Sophienhöhe: Ein Blick durchs Schlüsselloch der Biologen

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
12401694.jpg
Auch wenn beständiger Regen die Kartierung erschwerte, fanden die Biologen mit den Lesern in den Sonderbiotopen der Sophienhöhe interessante Arten. Foto: Barsig
12401695.jpg
Besonders zufrieden waren die Vogelkundler: Auf der Sophienhöhe leben mehrere Arten, die gefährdet sind. Foto: Barsig
12401700.jpg
Einer der Funde des Tages: ein Gelbrandkäfer. Foto: Barsig
12401693.jpg
Auch die Pflanzenvielfalt gab es zu bestaunen, so etwa Fuchs‘ Knabenkraut, eine Orchideenart. Foto: Barsig

Niederzier. Wie fingernagelgroße, schwarze und vom Regen glänzende Kieselsteine sehen sie aus. Würden sie nicht hüpfen, würde sie kaum jemand bemerken, die vielen kleinen Krötenbabys, die den sandigen Weg auf der Sophienhöhe queren. Es sind Hunderte. Nur noch auf Zehenspitzen und sehr langsam bewegt sich die Lesergruppe fort, die am Samstag an der Kartierung von Pflanzen, Insekten und Amphibien auf der Abraumhalde des Tagesbaus Hambach teilnimmt.

Am Ende bietet sich ihnen, nachdem sie ein Stück über den krötenübersäten Weg gewandert sind, noch einmal ein spektakulärer Ausblick über einen See in der Nähe des Parkplatzes. Darin blühen Seerosen und am Rande der kleinen Insel in der Mitte lugt für den, der gute Augen hat, ein Blesshuhn durch das Schilf. Der See ist Hoheitsgebiet einer Reiherkolonie, die sich hier angesiedelt hat. Und einer von ihnen zeigt sich den Besuchern sogar in seinem Landeanflug durch den stetigen Regen, der diesen Tag begleitet.

In regelmäßigen Abständen wird die Flora und Fauna der Sophienhöhe kartiert. Dabei werden sowohl Arten bestimmt, als auch ihre Anzahl. An diesem Tag haben die Forschungsstelle Rekultivierung von RWE Power und das Kölner Büro für Faunistik mit den Lesern aber die Sonderbiotope im Blick, also die Orte, die besondere Merkmale aufweisen. Dazu gehören Magerwiesen, Rückhaltebecken, extrem sandige und trockene Böden und Heidelandschaft.

Paradies für wirbellose Tiere

Die Biologen wollen herausfinden, welche Arten sich dort angesiedelt haben und was man tun kann, damit sie bleiben. Die Leser dürfen an diesem Tag quasi „durch das Schlüsselloch der Kartierer schauen“, erklärt Gregor Eßer von der Forschungsstelle Rekultivierung. Kartierungsaktionen laufen bereits früh im Jahr an, die Hauptzeiten sind aber Frühjahr und Sommer. Besonders wichtig ist eigentlich gutes Wetter. „Der viele Regen macht es für uns in diesem Jahr sehr schwer“, sagt Eßer, der einen Teil der Lesergruppe mit einem Kleinbus von einem Sonderbiotop zum nächsten fährt.

Über 100 Kilometer Wanderwege gibt es auf der Sophienhöhe. In kurzer Zeit zu Fuß von einem Biotop zum nächsten zu kommen, ist da kaum möglich. Von der Dammwildhütte aus geht es über die angelegten Waldwege zum ersten Stopp des Tages, einer Sandhalde. Ein schmaler Pfad durch das Dickicht mündet auf einem Berg aus Sand. Nur wenige, niedrige Bäume und Gräser überleben auf dem weichen Boden. Gleichzeitig ist er aber Paradies für wirbellose Tiere wie Spinnen, Käfer und anderes Kriechgetier – würde es denn nicht regnen.

„Es ist windig, kühl und nass. Das sind keine allzu guten Bedingungen“, sagt auch Biologe Claus Albrecht, der sich bewaffnet mit einem weißen Kescher und einem Insektensauger große Hoffnungen auf viele verschiedene Arten gemacht hatte. Immerhin eine Raubspinne samt Kokon kann er in einem Glas der Gruppe präsentieren.

