Reichspogromnacht 1938: Anfang vom Ende jüdischen Lebens

Von: Stephan Johnen
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Die 1872 im Jahr errichtete neue Synagoge ging am 9. November 1938 in Flammen auf. Foto: Stadtarchiv
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Ludger Dowe bietet Stadtrundgänge an. Foto: sj

Düren. Eingeworfene Schaufenster, zerstörte Regale, geplünderte Auslagen – am 9. November 1938 wurden in Düren jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört, jüdische Mitbürger verhaftet und in Konzentrationslager gebracht.

Als eine Gruppe von SA- und SS-Männern die Synagoge schändete und in Brand steckte, hatten sie Augenzeugenberichten zufolge die Feuerwehr gleich mitgebracht. Mit der Leiter ging es hoch zu den Lettern der hebräischen Schrift über dem Portal, um diese zu demolieren. Die Reichspogromnacht markierte vor 76 Jahren den Übergang von der Diskriminierung der jüdischen Mitbürger hin zur Verfolgung und zum Holocaust.

385 Mitglieder vor der NS-Zeit

Etwa 385 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde der 40.000-Einwohner-Stadt zu Beginn der NS-Zeit, berichtet Ludger Dowe von der Dürener Geschichtswerkstatt. Der pensionierte VHS-Leiter bietet regelmäßig Stadtrundgänge an, auf denen er mit Besuchergruppen „Spuren jüdischen Lebens“ in der Stadt aufzeigt. Die jüdische Ansiedlung hat im 13. Jahrhundert begonnen. Ein noch sichtbares Zeugnis dieser jahrhundertelangen Geschichte ist der jüdische Friedhof an der Binsfelder Straße, den die Gemeinde 1888 anlegte. Nach annähernd zwölf Jahren NS-Terror war jedoch die Hälfte der jüdischen Bürger Dürens deportiert und ermordet worden, die andere Hälfte konnte fliehen. Die Emigration begann schon 1933. Wer konnte, verließ das Land .

Wer Ludger Dowe bei einem Rundgang durch die Innenstadt begleitet, blickt automatisch Richtung Boden. 61 Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig in Düren verlegt, 58 erinnern an jüdische Bürger, die deportiert und getötet oder in den Selbstmord getrieben wurden, zwei an Kommunisten und ein Stein an einen Zeugen Jehovas. Dowe kennt die Geschichten hinter den Namen, die Schicksale, das unendliche Leid, das sich hinter den kurzen Steckbriefen verbirgt. In der Dürener Nordstadt beispielsweise erinnern Stolpersteine an das Schicksal von Mitgliedern der Familie Gordon. Während die Eltern und zwei Töchter vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die USA auswanderten, wurde dem jüngsten Spross der Familie die Einreise verwehrt, da er ein angeborenes Augenleiden hatte. Er blieb in Düren, bei seiner Tante, die sich um den Jungen kümmerte. Beide wurden deportiert und ermordet.

Am Wirteltorplatz erinnert ein Stein an den Mediziner Dr. Karl Marx, der sich im März 1940 aus Verzweiflung das Leben nahm. Am Goebenplatz wird mit einer Plakette Max Oppenheim gedacht, der Lehrer an der jüdischen Schule war und bis zu seiner Flucht 1940 nach Brüssel noch im Verborgenen Kinder unterrichtete.

„Etwa 100 Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind bis zum Beginn der Deportationen in der Stadt geblieben“, blickt Ludger Dowe zurück. Es waren zum Teil die Ärmeren und Menschen die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmerten. Sie wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Ludger Dowe berichtet aber auch vom Kontakt mit Überlebenden und deren Nachfahren, die die Stadt besucht haben – und zum Teil noch Briefkontakt halten. Ebenso gab es Überlebende wie Sally Goldschmidt, der nach seiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt 1946 wieder nach Düren kam – und dort auf dem jüdischen Friedhof bestattet wurde.

Eine jüdische Gemeinde gründete sich nach Krieg in Düren nicht mehr. Im Zuge der „Arisierung“ kaufte die Stadt im Dezember 1938 das Gelände an der Schützenstraße, auf dem 1872 die neue Synagoge gebaut worden war. Der Kaufpreis betrug laut Protokoll 30.000 Reichsmark – abzüglich 3000 Mark „für die Niederlegung und Entfernung der noch vorhandenen Gebäudeteile“.

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