Hamburg/Düren - Steinway and Sons, der Name steht für unerreichte Perfektion im Klavierbau

Steinway and Sons, der Name steht für unerreichte Perfektion im Klavierbau

Von: Georg Müller-Sieczkarek
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Feuer und Flamme für den besten Klang: Die Hammerköpfe aus Holz und Filz schlagen die Klaviersaiten von unten an. Beim Ausrichten greift der Techniker auch schon mal zum Brenner, um die perfekte Form zu erzielen. Foto: Simon Sieczkarek
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Am Anfang stand seine Idee: Heinrich Engelhard Steinweg. Foto: Steinway and Sons
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Unikate in der Reihe: Die Rim genannten Flügelrahmen bestehen aus bis zu 20 miteinander verleimten Schichten von Ahorn und Mahagoni. Foto: imago/Thorsten Baering
Flügel bei Steinway in Hamburg.
Foto: Simon Sieczkarek

Hamburg/Düren. Die Geschichte beginnt, wie viele große Sachen, ganz im Kleinen: mit einem kleinen Mann aus kleinen Verhältnissen in einem kleinen Städtchen im Harz. 1825 schenkt der Kunsttischler und Orgelbauer Heinrich Engelhard Steinweg seiner Jugendliebe Johanne Juliane zur Hochzeit ein selbst gebautes Tafelklavier.

Heinrich, der zuvor schon Gitarren und Mandolinen entworfen hat, tüftelt, so erzählt die Unternehmenslegende, in der Waschküche seines Hauses in Seesen bei Goslar am ganz großen Wurf – heimlich, denn Steinweg gehört nicht zur Zunft der Instrumentenbauer. 1836 ist es dann so weit und sein legendärer „Küchenflügel“ fertig: ein gebogenes massives Gebilde aus Ahorn und Mahagoni mit völlig neuartiger kreuzsaitiger Bespannung, beeindruckende 212 Zentimeter lang, nur 73 statt der heute üblichen 88 Tasten – und dank seiner massiven Konstruktion und eines durchgehenden Resonanzbodens von einem nie zuvor gehörten, einem unerhörten Klang. Es sollte die Geburtsstunde einer Weltfirma und eines Mythos’ werden: Steinway and Sons.

Edle Bretter

Rondenbarg 10 im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld. Auf den ersten Blick eine Fabrik wie hundert andere: Schranke, Backstein, Lagerhallen. Allein der gusseiserne Korpus eines Flügels an der Fassade verrät, dass hinter diesen Mauern etwas Außergewöhnliches entsteht – Flügel und Klaviere von Weltruf. Seit 1880 produziert Steinway in Hamburg, seit 1923 am heutigen Standort. Neben Queens/New York ist die Hansestadt eine von lediglich zwei Produktionsstätten, jedes Instrument, das außerhalb von Nord- und Südamerika verkauft wird, ist made in Hamburg.

Am Anfang ist das Holz. Bis zu zwei Jahre lang trocknen die edlen Bretter aus Ahorn, Fichte, Whitewood, Mahagoni und Bubinga, sorgsam gestapelt und penibel überwacht, ehe sie in die Trockenkammer wandern und bereit sind für die Weiterverarbeitung.

Nebenan riecht es nach Leim und Holz, Maschinen lärmen: In der Biegerei entsteht mit dem sogenannten Rim das Kernstück eines jeden Flügels. 20 verleimte Schichten von Ahorn und Mahagoni bilden das Gehäuse, das in einem mächtigen Biegestock bei 60 Grad Temperatur seine typische Flügelform erhält – reine Handarbeit, wie immer noch 80 Prozent auf dem langen Weg bis zum fertigen Piano. Lediglich dort, wo allerhöchste Präzision gefordert ist, kommen CNC-Maschinen zum Einsatz, die bis auf den Zehntelmillimeter genau schneiden und fräsen. Rund 100 Tage Ruhezeit garantieren, dass der Rim für viele Jahrzehnte bleibt wie er ist.

Erstklassige Sitka-Fichte aus Kanada und Alaska liefert das Material für den Bau des Resonanzbodens, dessen Konstruktionsdetails immer noch zu den bestgehüteten Firmengeheimnissen der Hamburger gehören. Und nur 20 Prozent der Hölzer sind dafür gut genug, der Rest wird als Verschnitt aussortiert. Übertrieben? Keineswegs, sagen die Steinway-Leute. Denn die Qualität des Resonanzbodens bestimmt ganz entscheidend den Klang des fertigen Instruments. Zusammen mit dem rund 180 Kilogramm schweren Gussrahmen, auf den später die Stimmwirbel geschraubt werden, verschmelzen Rim und Resonanzboden untrennbar zum Herzstück des Flügels. „Hochzeit“, nennen die Techniker das. Der Rahmen muss gewaltige Kräfte aufnehmen: bis zu 25 Tonnen Zug bringen die Saiten auf die Konstruktion. Aber das schafft auch Volumen: Moderne Flügel können Säle mit 2000 bis 3000 Plätzen beschallen, in der Londoner Royal Albert Hall spielen Pianisten gar vor 8000 Zuhörern.

