Düren - Sozialwerk Dürener Christen fängt Schulverweigerer auf

Sozialwerk Dürener Christen fängt Schulverweigerer auf

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
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„Keinen Bock“ auf Schule: Schulverweigerer werden beim Sozialwerk Dürener Christen aufgefangen, zum Schulabschluss geführt und auf das Berufsleben vorbereitet.

Düren. In die Schule sind Justin und René (Name von der Redaktion geändert) nur noch gegangen, um Freunde zu treffen – körperlich anwesend, aber mit den Gedanken ganz woanders. Innerlich hatten sie sich schon verabschiedet. Mathe? Deutsch? Englisch? Die Zeit wurde abgesessen. Einen Sinn im Unterricht haben auch Nico und Florian nicht mehr gesehen.

Sie hatten keinen Bock mehr auf Schule, keinen Bock auf die Lehrer. Und sie beschlossen, nicht mehr hinzugehen. Zuerst fehlten sie stundenweise, dann gingen sie nach der großen Pause, dann kamen sie fast gar nicht mehr. Über ihre Zukunft haben sie wenig nachgedacht. Statt in die Schule zu gehen, haben sie in der Stadt rumgehangen. Das System funktionierte nicht mehr. Die Schulen waren machtlos, die Eltern auch. Einige strichen das Taschengeld, andere nahmen das Handy weg. Gebracht hat das alles nichts. Um die Erfüllung der zehnjährigen Schulpflicht stand es nicht gut.

„Ich habe keinen Sinn mehr in der Schule gesehen. Hingegangen bin ich zwar, aber ich stand in allen Fächern fünf“, beschreibt René. Jetzt, in der Werkstattgruppe für schulmüde Jugendliche des Sozialwerks Dürener Christen, will er lernen und irgendwie neu anfangen, auch wenn so ein Neustart nicht ganz einfach ist. Langfristiges Ziel von Nico, Justin, Florian und René ist der Hauptschulabschluss nach Klasse 9. Der Weg dorthin ist beim Projekt des Sozialwerkes Dürener Christen ein ganz anderer als in der Schule. Die Gruppen sind klein, die Betreuung individuell, es steht mehr Praxis als Theorie auf dem Stundenplan. „Hier zählt die Summe der kleinen Schritte“, sagt Thomas Engels, Pädagoge des Sozialwerks. „Was in den vergangenen vier Jahren schiefgelaufen ist, können wir hier nicht von heute auf morgen wettmachen.“ Motivation will geweckt werden.

Die Werkstattgruppe (siehe Infokasten) ermöglicht es Schulverweigerern im 10. Schulbesuchsjahr, ihre Schulpflicht im sogenannten „werkpraktischen Bereich“ zu erfüllen. Sie will eine Perspektive für den Sprung von der Schule in den Beruf schaffen.

Der Anfang beim Sozialwerk ist für die Jungs und Mädchen nicht leicht. „Anfangs bin ich nicht so regelmäßig und nicht wirklich pünktlich hier gewesen“, gibt Nico zu. „In solchen Fällen setzen wir uns ins Auto und holen die Schüler ab“, sagt Friederike Hollenberg vom Sozialwerk. In der Werkstattgruppe gebe es eine Betreuung, die Schule einfach nicht leisten könne. „Nach ein bis zwei Monaten ist das Eis gebrochen. Die, die dann noch da sind, bleiben am Ball“, sagt Hollenberg. Es sei wichtig, auf die Regelmäßigkeit zu achten, die Spirale, in der die jungen Menschen steckten, zu unterbrechen. Schritt für Schritt. Es ist ein langsames „Sich-Gewöhnen“, die Betreuer wollen niemanden vergrellen. Für viele junge Menschen ist die Werkstatt die letzte Chance.

Am Vormittag werden die Jungen und Mädchen in den Werkstätten betreut „Ein Acht-Stunden-Tag käme für die Teilnehmer zu früh“, weiß Hollenberg. Auch Thomas Engels hält längere Zeiten für kontraproduktiv. Hauptziel sei schließlich, dass die Teilnehmer nicht aufgeben. Die Jugendlichen sollen lernen, mit negativen Erfahrungen und Frustration problemlösend umzugehen.

Aus der Theorie machen die Lehrer beim Sozialwerk praktische und lebensnahe Informationen. „Der Unterricht hier ist besser“, findet Florian. „Wir sind weniger Schüler, der Lehrer hat viel mehr Zeit, es ist ruhiger und man lässt sich nicht so schnell ablenken.“ Die Schüler sollen lernen, „dass Mathe nicht nur etwas Quälendes ist, sondern etwas, das sinnvoll und hilfreich sein kann“, schildert Günter Lachner, der beim Sozialwerk und an der Bürgewaldschule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen, unterrichtet. Und dann verbringen die Schüler viel Zeit in den Werkstattgruppen. Dort arbeiten sie mit Holz, mit Farbe, mit Pflanzen.

Die typischen Laufbahnen eines Schulverweigerers gibt es nicht, es gibt kein typisches Profil. Es gibt Jugendliche, die im zehnten Schulbesuchsjahr noch immer in Klasse 7 oder 8 sitzen oder solche, die sich erst später verweigern. „Meist kommen mehrere Faktoren zusammen“, erklärt Hollenberg. Dann entwickele sich eine Eigendynamik. Familiäre Probleme, die Perspektivlosigkeit für den beruflichen Werdegang, Leistungsdruck, ein schlechtes Klima an der Schule und der Einfluss der Freunde können beeinflussende Faktoren sein. Viele Schulschwänzer haben schon einige Schulwechsel hinter sich. „Es gibt auch Eltern, denen erst nicht auffällt, was mit ihrem Kind los ist und es gibt welche, die das gar nicht interessiert“, weiß Lachner. Eltern, die merken, dass ihre Kinder nicht klarkommen, sollten sich sofort Hilfe holen, appelliert Engels.

„Es brechen immer mehr Jugendliche in der Gesellschaft weg“, beschreibt Hollenberg. Ihr Kollege spricht von einem gesellschaftlichen Umbruch. „Unser Schulsystem basiert auf familiärem Rückhalt. Wir müssen auch die Kinder auffangen, die diese Begleitung Zuhause nicht erfahren.“ Zudem sei es wichtig, Perspektiven zu schaffen, auch für diejenigen, in deren Lebensplan kein Abitur und kein Studium stünden.

Florian beschreibt sich selbst mittlerweile als motiviert, die Werkstattgruppe ist für ihn kein rotes Tuch, wie es die Schule war. „Aber wir müssen uns nichts vormachen. Wir erreichen nicht alle“, sagt Hollenberg. In der neuen Umgebung sei die Gefahr aber geringer, dass die Schüler sich gegenseitig runterziehen. Wenn in der überschaubaren Werkstattgruppe etwas im Argen liegt, „greifen wir schnell ein“, sagt Hollenberg.

Wenn die Schulpflicht erfüllt ist, können die Schüler in einer berufsvorbereitenden Maßnahme weiter betreut werden. Außerdem können sie sich mit ihren Zeugnissen an den Berufskollegs bewerben. „Das Problem ist, dass dann oft die alten Maschen wieder greifen“, schildert Hollenberg.

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