Regine Reim war fünf Wochen lang im Ebola-Gebiet in Liberia im Einsatz

Von: Andreas Gabbert
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Schmidt. Als Regine Reim aus dem Ebola-Gebiet in Liberia zurückkehrte und das Flugzeug in Brüssel landete, konnte sie nicht begreifen, dass ihr fünfwöchiger Einsatz für das Deutsche Rote Kreuz bereits beendet ist. „Ich hatte mich gerade richtig eingearbeitet und wäre gerne länger geblieben“, sagt die 47-jährige Schmidterin.

Heimweh hatte sie nicht und vermisst hat sie außer ihrem Partner auch nichts. Auslandseinsätze sind für sie nichts Neues, schließlich arbeitet sie hauptberuflich für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit und hat schon zwei Jahre in Sibirien und fünf Jahre lang in China gelebt.

Für ihren ersten Auslandseinsatz im Auftrag des DRK absolvierte sie im Vorfeld Kurse zur Trinkwasseraufbereitung und zur Hygiene und Seuchenvorsorge. Viele Szenarien wurden im Vorfeld konkret durchgespielt. Außerdem konnte ihr Lebensgefährte Mario Lennartz, der im vergangenen Jahr für das DRK im Ebola-Gebiet im Einsatz war, wertvolle Hinweise aus seiner persönlichen Erfahrung geben.

Ihre Aufgaben waren zwar in einem Vertrag beschrieben, vor Ort in Afrika waren sie dann aber doch völlig anders als von ihr erwartet. „Ich musste extrem flexibel sein“, sagt Reim.

Als IPC-Koordinatorin (Infection Prevention and Control)hatte sie damit gerechnet, für den richtigen Umgang mit der Schutzkleidung und die Entsorgung des Infektionsmülls zuständig zu sein. Zu ihren Aufgaben gehörte aber auch die Versorgung der Toten. „Am Tag mussten wir ein bis zwei Tote versorgen. Das ist sehr aufwendig. Ein siebenköpfiges Team und ein Arzt gehen dann auf die Station. Der Arzt stellt den Tod fest, und dann wird der Körper in einem Leichensack verpackt und alles wird mit einer Chlorlösung desinfiziert“, berichtet Reim.

Wenn es möglich war, hat sie die Toten in der Dunkelheit versorgt. „Dann ist es nicht so heiß und die Patienten schlafen.“ Nach einer Andacht in Beisein der Verwandten wird die Leiche dann in einem Kühlcontainer untergebracht, bevor sie vom Liberianischen Roten Kreuz abgeholt und auf einem Friedhof beerdigt wird. Regine Reim hat diese Friedhöfe gesehen, auf denen sich spärliche, weiße Holzkreuze aneinander reihen. Viele der Toten haben keinen Namen. Auf ihren Gräbern steht „Unknown Man“, „Unknown Woman“ oder „Unknown Infant“.

„Viele der Toten sind aber nicht an Ebola, sondern an anderen schweren Infektionskrankheiten gestorben“, sagt Reim. Im Ebola-Zentrum wurden im Februar noch vier Patienten behandelt, im März keiner mehr.

Ebola sei in Liberia weitgehend überwunden, die Menschen würden an ganz banalen Krankheiten sterben, die zu behandeln sind. „Das macht wütend und traurig“, sagt Reim. Eine wichtige Aufgabe für die deutschen DRK-Helfer war daher insbesondere die Behandlung von Patienten mit Ebola ähnlichen Symptomen.

„Im Krankenhaus werden sie nicht aufgenommen, weil sie andere Patienten mit Ebola anstecken könnten. Ins Ebola-Zentrum wollen sie nicht gehen, da sie sich dort mit dem Virus infizieren könnten“, sagt Reim. Hinzu komme, dass die medizinische Versorgung oft schlecht und teuer sei. Auch Korruption sei ein großes Problem. „Ich habe beobachtet, wie eine bewusstlose Frau zwischen Rollstuhl und Taxi hin und her transportiert wurde, weil sie wegen Geldmangel aus dem Krankenhaus entlassen wurde“, sagt Reim.

Ihrer Schilderung nach bildet das DRK-Zentrum für schwere Infektionskrankheiten einen krassen Gegensatz dazu. „Wer es dorthin schafft, hat gute Aussichten. Man wusste, wenn hier jemand stirbt, dann lag es nicht am Geld oder der Behandlung.“ Um die Eindrücke zu verarbeiten, haben die Helfer viel miteinander geredet. „Die lokalen Helfer haben ja noch viel Schlimmeres erlebt und Freunde und Verwandte verloren. Mit denen konnte man sich gut austauschen“, sagt Reim. Gebetet wird viel, bei fast jeder Gelegenheit. Gottesdienste gibt es regelmäßig. Dazu gehören neben Tanz und Gesang auch Polonaisen und Rap-Musik. „Das ist schon was anderes als bei uns. Es ist lebendiger.“

In Liberia hatte Regine Reim eine Sechstagewoche, oft war sie aber auch sonntags noch auf der Station. Los ging es morgens um 7.30 Uhr mit der ersten Besprechung und endete um 19.30 Uhr ebenfalls mit einer Besprechung. Dazwischen galt es, bei glühender Hitze oft in einem hermetisch abgeschlossenen Schutzanzug zu arbeiten. „Man gelangt an die Leistungsgrenze des Körpers, deshalb ist es schon sinnvoll, die Einsatzkräfte nach fünf Wochen auszutauschen“, sagt Reim.

Das Ziel des DRK sei ohnehin, sich im Ebola-Gebiet überflüssig zu machen und die Verantwortung in die Hände der Menschen vor Ort zu legen. Reim ist zuversichtlich, dass das gelingen kann: „Die Einheimischen kennen ihr Land, die Kultur und die Menschen. Außerdem sind sie oft sehr gut ausgebildet.“

In Liberia wurde Reim von vielen Menschen angesprochen, weil sie sich gewundert haben, dass sich jemand für sie und ihre Not interessiert. „Alle rennen weg und ihr kommt her“, hat man ihr erstaunt gesagt. Von der Dankbarkeit der Menschen zeugen auch die zahlreichen und bewegenden E-Mails, die Regine Reim inzwischen erhalten hat.

Ihren Sommerurlaub wollen Regine Reim und ihr Lebensgefährte mit dem Wohnmobil im Iran verbringen. Am liebsten ist sie abseits der westlichen Touristenströme unterwegs. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir uns in den absurdesten Ländern am wohlsten fühlen. Hier in Deutschland hat man oft Vorurteile, die durch die Begegnung mit den Menschen revidiert werden“, sagt Reim.

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