Tag der Mehrsprachigkeit: Erst die Muttersprache, dann Deutsch

Von: Stephan Johnen
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„Es darf keine Hierarchie der Sprachen geben“, fordert Bengisu Doganer vom Integrationszentrum des Kreises Düren. Das Beherrschen der Muttersprache sei Grundlage des Lernens. Foto: Stephan Johnen

Düren. Mancher gut gemeinte Rat erweist sich in Nachhinein als falsch. „Wir haben Migranten lange Zeit geraten, mit ihren Kindern zu Hause Deutsch zu sprechen“, sagt Ulrich Vollmer vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Düren. „Bei Licht betrachtet kann das gar nicht funktionieren. Wir haben Eltern falsch beraten“, räumt Vollmer, der 27 Jahre als Lehrer an der Dürener Peschschule tätig war, ein.

Der Stellenwert der Muttersprache für das Erlernen der deutschen Sprache sei verkannt worden sei. „Heute wissen wir es besser. Auch die Politik hat das erkannt“, sagt Vollmer. Mit einem Tag der Mehrsprachigkeit machten er und seine Kollegen am Mittwoch auf dem Marktplatz auf das Thema Spracherwerb und Mehrsprachigkeit aufmerksam. Über 300 Kinder aus Kitas und Schulen nahmen an zweisprachigen Lesungen und Bilderbuchvorstellungen teil. Gleichzeitig standen die Mitarbeiter des Integrationszentrums für einen Gedankenaustausch zur Verfügung.

„Mehrsprachigkeit ist in der öffentlichen Meinung eine tolle Sache“, sagt Bengisu Doganer, stellvertretende Leitern des Integrationszentrums. Jedenfalls solange damit das Erlernen von Englisch und Französisch gemeint ist. „Warum haben diese Sprachen einen höheren Stellenwert als Türkisch, Rumänisch oder Russisch?“, fragt Bengisu Doganer.

„Wir müssen lernen, jede Sprache zu schätzen“, sagt sie. Zumal das sichere Beherrschen der Muttersprache die Grundlage für weiteres Lernen sei. Ulrich Vollmer berichtet von Studien, die ergeben habe, dass Kinder, die erst später nach Deutschland kamen und ihre Muttersprache in Wort und Schrift gut beherrschten, vergleichsweise leichter und besser Deutsch lernten.

Ulrich Vollmer vergleicht das Lernen von Sprachen mit einer Seerose. Eine Seerose brauche kräftige Wurzeln, um eine prächtige Blüte zu entwickeln. „Diese Blüte ist die Muttersprache“, sagt der Pädagoge. Der Erwerb einer weiteren Sprache sei wie die Bildung eines Ablegers. „Auf Basis der Muttersprache kann sich bei günstigen Rahmenbedingungen auch eine zweite Blüte beziehungsweise Sprache entwickeln“, erklärt Vollmer. Verkümmern die Wurzeln, verwelken auch die Blüten.

Ein wichtiges Instrument, das den Kindern hilft, sei der sogenannte herkunftssprachliche Unterricht. Vollmer begrüßt, dass dieser „zuletzt deutlich aufgewertet worden ist“. In Düren werde dieser an Grundschulen und weiterführenden Schulen in Albanisch, Arabisch, Griechisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch und Türkisch angeboten.

„Was noch fehlt ist Französisch. Der Zuzug vieler Familien aus Afrika hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt Vollmer. Die größte Gruppe stellen die Schüler, die Türkischunterricht bekommen – morgens, in den Schulalltag eingebettet. Bei den anderen Sprachen gibt es an zentralen Punkten Nachmittagsunterricht. „Da sind auch die Eltern gefordert, ihre Kinder zu unterstützen“, sagt Vollmer.

Er sieht seine Kollegen, die Erzieher und Lehrer und auch die gesamte Gesellschaft in der Pflicht, Familien auf diese Unterstützungsangebote hinzuweisen und neue Hilfsangebote bedarfsgerecht zu entwickeln. Gute Angebote seien beispielsweise das Mentoren-Projekt der Dürener Bürgerstiftung und das ähnlich gelagerte „Smile“-Projekt des Integrationszentrums, bei dem Sprachpaten vermittelt werden. Förderlich sei es auch, Inhalte des regulären Unterrichts mit dem herkunftssprachlichen Unterricht zu verbinden.

Die Erfahrung zeige, dass gerade in Migrantenfamilien oft der Ehrgeiz bestehe, dass Kinder einen guten Schulabschluss bekommen. „Wir erleben aktuell, dass bei Kindern deutscher Herkunft Wortschatz und sprachliche Kompetenz rückläufig sind“, sagt Vollmer. Betroffen seien besonders Familien, in denen Eltern „längere Zeit nicht am Erwerbsleben teilgenommen haben“. Sprachförderung sei ein weites Feld.

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