Düren/Langerwehe - „Tagespflege tut meiner Mutter gut und mir auch“

„Tagespflege tut meiner Mutter gut und mir auch“

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
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Angelika Nießen, Leiterin der Caritas-Tagespflegeeinrichtungen.
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Die Entscheidung für die Tagespflege fiel nicht leicht, aber für Elke Decker und ihre Mutter Christel Müller war sie die richtige. Seit drei Jahren besucht Christel Müller die Einrichtung St. Elisabeth. Foto: Berners

Düren/Langerwehe. Das Loslassen ist Elke Decker nicht leicht gefallen. „Tagespflege – das kam mir zunächst so vor, als würde ich meine Mutter abschieben“, sagt sie. Heute, gut drei Jahre später, weiß sie, dass diese Entscheidung die richtige war – für ihre Mutter, für sich selbst und für ihren Vater. 2006 begann Elke Decker aus Langerwehe, sich um ihre Eltern und deren Haushalt zu kümmern.

 Bei ihrer Mutter Christel Müller (85) wurden die ersten Anzeichen der Demenz deutlich, nach einem Sturz war sie pflegebedürftig. Die Demenz schritt fort. „Irgendwann konnten wir meine Mutter gar nicht mehr alleine lassen.“

Die Entwicklung kam Schritt für Schritt. „Meine Mutter hat immer mehr Möglichkeiten verloren, und ich musste meine Möglichkeiten erweitern, mehr Geduld aufbringen“, sagt Elke Decker. Die Unterbringung der Mutter in einem Heim war für sie und ihren Vater keine Option. Aber ein wenig mehr Entlastung, als die Haushaltshilfe sie bringen konnte, brauchten sie. Wären da nicht die Ängste und Sorgen: Wie wird sich die Mutter in der Einrichtung fühlen? Kommt sie in der neuen Umgebung zurecht? Was äußert sie? Was kann sie nicht mehr verdeutlichen?

Die Belastung für pflegende Angehörige ist groß, viele stoßen an ihre seelischen und körperlichen Grenzen. „Ängste und ein schlechtes Gewissen beschäftigen fast alle Angehörige“, sagt Angelika Nießen, die Leiterin der Caritas-Tagespflegeeinrichtungen. Sorgen, denen man am besten entgegenwirke, in dem man einen Versuch wage.

Auch Elke Deckers Skepsis und Sorgen und damit auch das schlechte Gewissen legten sich bald. „Es tut meiner Mutter gut, in der Tagespflege zu sein, und es tut denen gut, die Zuhause sind“, sagt sie. An den Tagen, an denen ihre Mutter in der Tagespflege ist, komme sie wieder zu den Dingen, die sie zuvor kaum tun konnte, zu schönen Dingen.

Mal in die Stadt gehen, mal Kaffee trinken, mal entspannen. „Häufig müssen Angehörige erst lernen, mit ihren neuen Freiräumen umzugehen“, weiß Angelika Nießen. Andere Angehörige wissen ihre Mutter oder ihren Vater in der Tagespflege gut betreut, während sie ihrem Beruf nachgehen, und am Abend sind Mutter oder Vater dann wieder in der häuslichen Umgebung. Dabei gibt es auch nahtlose Übergänge zwischen Fahrservice und Pflegedienst, bis die Angehörigen Zuhause sind.

Individuelle Entscheidungen

Elke Deckers Mutter geht zweimal pro Woche in die Tagespflege St. Elisabeth in Düren. In Tagespflege-Einrichtungen werden Senioren mit unterschiedlichen Krankheitsbildern betreut. Einige sind demenziell verändert, einige leiden an psychischen Erkrankungen, andere haben körperliche Einschränkungen oder/und sind einsam.

Christel Müller wird in Hamich abgeholt und wieder zurückgebracht. Die Betreuungszeiten sind von 8 bis 16 Uhr. Einige Tagesgäste kommen an fünf Tagen, andere nur einen. Einmal im Monat ist samstags geöffnet. Individuelle Lösungen seien sowohl für die Gäste als auch für deren Angehörige wichtig. „Drei Tage würden vielleicht gehen“, sagt Elke Decker. „Aber mit mehr wäre meine Mutter überfordert.“ Dann würden die Tage zu Hause anstrengender und die gewünschte Entlastung werde hinfällig. Eine sehr individuelle Sache sei auch die Suche nach der geeigneten Einrichtung, erklärt Angelika Nießen.

Im Kreis Düren gibt es 12 Tagespflegeeinrichtungen mit 202 Plätzen. Angehörige müssten entsprechend dem Krankheitsbild die Einrichtung auswählen, die nach Konzept und Größe die Passende sei, erklärt die Fachfrau. Der Tagesablauf in den Caritas-Einrichtungen ist immer derselbe. Selbst die Toilettengänge sind fest eingeplant. „Diese Struktur, der rote Faden, ist für unsere Gäste sehr wichtig“, erklärt sie. Aber jeder Tag werde auf eine andere Art mit Leben gefüllt. Auch was diese Aktivitäten in der Tagespflegeeinrichtung anbelange, seien die Verwandten häufig skeptisch, sagt Angelika Nießen.

„Modenschau? Karneval? Da macht Vater nicht mit“, ist ein Satz, den die Betreuer in abgewandelter Form immer wieder hören. „Aber hier leben die Eltern in einer anderen sozialen Rolle. Sie kommen losgelöst an und erfreuen sich oft an Dingen, zu denen sie zuvor keinen Bezug hatten“, erklärt Nießen. Sie müssten nicht mehr die sorgende Hausfrau und der Ernährer sein. „Das bedeutet aber nicht, dass jeder immer dabei sein muss“, betont die Einrichtungs-Leiterin. Jemandem, der schon immer den Blick aus dem Fenster genossen habe, dem müsse an auch in der Einrichtung dafür Zeit einräumen.

In der Tagespflege werden die Menschen eingebunden, die eigentliche Pflege ist dort nicht die Hauptaufgabe. Es geht um Betreuung, um Beschäftigung. Je nachdem, was sie leisten können, schälen die Gäste Kartoffeln, falten Servietten, wischen den Tisch ab. „Das bringt ein anderes Lebensgefühl“, betont Angelika Nießen und sei auch für die Betreuung zu Hause wichtig.

Die Demenz könne man mit der Aktivierung zwar nicht aufhalten, aber man könne manche Entwicklungen hinauszögern. Wichtig sei auch der Austausch mit den Angehörigen, das voneinander Lernen. Am Anfang des Aufenthaltes in der Tageseinrichtung steht daher auch Biografiearbeit. Gab es traumatische Kriegsereignisse? Was isst jemand gerne? Was hat jemand beruflich gemacht? Welche Farbe ist besonders beliebt? Solche Details sind bei demenziell veränderten Menschen wichtig: „Wer immer aus einem Pott Kaffee getrunken hat, weiß vielleicht nichts mit einer kleinen Tasse anzufangen“, erklärt Angelika Nießen.

Wichtig ist es für die Betreuer auch, zu erkennen, wenn die Tagespflege nicht mehr ausreicht, wenn eine Betreuung rund um die Uhr notwendig wird. Dann werde gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Elke Decker ist gerne bereit, sich mit Angehörigen auszutauschen. Kontakt über Angelika Nießen, Telefon 01732930464.

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