Start in eine chancenreiche Zukunft

Von: Sandra Kinkel
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Harry Ley, Tofan Quadri und Wino Ulhas (von links) hoffen, dass die Ausbildung des jungen Mannes aus Afghanistan erfolgreich verläuft. Foto: Sandra Kinkel

Langerwehe. „Ich möchte keine Sonderregelung. Ich möchte einfach so behandelt werden wie die Deutschen.“ Tofan Quadri ist 24 Jahre alt, vor einem Jahr aus seiner Heimat Afghanistan geflohen und in der Flüchtlingsunterkunft in der Turnhalle der Cornetzhofschule in Düren gestrandet. Tofan Quadri lebt also ziemlich genau ein Jahr in Deutschland.

Am 1. August hat er in der Robert-Ley-Filiale in Langerwehe eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann begonnen.

„Herr Quadri“, sagt Kerstin Faßbender (54), Integrationsbeauftragte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, „ist sehr schnell. Normalerweise braucht es knapp zwei Jahre, bis Flüchtlinge eine Ausbildung beginnen können.“ Wie viele der insgesamt 4575 Azubis im Kreis Düren Asylbewerber sind, kann Kerstin Faßbender nicht genau sagen. „Zum Glück gibt es kein Häkchen für Flüchtlinge auf den Ausbildungsverträgen. Mir sind allerdings derzeit 36 Geflüchtete bekannt, die im IHK-Bezirk eine Ausbildung machen. Hier haben wir die Azubis und die Ausbildungsbetriebe unterstüzt.“

Faßbender ist überzeugt, dass die Zahl von Flüchtlingen, die eine Lehre machen, steigen werde. „Die Zahlen sind eindeutig“, sagt sie. Im gesamten Kammerbezirk gäbe es 15.000 Asylbewerber, 70 Prozent davon sind jünger als 30 Jahre. Im Kreis Düren sind 2200 der insgesamt 3140 Asylbewerber noch keine 30 Jahre alt. „Alle diese Leute“, sagt Kerstin Faßbender, „wollen einen Beruf erlernen. Und ich bin überzeugt, dass über kurz oder lang die meisten auch eine Ausbildung machen.“

So wie Tofan Quadri. Er hat in seiner Heimat Abitur gemacht und später in Indien seinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften abgelegt, bevor er wieder nach Kabul zurückgekehrt ist. „Ich habe dort als Dolmetscher für die Amerikaner gearbeitet. Deswegen habe ich sehr große Schwierigkeiten mit den Taliban bekommen und konnte nicht mehr in Afghanistan bleiben. Ich hatte dort einfach keine Zukunft mehr.“ Sechs Wochen war der damals 23-Jährige auf der Flucht. Über den Iran, die Türkei, Mazedonien und Griechenland ist er nach Deutschland, genauer gesagt nach Düren in die Flüchtlingsunterkunft Cornetzhofschule, gekommen. Und genau hier hat er auch Wino Ulhas, Geschäftsführer der Langerweher Robert-Ley-Filiale, getroffen. „Wir haben der Unterkunft Kleider gespendet“, erinnert sich Ulhas. „Und Tofan Quadri war einer der Flüchtlinge, die beim Transport der Sachen von Langerwehe nach Düren geholfen haben.“

Quadri wollte arbeiten und hat schon im vergangenen Dezember als Aushilfe im Lager des Bekleidungsgeschäfts angefangen. „Natürlich war es schwierig, alle Vorgaben von Job-com und Ausländerbehörde zu erfüllen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und Tofan Quadri ist wirklich ein sehr engagierter junger Mann.“ Und einer, der genau beobachtet. Als der junge Flüchtling hörte, dass Wino Ulhas für sein Geschäft einen Auszubildenden sucht, wollte er unbedingt in Langerwehe anfangen. Ulhas: „Bei uns arbeiten im Augenblick 23 Mitarbeiterinnen. Ich wollte unbedingt männliche Verstärkung für unser Team.“ Junge Männer, ergänzt Firmeninhaber Harry Ley, seien heute nur sehr schwer für den Beruf des Einzelhandelskaufmanns zu begeistern. „Dieser Beruf hat zum Beispiel im Vergleich zum Bankkaufmann einen sehr schlechten Status. Männliche Bewerber gibt es eigentlich kaum.“

Auch deshalb, aber vor allem weil er von Tofan Quadris menschlichen und fachlichen Qualitäten überzeugt war, hat Ulhas alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit Quadri seine Lehre bei ihm anfangen kann. „Wir brauchten eine Genehmigung von der Ausländerbehörde. Mit der Job-com musste geklärt werden, wann er aus der Flüchtlingsunterkunft in der Friedensstraße in Düren, wo er mittlerweile lebt, in eine eigene Wohnung umziehen kann. Und sicherlich braucht Herr Quadri auch mehr Unterstützung als andere Azubis, um die Gesellenprüfung zu bestehen.“

In erster Linie wegen der Sprache. Zwar kann Tofan Quadri sich schon ganz gut verständigen, um ein Verkaufsgespräch führen zu können, muss er aber noch viel lernen. „Bis jetzt habe ich keinen Deutschkurs bewilligt bekommen“, sagt Ulhas. „Vergangene Woche hat Tofan aber seine Aufenthaltsgenehmigung zunächst für die Dauer der Ausbildung bekommen. Vielleicht klappt es mit dem Deutschkurs jetzt.“ Gleichzeitig sucht Ulhas einen ehrenamtlichen Lehrer, der mit Tofan Quadri Deutsch lernt.

Nächstes Ziel ist dann der Umzug in eine eigene Wohnung, außerdem will Ulhas versuchen, das afghanische Abitur in Deutschland anerkennen zu lassen. „Klar geht unsere Hilfe über das berufliche hinaus. Das gilt aber für mein gesamtes Team. Alle unterstützen unseren neuen Azubi sehr.“ Zum ersten Berufsschultag haben die Kolleginnen dem jungen Mann eine Schultüte geschenkt, außerdem haben sie Fahrgemeinschaften organisiert, damit Quadri pünktlich bei der Arbeit ist. „Ich bin sehr glücklich“, sagt er. „Und ich will möglichst schnell sehr viel lernen, damit ich Deutschland etwas zurückgeben kann.“ Tofan Quadri will in Deutschland bleiben. Sein großer Traum ist es, nach der Ausbildung zu studieren.

Die Ausbildungsplattfom in der Region Aachen, Düren und Heinsberg: acubi.de

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