Schützenwesen: Ist die Öffnung der Bruderschaften Fluch oder Segen?

Von: Annika Thee
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Der Schützenkönig Roger Habermann (l.) und sein Lebensgefährte Guido Leffrang als Königsbegleiter im Jahr 2012 in Niedersachsen. Das Königspaar hatte negative Reaktionen hervorgerufen. Foto: dpa

Düren. Selten waren die Schützen in Düren nach einer Bundesvertreterversammlung derart gespalten. Die Einen warnen vor dem Untergang der Tradition, würde man sich zu sehr öffnen. Die Anderen warnen vor dem Untergang, würde man genau dies nicht tun.

Grund für die kontroverse Haltung ist ein neuer sogenannter Orientierungsrahmen, den der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) veröffentlicht hat. Mit diesem können die Vereine nach eigenem Ermessen Mitglieder aufnehmen. Die Voraussetzung bleibe lediglich, dass sich die Anwärter dem Leitsatz „Glaube, Sitte, Heimat“ verpflichten.

Josef Mohr aus Nörvenich, Präsidiumsmitglied des BHDS und Bundesmeister im Diözesanverband Aachen, positioniert sich gegen den Beschluss: „Der geschaffene Freiraum stellt die christliche Ausrichtung des BHDS als verlässliches Orientierungsmerkmal infrage und gibt sie der Erosion preis“, kritisiert er. Das zwingende Bekenntnis zum christlichen Glauben aller Mitglieder stehe einer Öffnung der Bruderschaft für Nicht-Christen entgegen.

Schützenmeister Horst Deselaers der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Langerwehe stimmt der kritischen Auffassung von Josef Mohr zu. Andere Bruderschaften wollten sich noch nicht öffentlich zu der Thematik äußern, da sie in den kommenden Wochen noch intern besprochen werden müsse.

Lieber im „kleinen Stil klären“

Mohr kritisiert außerdem, dass die Öffnung der Schützenbruderschaften vom BHDS öffentlich thematisiert wurde. Er bevorzuge, solche Einzelfälle „im Rahmen einer integrativen Inkonsequenz im kleinen Stil zu klären“. Seiner Meinung nach können einzelne Ausnahmen gemacht werden, allerdings ohne diese publik zu machen und die Grundausrichtung der Bruderschaften zu hinterfragen.

Ein Vertreter einer Dürener Schützenbruderschaft, der nicht öffentlich genannt werden möchte, bestätigt dieses Vorgehen als gängige Praxis. „Nach ausführlicher Besprechung im Vorstand haben wir beschlossen, einen muslimischen Jungen aufzunehmen, allerdings unter dem Vorbehalt, dass er nicht am Preisschießen teilnehmen oder die Königswürde erhalten darf“, sagt er. An dieser Praxis werde man erst einmal festhalten. „Wir versuchen uns schon zu öffnen, aber gleichzeitig auch die Tradition zu wahren. Es ist eine Gratwanderung“, sagt der Vorsitzende weiter.

Dietmar Hacky, Vorsitzender der St.-Anna-Schützen aus Berzbuir, vertritt eine gegenteilige Meinung. Seit zehn Jahren nehmen die Schützen Mitglieder anderer Glaubensrichtungen auf, denn „Ausgrenzung und Abschottung sind die kleinen Brüder des Rassismus“, erklärt Hacky. Daher hätte der Verein den Dachverband bereits 2015 zu der jetzt erfolgten Öffnung aufgefordert. Aus Angst, dass ohne die Öffnung „eine jahrhundertealte Tradition und Wertegemeinschaft durch Ignoranz zu Tode geritten würde“. Eine Öffnung stünde dem Leitsatz der Schützen nicht entgegen, denn „Heimat ist für alle da, und Sitte bedeutet für uns nichts anderes als Respekt vor den Anderen“, meint Hacky. Der christliche Glaube bleibe das Fundament der Bruderschaft.

Wie die anderen Dürener Schützenbruderschaften vom Freibrief des BDHS Gebrauch machen, ist noch unklar. Abgesehen davon: Die St.-Anna-Schützen verzeichnen nach eigenen Angaben seit Jahren einen großen Mitgliederzuwachs, während andere Bruderschaften über Mitgliederschwund und Nachwuchssorgen klagen.

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