Polizei: „In Düren gibt es keine No-Go-Areas“

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Auch im Kreis Düren nimmt die Respektlosigkeit gegenüber Polizisten immer mehr zu. Foto: imago/stock&people
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Jürgen Möller ist Leitender Polizeidirektor in Düren. Foto: Kinkel

Kreis Düren. Mitglieder einer türkischen Hochzeitsgesellschaft, die Polizisten angreifen, ein Ehemann, der seine Frau versucht zu töten – wird es gefährlicher in Düren? Und gibt es in der Region sogenannte „No-Go-Areas“, die Bürger besser meiden sollten? Fragen, die unsere Mitarbeiterin Sandra Kinkel dem Leitenden Polizeidirektor Jürgen Möller (58) gestellt hat.

Wie beurteilen Sie die Situation in der Stadt Düren: Wird es gefährlicher, hier zu leben?

Jürgen Möller: Ich denke, dass man schon sagen kann, dass die Situation in Düren angespannter geworden ist. Das ist aber keine Dürener Besonderheit, das gilt generell in unserem Land. Die Gewaltbereitschaft ist bei vielen Menschen deutlich gestiegen. Das bemerken auch meine Kollegen sehr deutlich.

Was sind die Gründe für diese Steigerung der Gewaltbereitschaft?

Möller: In den vergangenen Jahrzehnten hat unsere Gesellschaft meiner Meinung nach einen Wertewandel erfahren. Dazu gehört auch, dass der Respekt vor der Polizei nachgelassen hat.

Wie ist die schreckliche Bluttat, die sich wenigen Tagen in der Innenstadt ereignet hat, in diesem Zusammenhang einzuordnen?

Möller: So etwas kann leider immer und überall passieren. Aber diese Tat muss man isoliert betrachten. Sie ist absolut kein Indiz dafür, dass die Situation in Düren gefährlicher geworden ist.

Vor wenigen Wochen haben an einem Samstagvormittag Gäste einer türkischen Hochzeitsgesellschaft Polizisten angegriffen und ein Polizeiauto demoliert, nur weil sie ihren Personalausweis vorzeigen sollten. Ist das auch ein bedauerlicher Einzelfall?

Möller: Ja. Und hier sind auch verschiedene Dinge zusammengekommen. Es sind bei den Hochzeitsgästen sicherlich Emotionen hochgekocht, die dann am Ende eskaliert sind. Andererseits gilt auch hier, was ich eingangs gesagt habe: Der Respekt gegenüber der Polizei lässt nach. Ich glaube, wenn früher irgendwo drei Streifenwagen aufgetaucht wären, wäre ziemlich schnell Ruhe eingekehrt. Das ist heute leider nicht mehr so. Es gibt mittlerweile jede Woche mehrere Strafanzeigen von Polizisten, die im Einsatz beleidigt oder sogar körperlich angegriffen worden sind. Das ist eine bedauerliche Entwicklung.

Wie hat sich die Kriminalitätsstatistik im Kreis Düren entwickelt – besonders mit Blick auf die Zahl der Überfälle, Taschendiebstähle und Einbrüche?

Möller: Die Entwicklung im Kreis Düren ist eher unauffällig. Die Zahl der Straftaten liegt seit einigen Jahren deutlich unter 20.000 Delikten pro Jahr, wobei wir natürlich nur von den uns bekannten Straftaten sprechen können.

Und das ist wenig?

Möller: Nein, das ist nicht wenig, aber das ist ein positiver Trend. Wenn wir beispielsweise den Kreis Lippe, wo ich groß geworden bin und der in etwa mit dem Kreis Düren vergleichbar ist, betrachten, so gibt es dort mit Sicherheit deutlich weniger Straftaten als im Kreis Düren. Das lässt sich aber durch die geografischen Unterschiede erklären. Der Kreis Düren liegt zwischen den Ballungsräumen Aachen und Köln, es gibt eine gute Autobahnanbindung.

Und was heißt das?