Härtetest und Sticheleien

Vieles, was in einem Flügel mit seinen 12.000 Teilen steckt, geht auf Heinrich Engelhard Steinweg und seine Söhne zurück. Mehr als 130 Patente hat die Firma seit ihrer Gründung 1853 angemeldet. Sieben Flügelmodelle haben die Hamburger heute im Portfolio, vom kompakten Modell S bis zum ausladenden Flaggschiff, dem 2,74 Meter langen D-Konzertflügel, daneben zwei Klaviermodelle und die – etwas – weniger exklusiven Marken Boston und Essex.

Mehr als ein Jahr vergeht, ehe ein Flügel die Manufaktur verlässt. Mit dem Einbau der komplizierten, mehr als 7000 Einzelteile zählenden Mechanik aus Tasten, Hebegliedern und Hammerköpfen beginnt das zeitaufwendige Feintuning. Feilen, bohren, schleifen, schrauben – ein Job für Spezialisten mit viel Erfahrung und noch mehr Feingefühl. Anschließend erhält der Flügel eine ein Millimeter dicke Schicht aus (meist) schwarzem Polyesterharz, die später immer wieder geschliffen und poliert wird – solange, bis der Techniker sein Spiegelbild auf Rahmen und Deckel verzeichnungsfrei sieht. In der sogenannten Einpaukmaschine wartet der erste Härtetest auf den Flügel: Metallhämmer traktieren unablässig die Tastatur, jede Taste wird 10.000 Mal angespielt.

Am Ende steht die klangliche Vollendung: Vier Techniker um Chefintoneurin Wiebke Wunstorf bearbeiten mit feinen Nadeln die Filzhämmer, wieder und wieder, Nuance um Nuance, solange, bis sie elastisch sind – und der Steinway klingt, wie ein Steinway eben klingen soll.

Aber auch absolut baugleiche Flügel haben ihre ganz eigene Charakteristik. Das Unternehmen hält deshalb in „Konzertflügelbanken“ rund um Globus eine Auswahl verschiedene Modelle vor. Im Untergeschoss der Steinway-Hall an Manhattans 57. Straße etwa sind es um die 30. Pianisten können dann „ihr“ Instrument für Konzerte oder CD-Einspielungen auswählen, die Firma stimmt den Flügel und organisiert den Transport.

Eine endlose Liebesgeschichte

Seit mehr als 160 Jahren steht der Name der deutschen Auswanderer weltweit für handwerkliche Perfektion, zeitlose Schönheit und höchste Klangqualität. Geschätzte 600.000 Instrumente hat das Haus bislang produziert, und Jahr für Jahr kommen alleine aus den Hamburger Werkshallen 1200 hinzu. Längst ist die Marke mit der Lyra im Firmenlogo das Maß, an dem sich alle messen müssen, ist Steinway die klangliche Referenz in den Konzertsälen der Welt. „Ich schätze an Steinway, dass man nicht mehr einfach nur Klavier spielt, sondern mit zehn Fingern ganze Orchester zum Leben erwecken und dirigieren kann“, sagt der aus Düren stammende Pianist Lars Vogt. Weltstar Lang Lang nennt Steinway „meinen guten Freund, der es mir erlaubt, mein Innerstes dem Publikum zu offenbaren.“ Und so sehen es wohl auch fast alle anderen: „In der Konzertsaison 2016/17 wählten 94 Prozent der Konzertsolisten in den bedeutendsten Orchestern Steinway“, schreibt das Unternehmen.

Steinway und die Künstler, das ist eine fast endlose Liebesgeschichte. Richard Wagner und Franz Liszt hatten einen, Arthur Rubinstein und Glenn Gould, Sergej Rachmaninov gleich vier. Art Garfunkel spielt auf einem Steinway, Billy Joel, Lady Gaga und Diana Krall; John Lennon komponierte sein legendäres „Imagine“ darauf, später kaufte George Michael den Flügel – für zwei Millionen Dollar. Und wer in Hamburg hochsteigt zum Auswahlsaal, dort, wo Dutzende auf Hochglanz polierte Instrumente auf ihre künftigen Besitzer warten, der kommt durch zwei Räume, vom Boden bis zur Decke voll mit Testimonials und Dankesschreiben. Alfred Brendel und Lang Lang, Daniel Barenboim und Yuja Wang, Martha Argerich, Vladimir Horowitz und Hélène Grimauld – ein beeindruckendes Who is who der Klavierwelt.

Die Perfektion hat ihren stolzen Preis. Die Liste beginnt bei 72.000 Euro für den kleinsten Flügel und endet noch nicht bei den 154.000 Euro für das D-Modell. Denn wer will und kann, ordert einen Ebenholz- oder Palisander-Flügel aus der „Crown Jewels“-Kollektion, inklusive einem in die Tastenklappe eingelassenen Diamanten. Preise auf Anfrage.

Und was, wenn man gar nicht Klavierspielen kann, aber trotzdem den Steinway-Klang im Wohnzimmer genießen will? Dann wählt man einen Flügel aus der „Spirio“-Reihe. Ein Fingertipp auf dem Tablet reicht, und die Hightech-Automatik lässt wie von Geisterhand Bach, Chopin oder Schubert erklingen, exakt so, wie sie von Spitzenpianisten live eingespielt wurden.

Aber selbst spielen geht natürlich auch.

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