Schophoven - Schule für Circuskinder: Das fahrende Klassenzimmer

Schule für Circuskinder: Das fahrende Klassenzimmer

Von: Laura Broderius
Letzte Aktualisierung:
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Miguel (l., 8. Klasse) und Joana (5. Klasse) vom Circus Bonito mit Lehrer Sascha Brenker im mobilen Klassenzimmer. Foto: Laura Broderius

Schophoven. Eine Woche campiert Zirkus „Bonito“ in Schophoven, jetzt geht es weiter zum nächsten Ort. Eine Familie auf Wanderschaft: Vater, Mutter und drei Kinder. Und wie gehen die Kinder in die Schule? Gar nicht, die Schule kommt zu ihnen. Anstelle der wechselnden Schulen also endlich die Möglichkeit der Beständigkeit – im fahrenden Klassenzimmer.

Die Schule für Zirkuskinder in NRW unter der Trägerschaft der evangelischen Kirche macht das möglich. Mit einem mobilen Schulwagen, in dem sich Tische, Stühle und Lehrmaterialien befinden, besucht eine Lehrkraft des 30-köpfigen Kollegiums der Schule die Zirkusfamilie auf dem Circusplatz an zwei Tagen in der Woche. Der Unterricht dauert länger als an einer Regelschule und es gibt deutlich mehr Hausaufgaben für die restlichen Tage der Woche. Eine Lehrkraft, der ein Zirkus zugeteilt wurde, bleibt auch bei diesem Zirkus, bis alle Kinder einen Abschluss geschafft haben.

Seit vier Jahren lernen die Kinder des Zirkus‘ „Bonito“ nun schon in der fahrenden Schule. Wer ist verantwortlich und wer dokumentiert die Schullaufbahn der Kinder? Welche Schule stattet die Kinder mit Unterrichtsmaterial aus und verfasst die Zeugnisse? Alles Fragen, mit denen sich die Zirkusfamilie vor vier Jahren noch herumschlagen musste – meistens ohne eine eindeutige Antwort. Wanderschaft ist schwer vereinbar mit dem Regelschulsystem – und führt deswegen oft zu keinem Schulabschluss.

Anders in der Zirkusschule – als staatlich anerkannte Schule können dort alle Abschlüsse der Sekundarstufe eins gemacht werden. Alle Kinder eines Zirkus‘ lernen gemeinsam in einem Schulwagen und bekommen individuelle Lernpläne und Aufgaben. Gleichzeitig können sie voneinander lernen. Erst in den letzten beiden Jahren, die der Vorbereitung auf alle Zentralen Prüfungen am Ende der Klasse 10 dienen, werden die Kinder benotet.

Diese Prüfungen schreiben sie dann parallel mit allen anderen aus NRW. Der Sitz der Schule ist Hilden. Dort befinden sich auch das Sekretariat und die Schulleitung. So wie an anderen Schulen gibt es auch Elternsprechtage, Einschulungsfeiern oder regelmäßige Lehrerkonferenzen

Neben den Unterrichtsmaterialien im mobilen Klassenzimmer gibt es Onlinekurse, die die Schüler zusätzlich belegen können. Diese Onlinekurse sind virtuelle Klassenzimmer, also Online-Konversationen, in denen sich die Schüler und der Lehrer per Headset unterhalten und somit eine Unterrichtsstunde abhalten. Durch die Kooperation mit einem Oberstufenkolleg in Herne besteht auch die Möglichkeit, in eine gymnasiale Oberstufe zu wechseln. Da besuchen die Schüler dann den Unterricht zeitweise, den Rest in Onlinekursen lernen und alle Klausuren bis zum Abitur mitschreiben.

Im Fall des Zirkus‘ „Bonito“ ist es Sascha Brenker, ehemaliger Grundschullehrer, der die Schullaufbahn der Kinder begleitet. Neben Bonito besucht er auch noch einen zweiten Zirkus. Als junger Lehrer ist er vor sechs Jahren auf die Zirkusschule gestoßen und hat sich daraufhin beworben. „Das Unterrichten im Schulwagen ist sehr spannend. Immer muss man woanders hin. Klar, es ist auch schwieriger, aber man ist sein eigener Herr und kann sich viel genauer auf die Schüler einstellen, da man meistens nur zwei bis sechs Kinder unterrichtet.“

In NRW ist diese Art von Schule einzigartig. Auch außerhalb von NRW gibt es nur noch eine Zirkusschule in Hessen. „Die Schulen im Wochentakt zu wechseln ergibt einfach keinen Sinn.“, so Brenker. „Keine Schule behandelt die Themen in der gleichen Reihenfolge wie eine andere. Dann lernen die Zirkuskinder manchmal ein Thema fünfmal, und ein anderes gar nicht. Klassenarbeiten mitschreiben können sie dann erst recht nicht.“ Als Universallehrer sei er zwar nicht so spezialisiert in einem Fach, dafür gäbe es aber in den letzten beiden Jahren vor den Abschlussprüfungen Onlinekurse von Fachlehrern, mit denen die Schüler ihr Wissen vertiefen können. Lernen die Kinder denn auch wirklich selbstständig in den drei unterrichtsfreien Tagen in der Woche? „Ja. Bis jetzt hat es immer geklappt, die meisten machen regelmäßig ihre Hausaufgaben, gewinnen dadurch viel mehr Selbstständigkeit und wollen wirklich lernen.“ „Es war blöd, immer die Schule zu wechseln, und nie wirklich Freundschaften zu entwickeln“, sagt Miguel (8. Klasse), der wie seine kleine Schwester Joana (5. Klasse) seit vier Jahren im Schulwagen der Zirkusschule lernt, über die Zeit davor. Der große Bruder Benito hat bereits seinen Abschluss und hilft jetzt Vollzeit beim Zirkus mit. Ob sie denn nicht manchmal überlegen, etwas anderes zu machen, als im Zirkusgeschäft zu bleiben? „Nein“, sind sich beide einig. „Deswegen machen wir im Unterricht auch oft Fächer wie Arbeitslehre, Zirkuslehre und Ähnliches, was den Kindern in Sachen Unternehmensführung Einiges mit auf den Weg gibt“, so Brenker. Aber auch schon jetzt sind die beiden Kinder stark involviert. Kunststücke wie Seillaufen, Jonglieren, Bodenakrobatik, Trapez, Messerwerfen oder Tierdressur übernehmen sie in den Aufführungen.

Sesshaft werden die Kinder nur für kurze Zeit: im Winterquartier, in dem sie auch ihre Winterschule besuchen, die die Leistungen am Ende der Winterpause an die Zirkusschule übermittelt. Zu lange darf die Pause aber nicht dauern: „Ich war über den Winter mal in einem Fußballverein“ sagt Joana, „aber das wurde irgendwann langweilig, es waren immer nur die gleichen Leute am gleichen Ort.“

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