Möller: Das heißt, dass der Kreis Düren für reisende Täter viel besser zu erreichen ist als beispielsweise der Kreis Lippe. Und reisende Täter gibt es eben auch in unserer Region. Das führt dazu, dass die Zahl der Straftaten höher ist.

Wie hoch ist der Anteil von Ausländern und Flüchtlingen, die kriminell werden?

Möller: Im Kreis Düren gibt es kein großes Problem mit straffällig gewordenen Asylbewerbern. Die Zahl der Straftaten, die Flüchtlinge verübt haben, lag in einem absolut normalen Umfang. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es mit den vielen Menschen, die in unser Land gekommen sind und die in Unterkünften leben, ohne eine wirkliche Beschäftigung zu haben, zu Straftaten zwischen Flüchtlingen gekommen ist. Das war im Kreis Düren deutlich spürbar. Außerdem kann ich sagen, dass es die Polizei viel Kraft gekostet hat, Flüchtlingsunterkünfte vor Übergriffen zu schützen.

Vor Übergriffen von außen?

Möller: Ja, darauf mussten wir ein besonderes Augenmerk legen, vor allen Dingen, als die Zahl der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, besonders hoch war.

Hat sich die Lage wieder entspannt?

Möller: Ja. Die Lage ist zwar noch nicht völlig entspannt, aber es ist derzeit deutlich ruhiger.

Gibt es in Düren sogenannte No-Go-Areas?

Möller: Nein, die gibt es in Düren nicht, und die gibt es meiner Meinung nach auch in ganz Nordrhein-Westfalen nicht. Es gibt im Kreis Düren keine Viertel oder Straßen, wo die Polizei sich nur in Mannschaftsstärke oder vielleicht sogar überhaupt nicht hintraut.

Aber es gibt ohne Zweifel Gegenden, die gefährlicher sind als andere.

Möller: Natürlich. Und es ist auch Aufgabe der Polizei, ihr Einsatzgebiet zu kennen. Es gibt besondere Gegenden, dort gehen wir mit einer anderen Einstellung hin.

Egal, ob wir von No-Go-Areas sprechen oder nicht: Es gibt Straßen in Düren, wo die Bürger sich unwohl und unsicher fühlen. Was tut die Polizei dagegen?

Möller: Ich sage noch einmal: Es gibt keine Zahlen, die belegen, dass man im Kreis Düren bestimmte Gegenden besser meiden soll. Wenn die Bevölkerung sich aber in bestimmten Bereichen unwohl fühlt, mindert das die Lebensqualität der Menschen. Dagegen wollen wir als Polizei natürlich unbedingt etwas tun.

Und was?

Möller: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es kann hilfreich sein, die Polizeipräsenz in bestimmten Gegenden zu erhöhen, um den Menschen zu zeigen, dass die Polizei wachsam ist. Daneben ist die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unserer Behörde wichtig, die das Kriminalitätsgeschehen objektiv beschreibt. Und die Menschen im Kreis Düren sollen auch wissen, dass Polizisten in zivil mit bestimmten Aufgaben unterwegs sind, die man nicht erkennt.

Ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen einen „kleinen Waffenschein“ beantragen, aus Ihrer Sicht besorgniserregend?

Möller: Ja, ich betrachte diese Entwicklung mit sehr großer Sorge. Mir ist kein Fall bekannt, wo der Einsatz einer Schreckschusspistole zur Deeskalation einer Situation beigetragen hat. Eher das Gegenteil ist der Fall. Eine Schreckschusswaffe bei sich zu tragen, vermittelt eine Scheinsicherheit, die es objektiv nicht gibt.

Was raten Sie Bürgern, die sich schützen möchten?

Möller: Den gesunden Menschenverstand einzusetzen, auch mal ein „Feigling“ sein und die Straßenseite wechseln, wenn die Lage droht, gefährlich zu werden. Auch Selbstbehauptungskurse sind sinnvoll und empfehlenswert. Solche Kurse helfen, selbstsicherer aufzutreten und können deswegen dazu beitragen zu vermeiden, schnell zum Opfer zu werden.

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