Spielsucht: Wer schnell spielt, kann auch schnell verlieren

Von: Julian Loevenich
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Es geht nicht nur Geld: Wer spielt, verliert schnell auch sein soziales Umfeld oder gerät auf die schiefe Bahn. Foto: stock/Chromange
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Wollen Spielsüchtigen helfen: Marion Grahs (Suchttherapeutin), Wilfried Pallenberg (Endart) und Manfred Böhm (Suchttherapeut). Foto: jul

Düren. Die Zahlen sind erschreckend: 4,6 Millionen Euro Umsatz machen die vierzehn in der Stadt Düren ansässigen Spielhallen jährlich. Auf Kreisebene sind das 24 Spielotheken und ein Umsatz von 8,1 Millionen Euro, Tendenz steigend. 20 Prozent des Umsatzes gehen als Gewerbesteuer verloren, an die Kommunen und Gemeinden. Für sie ist das Geschäft eine Goldgrube. Für viele der Spielhallen-Besucher ist das Sucht, der Absturz in den persönlichen Ruin.

Vor diesem Hintergrund gab es jetzt einen landesweiten Aktionstag zum Thema Spielsucht, bei dem unter anderem in die Kulturfabrik Endart zur Informationsveranstaltung geladen wurde. „In der Bevölkerung wird das Thema nicht so wahrgenommen, wie es es eigentlich sein müsste“, beklagt Wilfried Pallenberg, Leiter der Endart. Vor 20 Jahren gab es in Düren noch nicht einmal einen eigenen Zuständigkeitsbereich. Spielsucht existierte offiziell nicht.

Die Zeiten haben sich jedoch geändert, es gibt Hilfsangebote. In der Endart mit dabei: Marion Grahs und Manfed Böhm. Sie beide sind Suchttherapeuten im Sozialpädagogischen Zentrum, sie kennen die Problematik genau. „Viele flüchten in die Casinos und erleben dort Macht und Freude. Das ist die Gewinnphase, dann wenn alles läuft“, so Grahs.

Häufiger und wesentlich härter schlägt die Verlustphase zu. „Die Spiele gehen schnell, das heißt, die Spieler bemerken ihren Verlust erst gar nicht“, erläutert Böhm. Doch die überwiegend männlichen Spieler wollen wieder gewinnen, wieder das Gefühl der Erhabenheit, der Freude erleben. Ein Teufelskreis entsteht. Und in den geraten auch viele Minderjährige.

Kevin (Name geändert) ist einer von ihnen und schildert in der Endart seinen Leidensweg. Mit 16 ging er im Internetcafé an den Automaten, kannte den Besitzer. Mit 18 folgten dann die Spielhallen. Auch Lars und eine junge Frau berichten am Aktionstag von ihren ersten Erfolgserlebnissen am Automaten, die sie einnahmen und in eine Welt zerrten aus der selbstständiges Entfliehen nahezu unmöglich scheint.

Alle drei verloren mehr Geld als sie gewannen. Doch noch viel gravierender ist der Verlust des sozialen Umfelds, der Familien und Freunde. Durch ihre Sucht wurden sie aggressiv, spüren nicht befriedigten Spieldruck, „das war ein quälendes Gefühl“, so Lars heute. Kevin wurde sogar kriminell. Nur aufgrund der professionellen Hilfe durch Böhm und Grahs haben die drei den schweren Schritt aus dem Suchtsumpf geschafft.

In Einzelgesprächen, Gruppentreffen und ambulanten Therapiesitzungen versuchen die beiden sozialpädagogischen Mitarbeiter aufzuarbeiten. Aufzuarbeiten, was die Spieler selbst durch ihre Sucht zu verdrängen versucht haben. Bei Lars ist das der Tod des Vaters. Doch die Arbeit von Marion Grahs und Manfred Böhm setzt oftmals in einem ausgewachsenen Stadium der Sucht an, erst dann, wenn sich die Leute selbst ihre Krankheit eingestehen. Das liegt aber auch daran, dass es gesetzlich kaum Hürden gibt, die die Spieler bremsen.

„Die Glücksspielindustrie hat eine große Lobby und investiert viel“, beschreibt Grahs. Allein 3,2 Milliarden Euro betrug im letzten Jahr der staatliche Gewinn am Glücksspiel. Das macht es für die Arbeit von Böhm und Grahs schwierig. Umso wichtiger war der landesweite Aktionstag, der zeigte, wie zerstörerisch diese Industrie ist, die auch in Düren, wo sich 2012 im Schnitt 297 Menschen einen Automaten teilten, ihre Narben hinterlässt, Jahr für Jahr.

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