Suizid: Soziale Vereinsamung, emotionale Verwahrlosung

Von: Stephan Johnen
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Dr. Ulrike Beginn-Göbel ist beunruhigt über die Statistik zu Suiziden in Deutschland. Foto: sj

Düren. Was bewegt einen Menschen dazu, sich, wie am Montag im Dürener Adenauer-Park geschehen, selbst anzuzünden? „Ich beteilige mich nicht an Spekulationen“, sagt Dr. Ulrike Beginn-Göbel, Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin sowie Diplompsychologin hat sich dennoch mit dem Thema Selbsttötung beschäftigt – und der Blick in die amtliche Statistik beunruhigt sie.

10.076 Menschen haben sich im Jahr 2013 deutschlandweit das Leben genommen. Weit über 100.000 Menschen haben einen Suizidversuch unternommen. Diese Zahlen stammen aus dem „Nationalen Suizidpräventionsprogramm“ aus dem Jahr 2015. „Lange Zeit sank die Selbsttötungsrate in Deutschland“, berichtet die Ärztin. Lag sie in den 80er Jahren bei 18.000 Suiziden pro Jahr, sank sie bis auf unter 9.000. Seit dem Jahr 2007 steigt die Rate wieder deutlich an.

Hochrisikogruppe

Zur Hochrisikogruppe gehören Männer in fortgeschrittenem Alter ebenso wie Jugendliche. „Bei Jugendlichen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache“, sagt Ulrike Beginn-Göbel. Pro Jahr würden in Deutschland mehr Menschen infolge einer Selbsttötung sterben als bei Unfällen, Morden und den Folgen von AIDS zusammengerechnet.

In etwa 90 Prozent der Fälle spielte Untersuchungen zufolge eine seelische Erkrankung eine Rolle. Bei den übrigen zehn Prozent habe oft eine Zuspitzung der Lebensumstände, beispielsweise nach dem Verlust des Ehepartners oder der Eltern sowie bei einer schweren Krankheit zu dem Entschluss geführt, dem Leben angesichts extremer Belastungen ein Ende zu setzen.

Mit Blick auf die steigende Selbsttötungsrate attestiert die Ärztin unserer modernen Leistungsgesellschaft eine gefährliche Entwicklung. „Menschen sind von ihrer genetischen Programmierung und hormonellen Ausstattung her soziale Wesen, die die Gemeinschaft suchen und brauchen“, weiß sie.

Doch die Wirklichkeit sehe anders aus: Die Zahl der Singlehaushalte wächst auf immer neue Höchststände, die Vereinsamung und Verwahrlosung nimmt zu, soziale Verbände wie Familien gehen in die Brüche, immer mehr Menschen haben Bindungsprobleme und pflegen immer weniger soziale Kontakte. „Soziale Vereinsamung verkürzt statistisch gesehen die Lebenserwartung genauso wie Rauchen, Alkohol, starkes Übergewicht und Bewegungsarmut“, bilanziert Ulrike Beginn-Göbel.

„Menschen sind soziale Wesen. Seit jeher war der soziale Zusammenhalt überlebenswichtig. Doch unsere Gesellschaft entwickelt sich in eine andere Richtung“, äußert sie eine Vermutung, warum die Zahl der Selbsttötungen steigt. Gerade vor dem Hintergrund, dass bei 90 Prozent aller Fälle eine seelische Erkrankung eine Rolle gespielt haben dürfte, sei es umso wichtiger, beispielsweise Depressionen frühzeitig zu erkennen und zu therapieren.

„Der Wunsch, sein Leben zu beenden, kann Ausdruck einer nicht therapierten Krankheit sein“, sagt die Ärztliche Direktorin. Sie ruft zu mehr Achtsamkeit auf, zu mehr Aufmerksamkeit im Umgang miteinander. Denn mit den zur Verfügung stehenden Mitteln könnten seelische Erkrankungen wie Depressionen gut behandelt werden.

Mindestens genauso besorgniserregend sei die Tatsache, dass es immer mehr Gaffer gibt, oder Menschen, die wie in Düren einen Suizid filmen und das Video ins Internet stellen. „Ich finde das nicht nur pietätlos, ich finde das brutal“, urteilt Ulrike Beginn-Göbel. Statistisch schaue jeder Mensch im Alter von 17 bis 23 Jahren alle acht Minuten auf sein Mobiltelefon, um neue Kurznachrichten zu lesen.

„Wir suchen Kontakte – allerdings zunehmend virtuell“, bilanziert Beginn-Goebel. Sie hat die Befürchtung, dass Menschen riskieren, ihr soziales Gewissen zu verlieren – oder nie in der Lage waren, eines aufzubauen. Fernsehprogramm und Internet spiegelten die offenbar stark ausgeprägte Suche nach Sensationen, nach Blut und Gewalt. „Wächst dann nicht irgendwann auch das Interesse, selbst einmal dabei zu sein? Zu erfahren, wie so etwas in der Realität aussieht?“, stellt Ulrike Beginn-Göbel eine bewusst zugespitzte Frage.

In der täglichen Arbeit der Psychiatrie zeige sich, dass nicht nur Vereinsamung ein gesellschaftlicher Trend sei, sondern auch eine gewisse emotionale Verwahrlosung – gerade bei jungen Menschen. Im Prinzip fülle – bildlich gesprochen – jede positive emotionale und soziale Erfahrung besonders in der frühen Lebensphase einen Tank, aus dem die Fähigkeit des Miteinanders gespeist wird. Doch dieser Motor gerate ins Stottern, weil der Tank nicht ausreichend gefüllt ist.

Auch die Zahl der schon im jungen Alter an Überforderung leidender Menschen steige. Ulrike Beginn-Göbel sagt: „Wenn Eltern all ihre Liebe, aber auch Hoffnungen auf ein Kind fokussieren, lasten sie dem Kind gleichzeitig eine enorme Bürde auf. Der Hoffnungsträger läuft Gefahr, daran zu zerbrechen.“ Schon Abiturienten würden zu leistungssteigernden Mitteln greifen, die Zahl der Studenten, die unter seelischen Erkrankungen leiden, nehme zu.

Mobbing unter Schülern sowie Angstzustände bei Kindern seien keine Seltenheit mehr. Der Leistungsgedanke sei nicht schädlich. Werde die Leistung aber auf Kosten anderer erbracht, führe dies wiederum zu sozialer und emotionaler Vereinsamung. Ein Teufelskreis, der sich nicht förderlich auf die emotionale und seelische Gesundheit einer Gesellschaft auswirkt.

Und welche Rolle spielen Medien beim Thema Suizid? „Die Berichterstattung darf nicht Gefahr laufen, Selbsttötungen zu glorifizieren und Nachahmer zu ermutigen“, fordert Ulrike Beginn-Göbel Sachlichkeit. „Der Suizid von Torwart Robert Enke hat das mediale Interesse auf das Thema Depressionen gerichtet“, sagt die Psychiaterin. Dies habe geholfen, ein Bewusstsein für die seelische Erkrankung zu schaffen, Licht ins Dunkle zu bringen. Im Zuge der Berichterstattung hätten sich aber auch mehr Menschen selbst getötet.

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