Kreis Düren - Reichspogromnacht: Erinnerungen von Dürener Zeitzeugen

Reichspogromnacht: Erinnerungen von Dürener Zeitzeugen

Von: Sarah Maria Berners
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Vor 75 Jahren wurde die Synagoge an der Schützenstraße angezündet. Heute erinnert eine Stele an die jüdische Gemeinde. Foto: ja

Kreis Düren. „Wir wurden nachts von schrecklichem Lärm geweckt. Ich ging zum Küchenfenster und sah eine Menschenmenge an der Seite der Synagoge, schreiend. Gegenüber in der Straße war eine Tankstelle, und ich sah Männer von dort kommen, mit Eimern voll Benzin, das sie durch die Fenster, die schon zerbrochen waren, schütteten“, erinnert sich der Dürener Alfred Morgenthau in dem Buch „Feuer in Dein Heiligtum“ an die Reichspogromnacht.

Alfred Morgenthau lebte damals im Anbau der Synagoge an der Schützenstraße. Er konnte sich in Sicherheit bringen. Eine andere Augenzeugin erinnert sich daran, dass auch die Feuerwehr vor Ort war – und andere Gebäude vor dem Übergreifen schützten: „Kein Tropfen Wasser kam an die brennende Synagoge.“ In der Nacht auf den 10. November 1938 und an dessen frühen Morgen blieb diese Synagoge nicht die einzige, die in Brand gesteckt oder zerstört wurde. Auch die in Drove, Gürzenich, Langerwehe, Vettweiß, Embken und Lüxheim wurden zerstört.

Zerstört und geplündert

„Und dann zog der Schwarm beim anbrechenden Tag im grünen Lastwagen vor die Geschäfte“, heißt es in den von Hans J. Domsta herausgegebenen Aufzeichnungen des Lehrers Lambert Derichs. Geschäfte, Praxen und Häuser jüdischer Familien wurden zerstört und geplündert, Menschen drangsaliert und geschlagen.

„Der Volkszorn hat gesprochen“, titelte der Dürener Beobachter am 11. November im Lokalteil. In einem kleinen Text wird die NS-Propaganda deutlich: Von „spontanen antijüdischen Demonstrationen“ und „Vergeltungsmaßnahmen“, in denen der „abgrundtiefe Abscheu zum Ausdruck“ gekommen sei, ist dort die Rede. Das Volk habe die „ihm zumutbare Disziplin gezeigt“, Gesundheit und Leben der Juden seien nicht gefährdet worden.

Heute wissen wir auch von Toten, von Misshandlungen und Festnahmen. Auch aus dem Altkreis Düren sollen mindestens 39 Männer in Konzentrationslager verschleppt worden sein. So wird Alfred Morgenthau in dem Buch „Erinnerung. Eine Dokumentation über die Jüdinnen und Juden in Düren von 1933 bis 1945“ zitiert: „Danach wurden am Morgen alle Männer verhaftet und ins Gefängnis gebracht.“ Nach drei Tagen seien sie nach Buchenwald gebracht worden. „Der Empfang dort war fürchterlich. Wer nicht schnell genug laufen konnte, wurde geprügelt.“

Heute ist historisch belegt, dass dieser „Volkszorn“ inszeniert und von oben angeordnet war, dass NSDAP- und SA-Männer aus der Region die Brandstiftungen und Plünderungen angezettelt haben. Das Attentat eines jüdischen Jugendlichen auf einen deutschen Legionsrat diente als Vorwand. Ein Dürener Zeitzeuge erinnert sich in Unterlagen des Stadtarchivs an einen Funkspruch der Geheimen Staatspolizei, der aus Berlin in Düren eintraf und in dem Feuerwehr und Polizei untersagt wurde, jüdische Häuser zu löschen und Aktionen zu unterbinden. Die Maßnahmen der Partei dürften in keiner Weise behindert werden.

Die Geschichtsbücher schreiben von Dürenern, die die Ereignisse kritisch hinterfragten, aber recht bald zum Schweigen gebracht wurden, und von Bürgern, die sich den Aktionen anschlossen. So berichtet ein Augenzeuge in dem oben genannten Buch, „dass braun uniformiere Männer „Knüppel, Stöcke, Eisenstangen“ an Jugendliche verteilten und sie aufforderten, mitzumachen, auch Kinder sollen dabei gewesen sein.

In der Schule seien die Ereignisse nicht thematisiert worden. Die Lehrer hätten gewusst, dass unbedachte Äußerungen ihre Existenz gefährden konnten. „Die jüdischen Mitschüler erschienen von diesem Tag an nicht mehr“, heißt es in einem Bericht.

„Qual in der Seele“

Lehrer Derichs schrieb: „Wir riefen die Kinder von der Straße herbei (...) und mußten dann ‚Heil Hitler‘ sagen lassen. Welche Qual man in der Seele trug, konnten die kleinen Schüler nicht ermessen.“ Wenn man Gleichgesinnte getroffen habe, hätten sie sich stumm die Hand gereicht und man „verstand doch, was man verschwieg und zu Verschweigen verurteilt war“.

Am 11. November verbot Josef Goebbels „Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum“ und erklärte: „Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung (...) erteilt werden.“ Damit läutete er das dunkelste Kapitel der Deutschen Geschichte ein. Die in den darauf folgenden Wochen verfassten Erlasse veranlassten viele Juden aus dem Kreis, das Land zu verlassen, schreibt Bernd Hahne. So verkaufte die Familie Herz aus Lendersdorf ihren Besitz, um den vier Söhnen die Auswanderung zu finanzieren. Die dafür erforderliche Prozedur war erniedrigend und „doch war es für viele die letzte Möglichkeit, dem Verderben zu entrinnen“.

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