Kaeseler spielten sie am Donnerstagabend die Uraufführung von „Lügenbolds Reisen“ auf Schloss Burgau. Der besondere Kniff der Inszenierung: Die Zuschauer wanderten mit den Akteuren von Raum zu Raum.

Die Reise vom Lügenbold, der auszieht, um das Lügen zu verlernen (oder die Wahrheit zu finden), begann auf der Eingangstreppe vor dem Schloss. Er wird von seiner Umwelt des Lügens bezichtigt, fühlt sich aber unschuldig und macht sich auf, Familie und Nachbarn zu zeigen, dass er eine ehrenwerte Person ist.

Genau genommen machen sich da gleich zwei Lügenbolde auf den Weg, denn die Rolle ist doppelt besetzt. Mira Christoffels und Daniel Peil teilen sich die Hauptrolle und ergänzen einander perfekt. Während Peil den Lügenbold eher geradlinig anlegt, spielt Christoffels die Ecken, Kanten und Zweifel der Person, die sich aufmacht, den Begriff von Wahrheit zu hinterfragen. Beide spielen schon seit einigen Jahren im Jugendclub, was man ihrem souveränen Auftritt deutlich anmerkt.

Erste Station der Reise: der Hofstaat des „Volkes mit den kurzen Beinen“. Lügenbold verliebt sich in Prinzessin Kurzbein. Jetzt kennt er endlich den höheren Zweck seiner Reise. Er will nicht nur sich, sondern auch ein ganzes Volk – das Volk, für das seine Liebste die Prinzessin ist – von dem Stigma des Lügenvorwurfs („Lügen haben kurze Beine“) befreien. Um dann zurück zu kommen und die Prinzessin zu heiraten.

Moralisch gestärkt macht er sich auf den Weg. Im Rittersaal von Schloss Burgau trifft er auf die personifizierte Lüge (wunderbar eindringlich gespielt von Robin Natus) und eine Wahrsagerin (Eva Stallbaum), die jeweils für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit zu sagen.

Er begegnet also hier dem Phänomen „Aussage gegen Aussage“ und muss enttäuscht weiterziehen.

Im Trau-Erker des Schlosses findet er eine Gemeinde im Gottesdienst vor. Im Erkerzimmer gerät er in einen Strudel aus Politikern, Wirtschaftsbossen, Journalisten und Aerobic betreibenden Selbstoptimierern. Ohne, dass ihn deren Aussagen auch nur ein wenig weiterbringen würden. Weiter geht es im großen Saal des Schlosses mit einem Besuch im „Lügenlabor“, das wie eine altertümliche Nervenheilanstalt daherkommt. Der Arzt beschuldigt die Patienten, zu lügen beziehungsweise in ihren eigenen Wahrheiten zu leben.

Das bringt die Wende für das Vorhaben des Lügenboldes: Eigene Wahrheit? Könnte das der Schlüssel sein? Im kleinen Saal des Schlosses begegnen dem Lügenbold sowohl Vater Morgana als auch zwei Narren, die darauf dringen, dass Wahrheit subjektiv sei: „Trau dir nur selbst“ singen Vater Morgana und der Chor.

Diese These wird in der darauf folgenden Szene im Emporen-Saal untermauert. Da ist ein an René Magritte erinnernder Maler zu sehen, der die berühmte Magritte-Pfeife präsentiert. Unter diese Pfeife schrieb Magritte 1929: „Dies ist keine Pfeife“. Die Aussage: Es ist das Abbild, nicht das Ding selbst. Eine frühe Erklärung von Virtualität also, die in der Erkenntnis des Philosophen endet: „Eine umfassende und objektive Sicht der Dinge kann es nicht geben.“

Von da aus geht es auf die Empore des Schlosses, wo Lügenbold endgültig die Erkenntnis überkommt: „Ich weiß, dass ich viel weiß. Und dass ich wenig weiß.“ Was er weiß, ist, dass er die Prinzessin mit den kurzen Beinen liebt, zu der er im Schlussbild zurückkehrt. Ihr und ihrem Volk kann er verkünden, dass er sie liebt, egal, ob sie kurze oder lange Beine hat. Und dass die Wahrheit – genau wie diese Erkenntnis – nur dem Moment und dem eigenen Empfinden entspringt.

Schwieriger Stoff

„Wahrheitsfindung. Der Stoff ist schwierig, die Fragen bleiben offen, aber man hat sie zumindest einmal gestellt,“ resümiert Monika Rothmaier-Szúdy, künstlerische Leiterin des Theaters Düren und Auftraggeberin für die Inszenierung, nach der Vorstellung. Sie ist besonders beeindruckt davon, wie sich die jungen Schauspieler, die schon länger dabei sind, über die Jahre entwickelt haben.

Auch die Theaterpädagogin Marion Kaeseler ist stolz auf das, was das Ensemble, deren Mitwirkende 15 bis 22 Jahre alt sind, geleistet hat: „Ich bin glücklich, dass die Idee mit den Ortswechseln funktioniert hat. Ich finde die Aussage des Stückes, dass jeder seine eigene Wahrheit hat, gut. Natürlich, gerade Jugendliche möchten lieber klare Antworten und wir haben viel diskutiert. Besonders in der ersten Probe nach Donald Trumps Ernennung zum Präsidenten. Wir konnten es nicht glauben, dass jemand, der so unehrlich erscheint, die USA regieren würde.“

„Lügenbolds Reise“ bildet – mitunter in hektischen Bildern - die Bedrängnisse unserer Zeit ab. Das Ensemble des Jugendclubs spielt hervorragend und trotzt den teilweise schwierigen akustischen Bedingungen mit klaren, durch die Proben gebildeten Stimmen. Der Text scheint hier und da ein wenig klischeehaft. Insgesamt überzeugen Ambiente und Ensemble und machen Lust auf lebendiges, junges Theater.

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