Theaterstück bedient Klischees: „Achtung Deutsch“ begeistert Publikum

Von: Anke Hogersson
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Die Schauspieler der Multi-Kulti-Chaos-WG sorgten mit der Komödie „Achtung Deutsch“ für so manche Lachsalve. Foto: Holgersson

Düren. „Der Deutsche distanziert sich von allem, was typisch deutsch sein könnte. Mit Ausnahme von Fußball, Bier, frischer Bratwurst und Karneval“. Das ist eine der Thesen aus Stefan Vögels Komödie „Achtung deutsch!“, aufgeführt am Mittwochabend im Haus der Stadt.

Mit Hilfe dieser und anderer Ideen davon, was „typisch deutsch“ ist, versucht eine Kölner Multi-Kulti-WG, sich in eine deutsche Familie mit Anspruch auf Sozialwohnraum zu verwandeln. Der Grund: Als solche scheint WG-Chef Henrik Schlüter vor lauter Wohnungsnot seine Mitstudenten bei der Wohnungsbaugenossenschaft angemeldet zu haben: Vater, Mutter und zwei Kinder, für die Henrik sogar widerrechtlich Kindergeld einzustreichen scheint.

Der ist jedoch in den Ski-Urlaub abgerauscht, als Herr Reize von der Genossenschaft sich ankündigt, um die Wohnverhältnisse vor Ort zu überprüfen. Und so versucht der syrische Spezialist für mittelhochdeutsche Lyrik Tarik (Quadirh Ait Hamou) als kommissarischer Chef der Chaos-WG, die Situation zu retten. Dazu trimmt er die Französin Virginie (Clara Cüppers), deren italienischen Möchtegern-Lover Enzo (Nico Venjacob) und den Wiener Rudi (Matthias Kofler) darauf, dem Beamten eine typisch deutsche Familie vorzugaukeln.

Doch was bitte schön ist typisch deutsch? Auf der Suche danach werden in Stefan Vögels Komödie Stereotype und Klischees abgefeuert, um sie als das zu enttarnen, was sie sind. Eine Mischung aus Wahrheit, Gewohnheit, längst Überkommenem und vor allem: als Sackgasse bei der Annäherung an ein Land und deren Bewohner. Und so werden fröhlich auch alle anderen Nationalitäten, die im Stück vorkommen, auf in den Köpfen der Figuren vorhandene Klischees abgeklopft.

Es spricht für das Stück, dass die Figur des vordergründig typisch deutschen Beamten Herrn Reize (großartig gespielt von Steffen Laube) schließlich der offenste der Charaktere ist und nach dem Geständnis der WG-Bewohner, dass sie mitnichten verwandt, sondern Kommilitonen seien, sinngemäß sagt: „Sie halten zusammen. Sie sind mehr Familie als die meisten, die sich so nennen.“ Herrlich anzusehen waren auch die Auftritte von René Toussaint, der als Kölscher Nachbar Schröder für ordentlich Lokalkolorit und viele Lacher sorgte. Großartig auch Nico Venjacob als Enzo, der die sprachlichen Irrungen und Wirkungen mit so viel Hingabe spielte, dass die Zuschauer oftmals laut auflachten. Überhaupt gab es viel Zwischenapplaus für die Darsteller und schließlich einen verdient großzügig bemessenen Schlussapplaus.

Das überwiegend junge Ensemble überzeugte mit einer großen Frische und mit glaubhaftem Spiel, auch wenn das Skript zuweilen große sprachliche Kapriolen vorsah wie bei Virginie, deren deutsch mit französischem Akzent Clara Cüppers genau so gut hinbekam wie das antrainierte Bayrisch. Quadirh Ait Hamou – selbst Bonner marokkanischer Herkunft – spielte den Syrer Tarik mit Feingefühl einerseits und großem komödiantischem Talent andererseits.

Bei der Interpretation seiner Figur Tarik, für die am meisten auf dem Spiel steht, die Abschiebung wegen Sozialbetrug nämlich, helfen ihm ganz sicher seine muslimischen Wurzeln. Sie ermöglichten ihm auch, zum Schluss des Stückes ein arabisches Lied aus dem Koran vorzutragen, was die Zuschauer auf sehr emotionale und eindrückliche Weise daran erinnerte, dass im wahren Leben tagtäglich die Herausforderung, tolerant miteinander umzugehen, auf uns alle wartet.

Mit „Achtung deutsch!“ hat der Schauspieler, Kabarettist und Autor Jochen Busse eine wirklich sehenswerte Regie-Arbeit für das Contra-Kreis-Theater Bonn abgeliefert. Die Inszenierung feierte bereits 2011 Premiere. Seitdem hat das Stück an Bedeutung gewonnen, weil es sich um Annäherung der Kulturen bemüht. Und weil es humorvoll mit den menschlichen Schwierigkeiten, die daraus entstehen, umgeht, ermutigt es, weiter aufeinander zuzugehen.

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