Düren - „Scheitern zum Erfolg gemacht“: Rita Süssmuth zu Gast an der Rur

„Scheitern zum Erfolg gemacht“: Rita Süssmuth zu Gast an der Rur

Von: Gudrun Klinkhammer
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Rita Süssmuth (links) hielt einen interessanten Vortrag über ihre Erfahrungen in der Politik. Christina van Essen vom Dürener Frauenbüro hieß den prominenten Gast beim „Lila Salongespräch“ willkommen. Foto: gkli

Düren. Wie schnell doch eine Stunde vergehen kann. Oder zwei. Spricht Rita Süssmuth davon, dass sie gescheitert ist, dann glaubt man als Zuhörer zunächst an einen Hörfehler. Es ist aber kein Hörfehler. Sie sagt: „Scheitern gehört zum Leben. Ich bin einmal gescheitert, wieder gescheitert, besser gescheitert und habe Scheitern zum Erfolg gemacht.“

Die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages war am Montagabend im Kulturzentrum Komm Gast beim „9. Lila Salongespräch“, um ihr neues Buch „Das Gift des Politischen – Gedanken und Erinnerungen“ vorzustellen.

Das Frauenbüro der Stadt Düren und das Dürener Frauenforum richteten die Veranstaltung aus. Christina van Essen, kommissarische Frauenbeauftragte der Stadt, begrüßte die zahlreichen Gäste im ausverkauften Saal und sagte bereits im Vorfeld der Buchpräsentation mit anschließender Diskussion: „Für mich ist es immer wieder spannend, mich mit der Querdenkerin Rita Süssmuth auseinanderzusetzen.“

Mucksmäuschenstill hörten die Besucher der Referentin zu. Rita Süssmuth ging nicht her, und las aus ihrem neuen Buch. Vielmehr hielt sie – stehend – einen Vortrag über ihre persönliche Erfahrungen in einer von Männern geprägten und dominierten Arbeitswelt. Die politischen Strukturen und Gegebenheiten in Deutschland und Europa kamen dabei nicht zu kurz. Die Politikerin plädierte für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Süssmuth zur Gleichstellung von Frauen und Männern im Beruf: „Auf dem Mond waren wir früher.“ Festgezurrte Regeln lehnt sie ab, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht. Süssmuth: „Wir brauchen weiche Übergänge, die die Entscheidung des Einzelnen berücksichtigen. Wir benötigen individuelle Lösungen, damit auch die Kinder berücksichtigt werden, die mehr Zeit brauchen, sich von zu Hause zu lösen.“

Zur Flüchtlingsproblematik merkte sie an: „,Wir schaffen das schon‘ – das war hoffentlich nicht zu blauäugig dahergesagt. Es gibt noch wahnsinnig viel zu tun. Doch es kann uns hier nicht gut gehen, wenn es Menschen in anderen Ländern schlecht geht.“ Generell würde sie sich wünschen, dass in Deutschland weniger geredet und mehr gehandelt wird.

„Wir Deutschen haben das Talent, Dinge zu zerreden“, sagte Süssmuth. Den Buchtitel „Das Gift des Politischen“ beinhaltet eine Bewusstmachung. „Gift gehört zum Leben, aber es geht um die Dosis“, möchte die Autorin damit sagen.

Eines der Hauptgifte in der Politik sie, den Menschen nicht die Wahrheit zu sagen, obwohl die Wahrheit den Menschen zumutbar ist. Sie gibt Hilfe zur Selbstorientierung und Handlung.“ In der Diskussion mit dem Publikum wurde die Problematik von Frauen klar, die sie sich in der Arbeitswelt der Männer bewegen wie etwa Professorinnen an Hochschulen.

Die Kommunikation sei schwierig, die Männer gingen gerne analytisch vor, die Frauen intuitiv. „Männer arbeiten punktuell, Frauen betrachten mehr das Ganze. Beides ist wertvoll“, kommentierte Süssmuth. Auch agierten Männer selbstbewusster. „Fragt man einen Mann, ob er in den Gemeinderat will, dann sagt er: Ja, natürlich. Eine Frau antwortet: Vielleicht gibt es noch jemanden, der es besser kann als ich?“

Dass sich so viele Bürger ohnmächtig fühlen, geht es um Politik, führt sie auf die Menschen selbst zurück. Ein hohes politisches Engagement, speziell auf kommunaler Ebene, sei das beste Mittel gegen diese Ohnmacht. Den Menschen an sich stark zu machen sei ihr Ziel.

Und da lasse sie nicht locker, auch nicht im Alter von 78 Jahren. Menschen bräuchten Visionen und Zielvorstellungen. Die richtigen Strategien und Schlüssel müssen her, um festgefahrene Situationen zu entknoten. Süssmuth: „Scheitern zum Erfolg machen, das bedeutet durchhalten. Manche Leute sagen daher über mich: Sie ist ätzend konsequent.“

Die erste Frauenministerin auf Bundesebene über „Das Gift des Politischen“

Rita Süssmuth wurde in Wuppertal geboren und lebt heute in Neuss. Sie studierte unter anderem Romanistik, Geschichte und Soziologie in verschiedenen Städten in Deutschland und Frankreich, erlangte den Titel „Doktor der Philosophie“ und war zunächst Dozentin und Professorin. 1985 wurde sie Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit ernannt, ab 1986 zusätzlich für Frauen, damit war sie die erste Frauenministerin auf Bundesebene.

Von 1987 bis 2002 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages mit dem Mandat des Wahlkreises Göttingen. Von 1988 bis 1998 war sie die Präsidentin des Deutschen Bundestages. Von 1988 bis 2015 bekleidete sie das Amt der Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, dessen Ehren-Präsidentin sie heute ist.

Neben dem Vorsitz über die Frauen Union von 1986 bis 2001 war sie zudem Mitglied des CDU-Präsidiums. Zwischen 2000 und 2001 saß sie der Unabhängigen Kommission Zuwanderung vor. Nach Beendigung ihrer Zeit als aktive Politikerin übernahm sie zahlreiche weitere Aufgaben. Von 2002 bis 2004 saß sie dem Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration vor. 2004 bis 2005 gehörte sie der UN-Weltkommission für Internationale Migration an. Von 2005 bis 2009 war sie Präsidentin einer privaten Hochschule für Wirtschaft in Berlin.

Seit 2010 ist sie Präsidentin des deutschen Hochschulkonsortiums der Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul. Ihr neues Buch „Das Gift des Politischen“ ist im dtv-Verlag erschienen, beinhaltet 263 Seiten und trägt die ISBN 978-3-423-28043-3.

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