Seine Majestät belieben nicht zu scherzen

Von: Stephan Johnen
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Dr. Marcus Leifeld schlüpfte am Sonntag in die Rolle des „Lehrer Welsch“. Foto: Johnen
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Philipp Oebel gab Lieder und Büttenreden zum Besten. Foto: Stephan Johnen

Düren. Die Politik muss eine wunderbare Quelle sein. Bei den vielen Sätzen, die Politiker in den Raum stellen, können sich die Büttenredner die besten Pointen herausgreifen. Oder etwa nicht? „In der Bütt gibt es viele Verweise auf aktuelle politische Entwicklungen, auf Steuererhöhungen und handelnde Personen“, sagte Dr. Markus Leifeld.

„Doch der Karneval im Rheinland hat seit Jahren wenig politischen Biss“, bilanzierte der Kunsthistoriker, der bei der „Närrischen Akademie“ am Sonntag in die Rolle des „Lehrer Welsch“ schlüpfte. In sieben Lektionen nahm er die Gäste der „Närrischen Nord Dürener“ mit auf eine Zeitreise. Karneval und Politik verbindet seit Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte. Leifeld brachte sie den Studenten näher.

Die Frage, wie Karneval mit der Politik und die Politik mit dem Karneval umgeht, sei auch ein Spiegelbild der entsprechenden Epoche. Im ausgehenden Spätmittelalter beispielsweise war dem Karneval die Politik – gelinde gesagt – egal. Karneval stand für ein Fest des irdischen Lebens, die Fastenzeit für das kommende Reich Gottes. Und da das Leben endlich war und folglich die Macht der Könige und Herrschenden spätestens ab dem Tod keine Rolle mehr spielte, war auch Kritik an der Politik keine irdische Angelegenheit.

Das war bei der Entstehung des bürgerlichen Karnevals nicht anders. Der Narr, der die Wahrheit sagen konnte, ohne geköpft zu werden, war zwar eine zentrale Figur. Seine Aussagen allerdings waren nicht unbedingt politisch: „Längst wäre schon die ganze Welt aus allen Fugen, wär nicht Humor so ein gewalt‘ger Held“, trug Philipp Oebel, der Lieder und Büttenreden aus verschiedenen Epochen zum Besten gab, ein zeitgenössisches Lied vor. Will heißen: Zank und Streit gab es überall, nur nicht in der unpolitischen Welt des Karnevals. Der Jeck hielt sich raus und fuhr gut damit.

Dies wandelte sich im Rheinland spätestens mit dem Eintreffen der Preußen. „Es gab damals weder Meinungs- noch Versammlungsfreiheit“, unterstrich Marcus Leifeld die Notwendigkeit, zwischen den Zeilen Kritik zu üben. Die Preußen fürchteten den Karneval und das aufrührerische Potenzial, das sie darin sahen. 1827 wurde beispielsweise der Karneval im Rheinland mit Ausnahme von Aachen, Köln und Koblenz vom preußischen König für einige Jahre verboten. Majestät beliebten nicht zu scherzen.

Von 1830 bis 1848 forderten auch die Deutschen im Vormärz Demokratie, Freiheit und nationale Einigkeit. Der Vormärz hat die Gesellschaft politisiert“, sagt Leifeld. Erstmals interessierte sich die Bevölkerung ernsthaft für Politik. Es war die Zeit der Büttenreden, die Waffen waren Humor und Satire. Auf der Bühne standen Demokraten, im Publikum saßen Spitzel der Regierung. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 allerdings änderte sich der Ton. Statt Kritik zu üben wurde nun die Obrigkeit gefeiert. „In der Weimarer Republik hat der Karneval die Politik dann geradezu verhöhnt“, blickte der Historiker zurück.

Kritik am Kapitalismus, am Versailler-Vertrag, an der Republik: es wurde ausgeteilt. Im Nationalsozialismus hatte Karneval vor allem eines zu sein: fröhlich. „Er sollte von Missständen ablenken.“ Der Karneval war zwar betont unpolitisch, die Nationalsozialisten hielten sich rein optisch im Hintergrund, aber gleichzeitig diente er politischen Zielen: „Er bereitete die Menschen auf den Krieg vor und diente der ideologischen Einflussnahme“, sagte Marcus Leifeld.

Nach dem Krieg standen vor allem Aufbau, Unterhaltung und Frohsinn auf dem Programm. Die Politik wurde zur Nebensache. „Das Kabarett greift seit Jahren viele Themen auf, die einst im Karneval thematisiert wurden“, fasst Leifeld die jüngste Vergangenheit zusammen. Ob Karneval wieder mehr politischen Biss bekommt? Gut möglich. Die wechselvolle Geschichte ist schließlich noch nicht abgeschlossen.

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