Wäre das Wetter trocken, schätzt Albrecht, würde man an diesem Ort bis zu hundert verschiedene Spinnenarten finden. Durch den Klimawandel und Umwelteinflüsse wachse die Artenvielfalt in Deutschland. Angesichts der Mondlandschaft, an die die Halde erinnert, kann man sich das kaum vorstellen.

Doch dann vermeldet einer der Biologen einen der wohl ungewöhnlichsten Funde an diesem Tag: Mitten im Haldensand blüht ein Fuchs’ Knabenkraut, eine Orchideenart. Später, bei der Präsentation der Ergebnisse in der Dammwildhütte wird der Fund nicht ohne Stolz verkündet.

Sämtliche Biologen sind sich sicher: Die Sophienhöhe ist trotz ihrer verhältnismäßig jungen Geschichte unheimlich artenreich. „Sie ist wie eine Spielwiese für Biologen“, sagt auch Gregor Eßer, während er den Kleinbus über die Waldwege manövriert. Zwar könne man keinen 150 Jahre alten Wald wiederherstellen, aber alle Altwald gebundenen Arten seien inzwischen auf der Sophienhöhe wieder zurück.

„Wir können hier unheimlich viel gestalten.“ Dazu gehört auch, Bäume an den Wegen zurückzuhalten, um Waldsäume entstehen zu lassen, die besonders vielen Arten Platz bieten. So wie auch die Heidelandschaft am Jülicher Kopf, die mit ihren Wacholdern eigentlich vielen Faltern Lebensraum bietet, die Schmetterlingsforscher Heinrich Bombelka an diesem Tag kartiert. Oder kartieren würde, wenn, ja, wenn der Regen nicht wäre, der dafür sorgt, dass die Falter an diesem Tag gar nicht erst fliegen können.

Bombelka ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. 600 bis 800 Falterarten will er auf der Sophienhöhe demnächst kartieren. „Das Potenzial ist riesig“, sagt er. Denn gerade die Höhe des Gebiets – die Sophienhöhe überragt die Börde um über 200 Meter – und der Wind trage viele Arten dorthin. Dennoch ist Bombelka nicht ganz ohne Sorge. „Denn was passiert einmal, wenn das Gebiet hier nicht mehr von Biologen gepflegt wird?“

Denn eine Wiese wie die am Jülicher Kopf muss vom Baumbewuchs freigehalten werden, wenn sie weiterbestehen soll – so wie viele andere der Biotoptypen auch. Im Moment wird das maschinell gemacht. „Schafe hier weiden zu lassen, ist für Wanderschäfer nicht mehr wirtschaftlich“, sagt Gregor Eßer. Gibt RWE die Gebiete irgendwann wieder an das Land ab, ist nicht immer sicher, was mit ihnen geschieht. „Das wird dann auch Aufgabe für kommende Generationen. Wir können hier nur das Potenzial für Vielfalt schaffen.“

Zufriedene Vogelkundler

Deshalb machen sich die Biologen aber auch Gedanken über Lösungen, wie man zum Beispiel Wiesen nachhaltig pflegen kann. Bis dahin haben aber Baumpieper, Heidelerche und sogar Eisvögel auf der Sophienhöhe das Sagen.

Immerhin die Truppe der Vogelkartierer kann bei der Abschlussbesprechung Erfolge vermelden, ebenso wie die Amphibiensammler, die Eidechsen und Molche zur Anschauung mitgebracht haben. Besonders zufrieden sind die Vogelkundler an diesem Tag: Auf der Sophienhöhe leben mehrere Arten, die in NRW auf der Vorwarnliste stehen oder sogar gefährdet sind. Dazu zählen Nachtigall und der Wespenbussard.

Zwar zählt der Reiher im Landeanflug am See nicht zu den Tieren, die in NRW auf der Roten Liste stehen, aber er ist dennoch ein würdiger Abschluss für die Leser, die an diesem Tag den Kartierern über die Schulter schauen durften.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert