„Spannungen”: Ohne die Turmbläser läuft gar nichts

Von: Stephan Johnen
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Wenn der Dirigent zum „Roady
Wenn der Dirigent zum „Roady” wird: Renold Quade nimmt auf den letzten Metern des Aufstiegs die Instrumente seiner Musiker entgegen.

Heimbach. Diese Künstlergarderobe des Festivals von Weltenruhm sieht aus wie Großmutters Küche. Zwischen dem „Vollherd Baujahr 1935” mit 5,6 Kilowatt Anschlusswert und dem elektrischen Handrührgerät aus dem Jahr 1961 - Knethaken liegen bei - schlagen die Turmbläser ihre Notenblätter auf.

Im Museum über dem Turbinensaal des Wasserkraftwerks spielen sich die Schüler der Musikschule Düren, Abteilung Heimbach/Nideggen, für ihren Auftritt warm. Es sind nicht ihre Namen, die die Plakate des Kammermusikfests Spannungen schmücken, doch darum geht es den jungen Musikern gar nicht. Für sie ist es eine Ehre, Teil des Festivals zu sein. Und sie spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle: Alles hört auf ihr Kommando. Zwölf Mal. Denn ohne das Signal der Turmbläser hat bei Spannungen seit dem Jahr 1999 noch kein Konzert begonnen.

Stilvolle Begrüßung

„Am Anfang stand ein Gedanke im Raum”, blickt Dirigent und Musikschullehrer Renold Quade zurück. Die Musikschule wollte sich in das Festival einbringen. Die konkrete Idee, die Gäste mit Fanfaren zu begrüßen und sie stilvoll auf den nahenden Beginn der Konzerte hinzuweisen, gefiel Musikern, Organisatoren und Gästen gleichermaßen. Renold Quade zog los, um ein Ensemble aufzustellen, sprach gezielt Musikschüler an. Das war im ersten Jahr. Werbung musste der Dirigent seitdem nicht mehr für die „Auftritte” bei Spannungen machen. „Wer einmal auf dem Turm stand, kommt im nächsten Jahr wieder. Jeder macht weiter, so lange er kann”, sagt die 16 Jahre alte Pia Quade. Bis zum Abitur bleibe ein Großteil der Blechbläser dem Ensemble treu, erst dann trennten sich die Wege. Weil eine Ausbildung in einer anderen Stadt angefangen wird oder ein Studium aufgenommen wird. „Häufig kommen aber auch ehemalige Turmbläser zurück, um ein bis zwei Türme mitzuspielen”, berichtet Pia Quade. In luftiger Höhe findet so beizeiten das eine oder andere Ehemaligentreffen statt.

„Es ist einfach eine Ehre, hier spielen zu dürfen”, spricht Trompeter Fritz Uppenkamp wohl allen Turmbläsern aus der Seele. Eine Gage gibt es keine, dafür können die Musiker jedoch den Konzerten lauschen. Eine Chance, Weltstars so hautnah zu erleben, gebe es nur selten, findet Fritz Uppenkamp. Auch die Atmosphäre in Heimbach sei einmalig. Ungezwungen, beinahe familiär - und dennoch voller Konzentration. Der 19-Jährige ist einer der alten Hasen, sein 15 Jahre alter Bruder Paul gehört zu den jüngeren Musikern. Mit der Zeit hat sich bei den Turmbläsern eine Art Kreislauf entwickelt. Die Älteren nehmen die Jüngeren an die Hand, kümmern sich um sie. An Nachwuchs mangelt es nicht.

Dirigent Quade kann in diesem Jahr auf 18 Turmbläser zurückgreifen, an jedem Abend müssen mindestens acht auf dem Turm klettern, damit die Truppe ausreichend Gehör findet. „Das klingt leicht, aber dahinter steckt eine knifflige logistische Aufgabe”, merkt Quade an. „Wir sind hier ja in der Botanik.” Ohne die Hilfe engagierter Eltern und ohne die Unterstützung der Festival-Organisatoren wären An- und Abreise ein kaum zu meisternder Kraftakt für die jungen Musiker, die nur in den seltensten Fällen motorisiert sind.

Für die Dienst habenden Turmbläser beginnt die Arbeit, bevor die ersten Gäste auf dem Kraftwerksgelände eintrudeln. 58 Stufen müssen die Jugendlichen in den „Proberaum” zurücklegen. Eine Stunde vor jedem Konzert spielen sie alle Stücke wie den „Canterbury Flourish” oder die von Vladimir Komarov eigens für Spannungen komponierte Fanfare an. Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn müssen dann sieben weitere Stufen und eine steile Metallleiter bewältigt werden. Klingt anstrengend? Das ist Ansichtssache. Um die Kondition zu testen, gibt es bei den Musikern ein beliebtes Spiel: Kurz vor dem Beginn ihres Einsatzes hasten einige - meist Jungs - in Windeseile die Leiter und die Treppe herunter, sammeln die an der Kasse ausliegenden Gratis-Hustenbonbons ein und sprinten 65 Stufen und eine Leiter wieder hinauf. Wer das meistert, ohne außer Atem zu geraten, ist die Idealbesetzung.

Der Ausblick vom Turm jedenfalls entlohnt die Kraxelei. Ob im Regen, wenn Nebel im Tal wabert, oder bei tropischen Temperaturen, wenn die Hitze über dem See flimmert - „das ist ein grandioser Platz”, sagt Renold Quade. An diesem Abend gießt es in Strömen. „Wunderschön, oder?”, fragt Quade mit Blick auf die Gewitterwolken. Er meint es ernst. Turmbläser sind wetterfest.

An manchen Tagen trägt der Wind den Applaus der Festival-Gäste in die luftige Höhe. Es ist ihr Applaus, auch wenn es nicht die Namen der Turmbläser sind, die die Plakate sschmücken. Doch darum geht es den jungen Musikern gar nicht. Mit den Stars vereint sie die Liebe zur Musik. Deswegen kraxeln sie den Turm hinauf. Jedes Jahr aufs Neue.
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