Sozialamt setzt auf unkomplizierte Integration der Flüchtlinge

Von: Burkhard Giesen
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Flüchtlinge helfen, Nideggen sauber zu halten. Die Stadt gibt sich Mühe, frühzeitig zur Integration beizutragen. Foto: Bruno Elberfeld

Nideggen. Manfred Heinrichs liest die Sätze erst langsam vor. „Lena ist die Freundin von Franz“, sagt er. Oder: „Ich kaufe mir ein Auto.“ Fünf junge Männer hören aufmerksam zu. Sie sollen heute den Unterschied zwischen dem bestimmten und dem unbestimmten Artikel lernen und verstehen, dass Lena nicht irgendeine Freundin von Franz ist und Manfred Heinrichs beim vermeintlichen Autokauf noch keine Präferenz für ein besonderes Auto hat.

Zwei Stunden lang drücken die Männer jeden Donnerstag im Nideggener Ratssaal die Schulbank. Normalerweise sitzen hier elf Personen, die anderen haben sich entschuldigt, weil sie zur Kreisverwaltung nach Düren mussten.

Maria Scheeren vom Nideggener Sozialamt betreut mit Gaby Strauch alle 57 Asylbewerber, die in Nideggen leben. Tendenz steigend. „In den 1990er Jahren hatten wir schon mal 180 bis 200 Asylbewerber“, erinnert sie sich.

Heinrichs hat den Deutsch-Kurs selbst zusammengestellt. Heinrichs ist Vorsitzender des Sozialen Netzwerks Nideggen. Er kümmert sich um die Kleiderkammer, hilft bei der Hausaufgabenbetreuung und unterrichtet seit zwei Monaten die Flüchtlinge – alles ehrenamtlich natürlich. „Einen Anspruch auf Deutschunterricht haben Asylbewerber erst, wenn sie ihr Bleiberecht haben“, erklärt Maria Scheeren. Die Anerkennungsverfahren ziehen sich allerdings und können auch schon mal zwei, drei Jahre dauern. Oder noch länger. „Eine Integration ist ohne Deutschkenntnisse schwierig“, weiß Maria Scheeren. Also hat sie mit Unterstützung von Heinrichs die kostenlosen Deutschkurse ins Leben gerufen. Heinrichs spricht in seinem Unterricht konsequent nur Deutsch.

„Am Anfang ging es darum wie man heißt, wie alt man ist, wo man wohnt“, erklärt er. Jetzt versucht er mit Sätzen aus Alltagssituationen die Sprache zu vermitteln. Die fünf jungen Männer, die an diesem Tag da sind, lernen eifrig. Wenn sie einen Satz nicht verstehen, fragen sie nach, helfen sich gegenseitig, oder zücken auch schon mal das Handy, um schnell bei Google die Bedeutung eines Wortes nachzuschlagen. Die halbe Welt versammelt sich in Nideggen: Flüchtlinge aus Indien, Pakistan, Eritrea, Afghanistan, dem Irak, Algerien, China, Somalia, Syrien, Guinea, Nigeria, Sri Lanka, Bangladesch und selbst aus Russland betreut Maria Scheeren. Sie macht den Job schon seit 26 Jahren. Und das gerne, „weil man immer auch sieht, dass man den Menschen helfen kann“. Für Erfolgserlebnisse sorgen umgekehrt auch die Flüchtlinge, die hier eine neue Heimat gefunden haben: „Ich habe Familien, wo ich Kinder von klein auf begleitet habe, die jetzt ihr Abitur machen. Das ist schön.“

Als Beitrag zur Integration betrachtet Maria Scheeren auch das, was früher eher verpönt war: die Flüchtlinge zur gemeinnützigen Arbeit heran zu ziehen. Eingesetzt im Bauhof halten sie zum Beispiel Schulhöfe sauber. „Das funktioniert gut, weil die Bauhofmitarbeiter alle sehr aufgeschlossen sind. Und für die Flüchtlinge ist es zusätzlicher Deutschunterricht, sie haben ein bisschen Arbeit und bekommen zusätzliches Geld, wenn es auch nur wenig ist“, erklärt Maria Scheeren. „Sie haben so auch einen klaren Tagesablauf.“ Und werden gebraucht. Vielleicht die wichtigste Erfahrung in ihrem neuen Leben.

Manfred Heinrichs ist nach dem Autokauf inzwischen im Kino angekommen. Oder trifft man sich doch besser am Kino? Oder zur Disko? Deutsch ist eine schwere Sprache, so schwer, dass die Schüler sich gerne zwei Mal in der Woche in Nideggener Ratssaal treffen würden. „Da arbeiten wir noch dran. Dann bräuchten wir allerdings noch einen zusätzlichen Lehrer, der uns unterstützt“, sagt Maria Scheeren. Die Asylbewerber würden sich freuen.

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