Düren - Sportschützin und blind: Geht das?

Sportschützin und blind: Geht das?

Von: Ines Kubat
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Die 24-jährige Katharina Wersig lässt sich von ihrer Sehbehinderung nicht einschränken. Foto: Ines Kubat

Düren. Wenn Katharina Wersig das Gewehr anlegt und die Zielscheibe anvisiert, ist sie hochkonzentriert: Mit ruhiger Hand zielt sie, wartet ab und schießt. Doch wenn die durchlöcherte Papierscheibe auf dem Schießstand zu ihr zurück saust, weiß die Schützin noch nicht, ob sie getroffen hat. Das erfährt sie erst, wenn sie mit den Fingern über die Pappe streicht.

Denn Katharina Wersig ist fast blind. Beim Schießen muss sich die 24-Jährige deshalb ganz auf ihr Gehör verlassen – und auf eine spezielle Technik.

Dass ihr Hobby ungewöhnlich ist, das weiß sie. Für viele scheint es sogar unmöglich. Doch von solchen Grenzen will sich Katharina Wersig nicht aufhalten lassen. „Seit meiner Kindheit hatte ich Kontakt zum Schießen“, sagt sie. Denn ihre Großmutter war schon früher bei den Schützen aktiv. Als junges Mädchen stand für Katharina Wersig fest: „Ich wollte selbst schießen.“ Trotz angeborener Sehbehinderung.

Vor sieben Jahren ergriff sie dann eine Gelegenheit beim Schopf: Die St.-Ewaldus-Schützengilde in Düren hatte in einer Fachzeitung von einer Technik gelesen, die Sehbehinderten das Schießen zu ermöglicht. „Es schien uns naheliegend, das auszuprobieren“, erinnert sich Klaus Hartmut Herzog, Vorsitzender der Schießabteilung in der Gilde. Gesagt getan, 2007 wurden die sogenannten Optronik-Aufsätze angeschafft. Dieser spezielle Aufsatz sitzt dort, wo sonst das Zielfernrohr auf dem Gewehr platziert ist. Er misst die Helligkeit auf dem Ziel.

Diese Scheibe – von Leuchtern angestrahlt – ist in der Mitte weiß, nach außen wird sie dunkler. Die Licht-Messung des Gewehraufsatzes wird in akustische Signale umgewandelt: Zielt der Schütze auf den äußeren Rand der Scheibe, hört er im Kopfhörer ein tiefes Brummen. Je mehr er die Mitte anvisiert, desto höher wird der Ton. Wenn ein hohes Pfeifen erklingt, zeigt der Gewehrlauf exakt auf die Mitte. Dann darf der Schütze nicht mehr wackeln und muss schießen. Unterschätzen sollte man die Anforderung nicht: Viele erfahrene sehende Schützen kämen nicht auf Anhieb mit der Spezialtechnik klar, erklärt Katharina Wersig.

Einmal pro Woche üben die Blinden und Sehbehinderten um Katharina Wersig auf dem Schießstand. Dabei steht den blinden Schützen immer ein sehender Betreuer zur Seite. Einerseits aus Sicherheitsgründen, andererseits auch bei ganz praktischen Dingen: Er hilft beim Einlegen der Kugeln, beim Anziehen der schweren Schießjacke und beim Ausrichten des Körpers an der Schießanlage, erklärt der geschulte Betreuer Markus Decker und legt seine Hand auf Katharinas Schulter, um sie leicht auszutarieren. „Sonst passiert es schon mal, dass ich auf die Scheibe meiner Nachbarin schieße“, sagt die Schützin.

Wettkampfregeln

Doch nur am Anfang darf der Betreuer helfen, dann tritt er einen Meter zurück, damit kein Vorteil gegenüber anderen Schützen entsteht. So lauten die offiziellen Wettkampfbedingungen. Dass es diese überhaupt gibt, dafür ist Katharina dankbar: Denn erst vor einem Jahr wurde das Blindenschießen in die Sportordnung des deutschen Schützenbundes aufgenommen. Seitdem gibt es auch offizielle Wettkämpfe. Kurz entschlossen wurde Katharina Wersig vom Verein gemeldet und qualifizierte sich gleich für die Deutschen Meisterschaften, die im Oktober ausgetragen wurden. Sie belegte den 5. Platz. Richtig zufrieden ist sie damit nicht, denn „wir treten ja nur mit wenig Konkurrenz an“.

Die Wettkämpfe sind ihr wichtig: „Ich will zeigen, dass Blinde etwas können.“ Doch natürlich stößt Katharina Wersig auch immer wieder auf Vorurteile, wenn sie von ihrem Hobby erzählt. Denn kaum einer weiß überhaupt, dass es diese spezielle Technik für Sehbehinderte gibt. „Ich muss mich ständig erklären.“ Aber sie geht selbstbewusst damit um. Denn wenn jemand ihr Hobby ungewöhnlich findet, entgegnet sie lässig: „Gewöhnt euch dran.“

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