Tattoos für den guten Zweck

Von: Alexander Barth
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Thomas Göbbels hat am Sonntag
Thomas Göbbels hat am Sonntag im Jugendheim Echtz mit vier anderen Tätowierern für den guten Zweck Tinte unter die Haut gebracht. Dabei kam viel Geld für einen herzkranken Jungen zusammen. Foto: Barth

Echtz. Das Szenario hat etwas von einem Wartezimmer. „Die 31, bitte!”, ruft die Frau vom improvisierten Empfangstresen der Masse der Wartenden zu. Ein junger Mann erhebt sich, zeigt sein Zettelchen vor und lässt sich schließlich auf einer Liege nieder.

Den darauf folgenden Schmerzen stellt sich der „Patient” ebenso gern wie viele andere Menschen an diesem Tag. Denn sie alle leiden hier für den guten Zweck.

Am Sonntag hat sich das Echtzer Jugendheim in ein Tattoo-Studio verwandelt. Rund 100 Menschen folgten dem Aufruf von Tätowierer Thomas Helbeck, sich für eine gute Sache „stechen” zu lassen. Das dabei gesammelte Geld kommt dem kleinen Niels zugute. Der zehn Monate alte Junge leidet an einem Herzfehler und braucht weitere Operationen.

Helbeck, der Niels Familie seit Jahren kennt, hatte vor einigen Wochen im Internet über Facebook zu der Benefizaktion aufgerufen. Bereits vor der eigentlichen Aktion spendeten viele Menschen Geld. Am Sonntag selbst sollten dann allein 13.200 Euro zusammenkommen.

Bevor überhaupt die erste Tätowiermaschine losbrummt, stehen die Leute bereits Schlange am Jugendheim. „Schon eine Stunde bevor wir losgelegt haben, war hier die Hölle los”, freut sich Thomas Helbeck. Bereits am Samstag hatten er und sein Team die Arbeit aufgenommen: „Wegen des sich abzeichnenden Ansturms haben wir da schon Leute aus dem direkten Umfeld tätowiert, die sich an der Aktion beteiligen wollen.”

Der 47-Jährige und seine Kollegen arbeiten an diesem Sonntag im Akkord. Verschnaufpausen sind selten. „Die Qualität ist trotzdem neben der Hygiene oberstes Gebot”, sagt Helbeck. Unzählige Tätowierer hätten Bereitschaft signalisiert, umsonst mitarbeiten zu wollen. Am Ende habe er Tätowierer ausgewählt, die er seit Jahren kennt. Natürlich ist auch das gesamte Team von Thomas Helbeck dabei.

Insgesamt fünf Tattookünstler und zwei Piercer verschönern Körper für den guten Zweck. Das Brummen der Tätowiermaschinen verstummt zu keiner Zeit. Einer von Helbecks Vertrauten ist Wilm Möller aus dem westfälischen Hamm. Als er von der Aktion hörte, habe er sich sofort mit dem Kollegen aus Echtz in Verbindung gesetzt: „Da überlegt man nicht lange.” Der sanfte Hüne hat selbst drei Kinder. Den Marathon der Stiche bewältigt er wie seine Kollegen halbwegs gelassen: „Man kennt das ja von den Messen.”

Vom gerade erst volljährigen Teenager bis zur resoluten Dame im besten Alter: Die gute Sache lockt Menschen aller Altersgruppen an, die deutlich gestiegene Popularität von Tattoos tut ihr übriges: Vor einigen Jahren wäre die Veranstaltung bei manchen Zeitgenossen womöglich noch in der halbseidenen Schublade gelandet, heute sind Tätowierungen akzeptierter „Volkssport”.

Thomas Helbeck bleibt, ganz Profi, trotz Trubels die Ruhe selbst: Brille auf der Nase, volle Konzentration. So bearbeitet er auch den Nacken von Jessica. Die junge Frau hat sich für ein Tattoo an empfindlicher Stelle entschieden, sie leidet sichtlich unter der surrenden Nadel.

„Aber es ist ja für den guten Zweck”, sagt sie und beißt auf die Zähne. „Gut so”, brummt Helbeck und setzt die Arbeit fort. Am Ende lächelt auch Jessica, zufrieden mit dem Ergebnis. „Die Schmerzen haben sich gelohnt.” Da hat Thomas Helbeck schon den nächsten „Patienten” unter der Nadel.
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