Projekttage: Plötzlich steht Martin Luther in der Klasse

Von: Carsten Rose
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Besuch von Martin Luther: Joscha van Riesen (im Gewand) schlüpfte in die Rolle von Martin Luther und erzählte Grundschülern, wie die Gesellschaft zur Zeit des bekannten Theologen tickte. Foto: Rose
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Abschluss in der Christuskirche: Die Schüler stellten ihre Ergebnisse der Projekttage vor, sangen und tanzten zusammen. Foto: Rose

Düren. Der Mann, nach dem die Grundschule benannt ist, war weder der Erbauer noch irgendwann mal der Hausmeister, das hatten einige Kinder gedacht. Der Mann, nach dem die Grundschule benannt ist, war jemand, der wollte, dass „alle Kinder in die Schule gehen“, erklärt die achtjährige Azra. „Der Mann wollte auch, dass keiner mehr Angst vor Gott hat“. Der Mann, nach dem die Grundschule benannt ist, heißt Martin Luther.

Und der „war ja auch ganz nett“, weshalb er die Ehre auch verdient habe, findet Azra. Sie sitzt mit elf Mitschülern an einem Tisch im Klassenraum. Jedes Kind hat einen Becher Orangensaft und einen Schokoriegel vor sich liegen, beides haben sich die Kinder zuvor erarbeiten müssen.

Das gehörte zu einem der pädagogischen Konzepte, mit denen die rund 300 Schüler der Martin-Luther-Grundschule bei zwölf verschiedenen Angeboten an zwei Projekttagen die Geschichte des Mannes erfahren sollten, der am 31. Oktober vor 500 Jahren seine Thesen ans Portal der Wittenberger Schlosskirche genagelt hatte.

Ein Diakon verkleidet sich

Luther war auch in der Schule, in langem schwarzen Gewand, in Person von Joscha van Riesen. Der Diakon der Evangelischen Gemeinde zu Düren hat aus der Sicht Luthers von vor 500 Jahren erzählt und quasi jeden Satz mit den Worten „In meiner Zeit war das anders“ begonnen. Zum Beispiel, dass aufgrund ihres niedrigen Standes in der Gesellschaft nicht alle Kinder zur Schule gehen durften.

Dass das auch heute in Teilen der Welt nicht selbstverständlich ist, erfuhren die Grundschüler ebenfalls: Pastorin Eva Schellberg erzählte ihnen von Kindern in Paraguay, die mit Schuheputzen den Unterhalt der Familie verdienen müssten – sie zeigte ihnen Bilder davon. Ein Teil der Schülergruppe sollte daher Briefe über ihren Schulalltag an die Kinder in Südamerika schreiben, die ein paraguayischer Praktikant der evangelischen Gemeinde bald überbringen soll (Gruppe „lernen“).

Die andere Hälfte sollte in einer vorgegebenen Zeit mit bunten Papierschnipseln den Satz „Bildung für alle in der Welt“ zusammenstellen (Gruppe „arbeiten“). Nach getaner Arbeit gab's als Lohn den Saft und die Schokoriegel.

Joscha von Riesen fasste für die Schüler die wichtigsten Etappen in Luthers Leben zusammen, um ihnen zu zeigen, welche Werte er im Leben vertrat, die für das heutige Leben eigentlich selbstverständlich sind: Luther wollte den Menschen damals die Angst vor Lehrern und Gott nehmen, er wollte sie ermuntern, mutig zu sein und ihre Meinung zu äußern („Ich habe es gemacht, aber damals gab das richtig Ärger!“). Er wollte mit seinen Thesen, dass alle Menschen gleich behandelt werden.

Von Riesens Erzählungen und sein Schauspiel mit Papierrolle und Hammer in den Händen zeigte erstaunliche Wirkung, wie Schulleiterin Sabine Schindler erzählt: „Die Kinder kamen immer voller Gedanken aus ihren Gruppen zurück, haben sich über die Themen unterhalten – das haben wir ganz selten.“ Sabine Schindler und Religionslehrer Markus Möller standen seit März mit der Evangelischen Gemeinde in Kontakt, um die Projekttage zu organisieren. „Wir wollten Martin Luther und die damalige Zeit in die Lebenswirklichkeit der Kinder holen“, erklärt Möller. Er erzählt, die Kinder seien berührt gewesen, als sie gehört haben, wie es zu Zeiten Luthers in der Schule abging. Stichwort: die Autorität samt Prügelstock der Lehrer. „An Kindern geht es nicht spurlos vorbei, wenn sie merken, dass etwas zu unrecht läuft oder lief. Das trifft sie emotional“, sagt Pfarrerin Schellberg, die ergänzt, dass die Projekttage nicht rein religiös, sondern insbesondere auch kulturell geprägt sein sollten.

Die Ergebnisse der Projektgruppen – jedes Kind hat zwei absolviert – präsentierten die Schüler in der Christuskirche. Dazu zählte zum Beispiel ein Portal-ähnliches Brett, auf denen die Kinder ihre Thesen über Düren aufgeschrieben hatten. „Ihr solltet auch eure Meinung äußern“, sagte Vera Schellberg zu den Kindern. So haben die Schüler zum Beispiel auf Kärtchen geschrieben, dass Düren schöne Spielplätze hat – aber sie haben auch den Verkehr insbesondere in Schulnähe kritisiert: Manche Autofahrer würden sich nicht an das Tempolimit halten und wenig Rücksicht zeigen.

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