Sozialwerk Dürener Christen: Von der Praktikantin zur Geschäftsführerin

Von: Stephan Johnen
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„Mich hat die Arbeit gereizt“, blickt Karina Umlauf auf ihren Einstieg beim Sozialwerk zurück. Heute ist sie Geschäftsführerin. Foto: Stephan Johnen
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Jérôme Bauer ist einer von 71 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in den Werkstätten des Sozialwerks überbetrieblich ausgebildet werden. Foto: Stephan Johnen

Düren. Als Praktikantin hat sie nach dem Abitur erstmals beim Sozialwerk Dürener Christen gearbeitet, mittlerweile führt Karina Umlauf mit ihrem Kollegen Günter Kirschbaum die Geschäfte des Sozialwerks. Im Interview berichtet die 32-Jährige über die Herausforderung, Fördermittel zu sichern, über Baustellen in der Jugendhilfe und die Aufgaben der Zukunft.

Frau Umlauf, mit 32 Jahren sind Sie bereits Geschäftsführerin und mit ihrem Kollegen für 106 Mitarbeiter verantwortlich. Ist eine solche Karriere planbar?

Umlauf: Ich habe es nicht forciert. Es war ein schleichender Prozess. Vielleicht war es auch Zufall.

Wie meinen Sie das?

Umlauf: Ich bin recht naiv ins Studium für Soziale Arbeit gegangen. Aber alles, was mir dabei begegnet ist, hat mich interessiert. Meinen Abschluss habe ich mit der Note 1,1 gemacht.

Was kam danach?

Umlauf: Trotzdem war ich plötzlich arbeitslos. Es haben sich zum Teil 100 Leute auf eine Stelle beworben. Die Erfahrung, nach dem Studium arbeitslos zu sein, war krass. Ich hatte das Gefühl, dass mich niemand wollte. Wer das einmal erlebt hat, weiß, wie sich viele Jugendliche fühlen, die bei uns in Projekten arbeiten.

Wie sind Sie 2006 zum Sozialwerk gekommen?

Umlauf: Nach dem Abitur hatte ich dort ein Praktikum gemacht. Ich habe angerufen und mich beworben. Und ich habe eine Chance bekommen. Das Sozialwerk ist sehr vielfältig, wir setzen unsere Kompetenz dazu ein, jungen Menschen neue Wege zu eröffnen. Das hat mich angetrieben.

Haben Sie auf eine Führungsposition hingearbeitet?

Umlauf: Es hat sich vielmehr so ergeben. Ich habe Fortbildungen gemacht, die bis heute meine Haltung prägen. 2010 übernahm ich die stellvertretende pädagogische Leitung, 2011 die pädagogische Leitung. Seitdem trage ich Personalverantwortung.

Wie hat die Zusammenarbeit mit den älteren Kollegen geklappt?

Umlauf: Auch wenn ich relativ jung bin, habe ich viel positive Resonanz von älteren Kollegen erfahren. Es war anfangs schon ein komisches Gefühl, dass Kollegen zu Mitarbeitern werden. Ich glaube, es gibt genügend Alpha-Tierchen in Führungspositionen, da muss ich mich nicht selbst in den Vordergrund stellen. Wichtig ist mir, was von den Mitarbeitern in den Projekten als Team geleistet wird.

Was ist eine der größten Baustellen in der Jugendhilfelandschaft?

Umlauf: Der alte Förderzyklus des Europäischen Sozialfonds ist ausgelaufen, die neue Förderphase hat begonnen. Wir stehen vor dem Problem, viele Gleichungen mit vielen Variablen und Unbekannten zu haben. Ohne Geld aus den Fördertöpfen sind nicht alle Projekte zu stemmen.

Ist es ein Problem, dass viele Qualifizierungs- und Arbeitsprojekte nur befristet finanziert werden?

