„Schrift-Art“ für Blinde und Sehende

Von: Gudrun Klinkhammer
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Wo ist das Anfang und das Ende? Diese Frage lässt das Bild, angefertigt aus Tausenden von Legosteinen, offen. Foto: Gudrun Klinkhammer
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Franz Anton Lenze fertigt „Schrift-Art“ aus Legosteinen in unnachahmlicher Manier. Foto: Gudrun Klinkhammer

Düren. Das erste Exponat, das der Besucher sieht, wenn er die Ausstellung „Fühlen und verstehen – mit Fingern lesen“ auf Schloss Burgau betritt, trägt den Titel „Nimm Dir Zeit“. Auf dieses Bild blickt der Gast nicht umsonst, denn mit den 44 Exponaten des Grevenbroicher Architekten und Künstlers Franz Anton Lenze muss man sich beschäftigen, um sie zu verstehen.

Der 75-jährige Designer kam auf die Idee, „Schrift-Art“ herzustellen – so nennt er seine Kunst –, vor genau zehn Jahren. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte er im Vorstand der Lebenshilfe gearbeitet und auf diese Weise die Blindenschrift kennen- und lesen gelernt. Texte, die ihn berührten, setzte er mittels kleiner Lego-Steine irgendwann in diese spezielle Schrift um.

Passendes Aussehen

Doch damit nicht genug. Er gab der Blindenschrift aus Lego auch noch ein thematisch passendes, individuelles Aussehen. So liegt dem Bild „Weiße Rose“ der Text eines Flugblatts der Geschwister Scholl zu Grunde. Das ganze Bild besteht aus vielen Hundert Steinen, die ein Blinder wie ein Buch lesen kann. Das farbige Bild, nämlich eine weiße Rose auf rotem Grund, kann er jedoch nicht erkennen.

Das wiederum kann ein Sehender aufnehmen. Franz Anton Lenze sagt daher: „Meine Bilder sollten im Optimalfall immer von zwei Personen betrachtet werden, einmal von einem Nicht-Sehenden, der die Blindenschrift beherrscht, und dann von einem Sehenden, der die Grafik und die Farben aufnimmt.“ In 24 Farben sind Lego-Steine erhältlich, die Werke des Grevenbroicher Künstlers sind alle dreidimensional.

Die Vorbereitungen für die Arbeiten, die bis zu 20.000 Legosteine beinhalten können, dauern manchmal ein Jahr lang. Franz Anton Lenze beschreibt: „Zunächst schreibe ich den ausgewählten Text auf ein Blatt Papier. Dann übersetze ich ihn in eins zu eins in Blindenschrift.“

Nachdem das Grundgerüst fertig gestellt ist, legt der Architekt ein Transparent über den Entwurf, und genau so, wie ein Gebäude entsteht, entsteht das jeweilige Werk: Stein für Stein, Etage für Etage. Damit auch Sehende, die der Blindenschrift nicht mächtig sind, die Bilder entziffern können, gibt es zur Ausstellung einen Katalog. In diesem Katalog sind die Exponate einzeln abgebildet, ebenso die dazu passenden Texte.

Mit dem Smartphone „lesen“

Weiter existieren Bilder, die einen „QR-Code“ beinhalten, wie etwa das Werk „Blumengruß“. Hält der Besucher vor eine derartige Schrift-Art ein Smartphone mit „QR-Code“-Lesemöglichkeit, dann wird der passende Text des Bildes sichtbar.

Die hinreißende Ausstellung organisiert das Berufsförderungswerk mit der Stadt Düren. Pit Goertz, künstlerischer Leiter von Schloss Burgau, sagt: „Die Arbeiten gefallen auf den ersten Blick grafisch sowieso. Steigt man dann mit dem Intellekt ein, dann gibt es kein Halten mehr.“

Ähnlich begeistert äußerte sich Karl-Albert Eßer, zuständig für Geschäftspolitik und Kommunikation im Berufsförderungswerk. Am Donnerstag, 20. November, findet die Vernissage der Ausstellung „Fühlen und verstehen – mit Fingern lesen“ um 19 Uhr auf Schloss Burgau statt. Die Pianistin Natalia Schmidt spielt passender Weise die Komposition „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky. Bürgermeister Paul Larue hält die Eröffnungsrede.

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