„Städtefreundschaften sind ein Stück weit Europas Grundlage“

Von: kin
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Seit 1970 verbindet Cormeilles in der Normandie und Düren eine Städtepartnerschaft. Foto: Marie Knodel

Düren. An die Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deutsche und Franzosen am liebsten nicht miteinander gesprochen haben, kann Michel Hamon sich noch erinnern. „Ich war noch ein Kind“, sagt der 73-Jährige Pensionär, der in der Normandie eine Calvadosfabrik geleitet hat, „und das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen war, um es vorsichtig auszudrücken, sehr schwierig. Die Menschen konnten nicht miteinander sprechen.“

Vielleicht sind es genau diese Kindheitserinnerungen, die Michel Hamon dazu gebracht haben, sich in seiner Heimatgemeinde Cormeilles in der Partnerschaftsvereinigung „Cormeilles-Arnoldsweiler“ zu engagieren. Seit 1970 sind der Dürener Stadtteil und das 1200-Seelen-Dorf in Frankreich freundschaftlich miteinander verbunden. Düren hat mit Valenciennes bereits seit 1959 eine weitere französische Partnerstadt, auch Kreuzau (Plancoët) und Niederzier (Vieux-Condé) pflegen Freundschaften mit dem Nachbarland.

Und Merzenich hat ebenfalls seit zwei Jahren mit Quievrechain eine französische Partnerstadt. „Solche Städtepartnerschaften“, sagt Stefan Knodel, der für die Stadt Düren die Freundschaften mit Cormeilles und Valenciennes betreut, „sind aus meiner Sicht immer noch zeitgemäß. Aber sie machen nur Sinn, wenn regelmäßig Begegnungen zwischen den Menschen stattfinden. Nur Stadtratsbesuche reichen einfach nicht aus.“

Michel Hamon sieht das ganz ähnlich. „Es sind die Menschen, die diese Begegnungen mit Leben füllen müssen. Ich glaube sogar, dass es die vielen deutsch-französischen Freundschaften sind, die ein Stück weit auch die Grundlage für ein vereintes Europa gebildet haben. Wer hätte damals nach so vielen Kriegen und Auseinandersetzungen gedacht, dass das überhaupt möglich ist?“

Mit Blick auf die französischen Präsidentschaftswahlen am übernächsten Sonntag ergänzt Hamon: „Viele Franzosen haben Angst, zum Beispiel wegen der terroristischen Anschläge in unserem Land. Auch die ziemlich hohe Arbeitslosigkeit macht vielen Sorge. Und ich glaube, dass diese Angst auch der Grund ist, warum immer mehr meiner Landsleute nein zu einem Europa ohne Grenzen sagen.“ Grundsätzlich sei die Politikverdrossenheit in seinem Land sehr groß, sagt Hamon. „Es gibt einfach zu viele Affairen. Mein Eindruck ist, dass die Mehrheit das Vertrauen in die Politik verloren hat.“

Für Hamon ist die Wahl „eine der spannendsten französischen Präsidentenwahlen, die es in der Fünften Republik überhaupt gegeben hat.“ Es gibt elf Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hamon: „Der Wahlkampf war sehr bizarr. Es gab beispielsweise eine Fernsehdiskussion mit allen Kandidaten, die vier Stunden lang übertragen wurde.“ Außergewöhnlich sei die Wahl auch, weil niemand wirklich voraussehen könne, wer letztlich das Rennen machen wird.

Zum Favoritenkreis gehören Emmanuel Macron (unabhängiger Kandidat für die Bewegung „En Marche!“), François Fillon (Les Républicains), Marine Le Pen (Front National), Jean-Luc Mélenchon (linke Bewegung „La France Insoumise“/„Das aufsässige Frankreich“) und Benoît Hamon (Parti Socialiste). Michel Hamon glaubt nicht, dass die Rechtspopulisten um Marine Le Pen die Wahl am 23. April gewinnen werden. „Vielleicht schafft Le Pen es in den zweiten Wahlgang“, sagt er. „Aber ich glaube, den wird sie verlieren.“

Stefan Knodel, der als Schüler des deutsch-französischen Zweiges am Burgau-Gymnasium seine Liebe zu Frankreich entdeckt hat, schlägt in dem Zusammenhang erneut den Bogen zu den Städtepartnerschaften. „Diese Freundschaften zwischen den Völkern, die zum Teil ja schon viele Jahrzehnte bestehen, diese Begegnung zwischen den Menschen können auch helfen, den aufkeimenden Nationalismus in Europa zu bekämpfen.“ Michel Hamon bekräftigt: „Wir dürfen niemals aufhören, miteinander zu reden“, sagt er. „Europa muss weitergehen, damit meine ich auch, Europa muss sich weiterentwickeln. Der europäische Gedanke darf nicht scheitern.“

Und vielleicht ist genau dieser Wunsch Hamons der Grund dafür, dass er sich 2001 dafür eingesetzt hat, dass Cormeilles mit Decs auch eine ungarische Partnerstadt bekommt.

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