Umlauf: Befristete Verträge sind die Regel, jeder Träger lebt heute oft von der Hand in den Mund und muss schauen, wie er eine Anschlussförderung hinbekommt oder ein neues Projekt beginnt. Es ist belastend für die Mitarbeiter, sich quasi auf halber Strecke nach etwas Neuem umschauen zu müssen. Das sorgt für Unruhe, allerdings bin ich stolz darauf, dass wir bisher mit neuen Projekte fast alle kompetenten Mitarbeiter halten konnten.

Ist es nicht frustrierend, wenn man etwas aufbaut, das in absehbarer Zeit nicht mehr finanziert wird?

Umlauf: Ich kann in Selbstmitleid verfallen oder immer das tun, was möglich ist. Wir müssen – wie andere Träger – immer das Beste aus der Situation machen.

Wie gehen Sie beim Sozialwerk damit um?

Umlauf: Wir haben motivierte Mitarbeiter, die flexibel sind, die sich in neue Gebiete einarbeiten. Wissen wird in internen Schulungen geteilt und weitergegeben.

Was hat sich an der Arbeit mit Jugendlichen verändert?

Umlauf: In der Startphase des Sozialwerks war es vor allem ein Problem, das die Jugendlichen umtrieb: die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Heute sieht das anders aus: Schulden, Schulverweigerung, Verhaltensauffälligkeiten – wir müssen beinahe sortieren, mit welchem Problem wir uns zu erst befassen.

Seit Anfang des Jahres arbeitet das Sozialwerk mit einer Psychologin zusammen. Wie kam es dazu?

Umlauf: Bei vielen Jugendlichen gibt es psychische Auffälligkeiten. Bis sie einen Therapieplatz bekommen kann es aber schon einmal Monate dauern. Wir verfolgen einen systemischen Ansatz und sind froh, eine Psychologin in drei Aktivierungsmaßnahmen einsetzen zu können.

Was bedeutet systemischer Ansatz?

Umlauf: Vergleichen wir das Leben mit einem Mobile: Wenn man ein Teil bewegt, wirkt sich das auf das Umfeld aus. Wir versuchen, bei den Stärken der Menschen anzusetzen und mit ihnen daran zu arbeiten, das Leben wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Wie steht es um das Gleichgewicht in Ihrer „Branche“?

Umlauf: Wir haben alle eine Krise durchlebt. 2010 wurden die Mittel zur Förderung und Aktivierung Arbeitsloser drastisch reduziert. Es gab weniger Geld für die Arbeit mit Schulverweigerern und die Arbeit mit Jugendlichen, die noch fit für eine Ausbildung gemacht werden müssen. Auch wir konnten Projekte nicht mehr fortführen, mussten Mitarbeiter entlassen.

Wie haben Sie gegengesteuert?

Umlauf: Die einzelnen Träger arbeiten mehr zusammen, arbeiten im Netzwerk. Jeder hat andere Schwerpunkte. Wir brauchen passgenaue Angebote für Menschen, die Hilfe benötigen. Keine Dopplungen.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Sozialwerks war seit seiner Gründung die Ausbildung in eigenen Werkstätten. Wird dies so bleiben?

Umlauf: Einige Bereiche haben wir bereits geschlossen oder an Partner abgegeben. Die Schwerpunkte werden sich weiter verlagern. Wir werden aber weiter ausbilden und in Zukunft viel mehr Angebote für Schulen und Schüler haben. Je früher man beim Übergang Schule/Beruf ansetzt, desto besser. Wir haben schon heute Angebote, bei denen wir Schüler coachen und beraten, oder bei denen sie sich in unseren Werkstätten ausprobieren können. Die wollen wir ausbauen.

Welche Rolle spielt Inklusion in den Konzepten für die Zukunft?

Umlauf: Inklusion ist ein großes Thema und wird immer wichtiger. Wir haben viel Erfahrung in Schulen und in unseren Werkstätten gesammelt. Barrierefreiheit alleine macht noch keine Inklusion aus, es geht um die Haltung zur Teilhabe von Menschen. Dieser Herausforderung stellen wir uns im Sozialwerk und in der Begleitung junger Menschen auf dem Weg ins Berufsleben.

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