Niederzier - Tagebau Hambach: Rekultivierung fängt beim Bagger an

WirHier Freisteller

Tagebau Hambach: Rekultivierung fängt beim Bagger an

Von: Jörg Abels
Letzte Aktualisierung:
5994134.jpg
Dr. Nils Redde (3.v.r:) erklärte die Rekultivierung anschaulich vor Ort auf der Sophienhöhe – im Bild inmitten einer zweijährigen Kultur. Foto: Abels
5994139.jpg
Bergbauingenieur Holger Franken erklärte die Tagebautechnik. Foto: Abels
5994138.jpg
Herrlicher Fernblick: Am öffentlich nicht zugänglichen Aussichtspunkt im Tagebaugelände hatten die DZ-Leser einen hervorragenden Blick auf das mittlerweile rund 40 Quadratkilometer große Abbaufeld. Foto: Abels

Niederzier. Seit 1978 drehen sich im Tagebau Hambach die Schaufelräder der mächtigsten Braunkohlebagger der Welt. Um jährlich rund 40 Millionen Tonnen Kohle aus aktuell 370 Metern Tiefe zu fördern, die größtenteils verstromt wird, muss sechsmal so viel Abraum bewegt werden. Der Tagebau hat eine Ausdehnung von 40 Quadratkilometern erreicht, und damit noch nicht einmal die Hälfte der bis 2045 genehmigten Abbaufläche von 85 Quadratkilometern.

Unaufhörlich nähern sich die Bagger den Orten Manheim und Morschenich, die umgesiedelt werden, während auf der anderen Seite neues Land entsteht. Bei der Begrüßung der Teilnehmer der DZ-Sommertour machte der stellvertretende Tagebauleiter Dr. Hermann Oppenberg Dienstag keinen Hehl daraus, dass der „Tagebau die Landschaft nachhaltig und gewaltig verändert“. Aber er zerstöre eben nicht nur, sondern schaffe auch neue Landschaften. „Nur sind Aktivisten wie die Wiesenbesetzer bei Morschenich nicht bereit, sich die Rekultivierung einmal anzusehen“, ärgerte sich Oppenberg über eine größtenteils ideologische Diskussion, die die Notwendigkeit der Kohleverstromung ausblende.

Anders die DZ-Leser, die nach der kurzen Einführung von Bergbauingenieur Holger Franken zunächst an einen der Schaufelradbagger geführt wurden, die Abraum bewegen. Denn, und darauf wies Dr. Nils Redde, Leiter der Rekultivierungsprojekte bei RWE Power, hin: „Die Rekultivierung fängt beim Bagger an“. Oder mit anderen Worten: GPS-gesteuert kann Bagger 259 die benötigte Löß-Kies-Schicht mit einer Genauigkeit von vier Zentimetern abbauen. Und genau auf diesen „lebendigen Oberboden“ setzen die Förster. Die tieferen, unter Torf sauer gewordenen Kiesschichten werden zunächst aufgekippt, bevor ein anderer Absetzer das Gemisch aus Löss, Ton, Sand und Kies gut vier Meter stark als Nährboden für die neue Flora aufbringt. Der Lößanteil beträgt 30 Prozent, damit der Boden nicht verdichtet, erklärte Nils Redde.

Die grob verkippten Erdmassen werden noch nivelliert, ehe die kulturhistorisch im Rheinland beheimateten Eichen, Hainbuchen und Winterlinden gepflanzt werden oder die natürlich in der Region vorkommenden Buchen, Kirschen und Edelhölzer – beides zunächst noch versehen mit Begleitvegetation wie Weißklee, Lupinen und Sonnenblumen, schnell wachsenden Pappeln, die den jungen Trieben einen Schirm aufspannen sollen, und Erlen, die für den Nährstoffhaushalt des Bodens wichtig sind.

„Ein einziges Mal werden die so wieder aufgeforsteten Flächen gedüngt, ehe wir sie zehn bis 15 Jahre der Natur überlassen“, erklärte Redde bei einer „kleinen Zeitreise durch die Rekultivierung“ auf der seit 1978 aufgeschütteten Sophienhöhe. Dann beginnt die Pflegephase. Die Bestände werden durchforstet, die nicht mehr benötigten Pappeln entfernt und die vitalsten, die sogenannten Zukunftsbäume alle fünf bis sechs Jahre freigeschnitten, damit sich allmählich eine zweite Bestandsschicht bildet.

Jahr für Jahr fallen dem Tagebau Hambach 50 bis 75 Hektar Altwald zum Opfer. Ebenso groß aber ist die Fläche der Rekultivierung. Waren es früher bis zu 10.000 Bäume, so werden heute 5000 pro Hektar gepflanzt, jährlich mehrere Hunderttausend. Um möglichst viel Erbgut aus dem Altwand zu retten, wird selbst der Humusboden „umgesiedelt“, erklärte Redde, Gleiches gelte für Ameisenkolonien, die mithelfen, der Natur auf die Sprünge zu helfen. Die blockweise gepflanzten Baumsorten sollen sich im Laufe der Jahre miteinander verzahnen, um in 60 bis 80 Jahren einmal die Funktion des Altwaldes zu übernehmen.

Die rekultivierten Flächen, zu denen auch bewusst für Insekten angelegte Wiesen sowie Seen gehören, würden sehr schnell zum Lebensraum vieler und auch neuer Tierarten, betonte Redde. Die Altwaldbestände wie der Lindenberger Forst dienen dabei als Trittsteine. Problem seien die an den Altwald gebundenen Arten wie die Bechsteinfledermaus. Um ihr und das Überleben anderer Arten zu sichern, hat RWE daher einen Sonderbetriebsplan vorgelegt mit dem Ziel, dass die Tiere über Inseln und Korridore in der Landschaft neue Lebensräume finden.

Nur am Rande ging Redde während der kurzweiligen und informativen Führung auf die landwirtschaftliche Rekultivierung ein. Auch am Tagebau Hambach werden einmal 1000 Hektar entstehen, ihrerseits mit einer zwei Meter starken Löß-Schicht versehen, die zunächst mit Luzernen, dann von RWE mit einer Weizen-Gerste-Erbsen-Fruchtfolge bestellt werden, ehe sie an den Landwirt übergeben werden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert