Schulpolitik: Individuelle Förderung statt „Ehrenrunde“

Von: Sarah Maria Berners
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ARCHIV - Grundschüler sitzen am 15.08.2011 in einem Klassenraum einer Schule in Barsinghausen (Region Hannover) - fotografiert durch ein buntes Kunstwerk an der Decke des Klassenraums. Verbindlicher Ganztagsunterricht, individuelles Lernen und kein Sitzenbleiben mehr: Eine tiefgreifende Reform der Grundschule haben drei niedersächsische Bildungsverbände am Dienstag (27.09.2011) in Hannover gefordert. Foto: Julian Stratenschulte dpa/lni (zu lni 0899) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Kreis Düren. Joel und Kai (Namen von der Redaktion geändert) gehen in die siebte Klasse einer weiterführenden Schule im Kreis Düren. Zum zweiten Mal. Die beiden sind zwei von 774 Schülern im Kreis, die im vergangenen Jahr pappen geblieben sind.

Die beiden sind ehrlich, wenn sie darüber sprechen, warum sie die Versetzung im Sommer nicht geschafft haben. Sie seien „zu faul“ gewesen, sagen sie. Sie hatten „keine Lust aufzupassen, keine Lust zu lernen“. Die Freunde waren wichtiger als die Schule.

„Und wenn man einmal raus aus dem Stoff ist, ist es schwer, wieder reinzukommen“, sagt Kai. Gelernt haben die beiden nur wenig. „Ich hab aufs Glück gehofft“, gesteht Joel. Die Lehrer hätten zwar schonmal was gesagt und versucht, zu motivieren. Richtig geklappt hat das aber nicht. Irgendwann sei die Hoffnung, die Versetzung zu schaffen sowieso dahin gewesen. Richtig traurig seien sie deswegen nicht gewesen, sagen die Jungs. Sie haben eine „Ist mir egal“-Haltung eingenommen, die mal mehr, mal weniger wankt.

Davor, in eine neue Klasse zu kommen, hatten die beiden schon Bammel. „Man weiß ja nicht, wie die anderen einen aufnehmen und ob die neuen Lehrer Vorurteile haben“, sagen die Schüler. Heute sagen sie, dass sie sich das Sitzenbleiben schlimmer vorgestellt haben. „In den Pausen bin ich aber immer mit meinen alten Freunden zusammen“, beschreibt Kai.

Wirklich unangenehm war es den Jungs, dass ihre Eltern enttäuscht waren. Richtig Ärger habe es zwar nicht gegeben, wohl einige Gespräche. Die Eltern seien jetzt außerdem etwas strenger geworden. „Aber ich bin auch strenger mit mir selbst“, sagt Kai. Und Joel ergänzt: „Jetzt haben wir die Chance, es besser zu machen.“

Wirklich motivierter sind die Jungs aber trotzdem nicht. Das sagen sie von sich selbst. Schule ist irgendwie nicht ihr Ding. „Es wäre cool, wenn der Unterricht etwas spannender wäre, dann wäre es doch viel leichter aufzupassen“, sagen die Schüler. Trotzdem haben sich vorgenommen, etwas mehr zu lernen und besser aufzupassen. Schließlich wollen sie mal einen Beruf erlernen und wissen, dass Schulbildung dafür wichtig ist.

„Sitzenbleiben bewirkt meistens nicht das, was intendiert ist“, sagt Hermann-Josef Gerhards, Leiter der Gesamtschule Niederzier-Merzenich. Eine Nichtversetzung ergebe nur dann Sinn, wenn ein Schüler zum Beispiel wegen Krankheit lange nicht am Unterricht teilnehmen konnte. „Defizite zeichnen sich ja spätestens bei den Quartalsnoten ab, dann geht es darum, frühzeitig gegenzusteuern.“

Diese Meinung teilt auch Andrea Volk, Leiterin der Sekundarschule Kreuzau-Nideggen. „An der Sekundarschule gibt es kein Sitzenbleiben und wir sind froh darüber. Viel wichtiger ist es, präventiv zu arbeiten und die Kinder individuell zu fördern.“ Häufig seien es nur wenige Fächer, die eine Versetzung gefährden. „Wenn ein Kind nicht versetzt wird, wird es aus seinem sozialen Umfeld gerissen. Auch das gilt es, zu beachten.“

Der Leiter des Kreuzauer Gymnasium, Wolfgang Arnoldt, betont, „dass das althergebrachte Vertrauen in die quasi automatische Wirksamkeit der berühmten ‚Ehrenrunde‘ nicht gerechtfertigt ist“. Das gelte insbesondere dann, wenn das Schuljahr nur wiederholt werde und kein genauer Blick darauf erfolge, wo die Schwächen des Einzelnen lägen. Dennoch könne es für manche Schüler sinnvoll sein, eine Klasse zu wiederholen. Zum Beispiel wenn trotz Förderung zu große Lücken entstanden seien. „Unsere Erfahrung zeigt, dass es mit einer frühzeitigen Aufmerksamkeit möglich ist, die Zahl der unvermeidbaren Ehrenrunden zu reduzieren – und das ohne den oft befürchteten Verlust des Leistungsniveaus.“

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