Schmidt erinnert an das Schicksal russischer Kriegsgefangener

Von: Burkhard Giesen
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Schmidt erinnert an das Schicksal russischer Kriegsgefangener
Von russischen Kameraden wurde die Gedenktafel 1945 auf dem Friedhof bei Schmidt errichtet. Bei der Umbettung der Leichen verschwand die Tafel. Benedikt Schöller hat sich mit dafür eingesetzt, dass die Erinnerung an das Schicksal der Kriegsgefangenen wach gehalten wird. Foto: B. Giesen
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Bis 1959 gab es im Waldgebiet „Buhlert“ bei Schmidt den Friedhof für russische Kriegsgefangene. Einer, der dort beerdigt war, war Prokofij Sawitschew. Seine Personalkarte ist erhalten geblieben. Repros: Schöller
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Bis 1959 gab es im Waldgebiet „Buhlert“ bei Schmidt den Friedhof für russische Kriegsgefangene. Einer, der dort beerdigt war, war Prokofij Sawitschew. Seine Personalkarte ist erhalten geblieben. Repros: Schöller

Schmidt. Prokofij Sawitschew war 40 Jahre alt, als er am 28. April 1943 starb. Sawitschew war ein Kriegsgefangener, der im Lager Strauch, unweit von Nideggen-Schmidt, schuften musste und der dort umkam. Er stammte aus Weißrussland und war mit Matrjona Sawitschewa verheiratet.

Ob und wann sie von seinem Tod erfuhr, ob sie Kinder hatten, ist nicht überliefert.

An ihn und 71 weitere Gefangene soll eine Gedenktafel erinnern, die am Sonntag um 11 Uhr in der Schmidter Hubertuskirche der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

„Auf dem Arbeitskommando Strauch verstorben“ heißt es lapidar in der Personalkarte von Sawitschew. „Die Todesursache wird bewusst verschwiegen. Es gibt aber Fälle, wo bei 20-Jährigen als Todesursache ‚Herzschwäche‘ angegeben wird“, weiß Benedikt Schöller. Schöller ist Geschichtslehrer am St.-Angela-Gymnasium in Bad Münstereifel, stammt aus Schmidt, betreibt gemeinsam mit seinem Vater Konrad Schöller seit Jahren regionale Geschichtsforschung, hält Vorträge.

Gewaltexzesse

„Ursache für den Tod der Kriegsgefangenen war oft die unmenschliche Behandlung im Außenlager“, erklärt Schöller. Zeitzeugen berichten von Entkräftung, Mangelernährung und Gewaltexzessen. Wenn ein 20-Jähriger also an „Herzschwäche“ stirbt, kann man erahnen, wie die Menschen behandelt wurden. Wie viele Gefangene in dem Lager unweit von Schmidt im Einsatz waren, wie viele von ihnen gestorben sind, lässt sich nicht mehr feststellen. Dokumentiert ist aber etwas anderes: Bis 1959 gab es in dem Waldgebiet „Buhlert“ nahe des Lagers einen kleinen Friedhof mit einem Gedenkstein für die russischen Kriegsgefangenen. 65 Gräber gab es dort.

1959 wurden die sterblichen Überreste auf die zentrale Gedenkstätte in Rurberg umgebettet, der Gedenkstein gilt seitdem als verschollen. Zwischenzeitlich konnten dem Lager in Strauch, das eine Außenstelle des Stammlagers in Arnoldsweiler war, 72 verstorbene Sowjetbürger zugeordnet werden. „Sieben Verstorbene werden wohl für immer in unbekanntem Gelände würdelos verscharrt bleiben“, sagt Benedikt Schöller. Eingesetzt waren Gefangene wie Prokofij Sawitschew zum Beispiel zur Demontage von Eisenteilen am Westwall, die für den Atlantikwall benötigt wurden, zur Vernebelung des Rursees mittels Chemikalien, damit Flieger die Staumauer nicht sehen konnten, oder einfach auch zum Einsatz in der Landwirtschaft. Auch in Schmidt, und auch in Strauch.

Den Menschen die Würde zurückzugeben, ihrer wieder zu Gedenken, ist einer der Gründe dafür, warum der Kirchenvorstand von St. Hubertus sich dazu entschlossen hat, die alte Gedenktakel vom Schmidter Steinmetz Mario Book neu anfertigen zu lassen.

Ein mutiger Schritt, wenn man bedenkt, dass schon die Ausstellung „Routes of Liberation“ im vergangenen Jahr nicht nur auf ein positives Echo gestoßen ist. „Die Ausstellung stand unter dem Oberbegriff der Befreiung von der Nazi-Herrschaft. Es hat sich aber längst nicht jeder befreit gefühlt. Selbst 70 Jahre nach Ende des Krieges löst es noch Kritik aus, von einer Befreiung zu sprechen“, hat Benedikt Schöller erlebt.

Das wird vermutlich kaum anders sein, wenn es jetzt darum geht, sowjetischer Kriegsgefangener zu gedenken. „Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz und wollen bewusst verschiedene Perspektiven aufzeigen“, betont Schöller.

Der Umgang mit diesen Kriegsgefangenen dürfe deshalb auch kein Tabu mehr sein: „Das gehört zur Geschichte dazu.“ Benedikt Schöller versteht die Aufarbeitung dieser Schicksale auch als Beitrag dafür, gerade im Kreis Düren zu einer anderen Art der Erinnerungskultur zu kommen. „Es ist bundesweit einmalig, vom Westwall bis zu Denkmälern so viele Zeitzeugnisse auf einem so begrenzten Territorium zu versammeln. Allerdings betrachtet man überwiegend die Schlacht im Hürtgenwald als einmaliges Ereignis, und das auch noch oft losgelöst vom historischen Kontext“, sagt Benedikt Schöller.

Seit Jahrzehnten gibt es in der Schmidter Maria-Hilf-Kapelle, die im Volksmund auch Kriegerkapelle genannt wird, eine Tafel zur Erinnerung an die örtlichen Kriegstoten. Seit dem letzten Jahr wird der Leistung der Alliierten gedacht, jetzt folgt am Sonntag um 11 Uhr in der Pfarrkirche St. Hubertus die Würdigung der russischen Kriegsgefangenen, die unter erbärmlichen Umstände zu Tode gekommen sind.

Zu Gast bei der Gedenkfeier ist dann auch Vladimir Pyatin vom russischen Generalkonsulat in Bonn. Eine Veranstaltung, mit der man in Schmidt dem nächsten Ziel näherkommen will: „Aus der Kriegerkapelle soll eine Friedenskapelle für alle Opfergruppen werden“, sagt Benedikt Schöller.

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