Petra Afonins Stück: Ungewöhnlicher, intensiver Blick auf das Thema Demenz

Von: Christoph Hahn
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Ein großer Abend: Petra Afonin gastierte in der Niederzierer Wohnanlage Sophienhof mit ihrem Programm „Ich bin es noch” zum Thema „Demenz”. Foto: Hahn

Niederzier. Fast zwei Stunden lang sind die Menschen im Saal der Wohnanlage Sophienhof völlig still. Senioren, Angehörige und Pflegekräfte geben kaum einen Mucks von sich. Gebannt schauen sie auf die Bühne, wo - von der Begleitung am Klavier einmal abgesehen - eine einzige Frau das Geschehen bestimmt.

Es ist die Schauspielerin Petra Afonin, die hier mit ihrem selbst geschriebenen und recherchierten Programm „Ich bin es noch” mit Liedern und Szenen zum Thema „Demenz” gastiert. Mehr als 100 Minuten gibt sie dem Leben und Leiden von an Alzheimer erkrankten Menschen Stimme, Blicke, Gesten und mehr.

Es ist wahrlich ein ungewöhnlicher Abend - und keiner von der Sorte, an der nur jemand vom Podium herab das hoch verehrte Publikum bespaßt. Mitreißend wird dieser Abend durch die Mischung aus Authentizität (jeder Satz kommt aus dem ganz realen Leben) und Schauspielkunst. Da entsteht keine Distanz: Petra Afonin packt ihre Zuschauer und -hörer bei den Gefühlen.

Dabei trägt sie nicht dick auf und hobelt gutmenschenhafte Betroffenheit über Sprache, Gestik und Mimik. Leise Töne sind merklich ihre Sache. Wohlfeiles Sozialpathos ist es eben nicht. Auf Drehungen des Kopfes, Blick, das Hin und Her der Hände, kleine bis kleinste Nuancen kommt es an.

„Ich bin es noch”, jener Satz, den die Hauptfigur Gundel immer wieder wie eine Beschwörungsformel ausspricht, fungiert den überwiegenden Teil der Zeit über wie ein Refrain, ein Satz, in dem sich die ganze Verzweiflung und Hoffnung der Protagonistin bündelt. Dass sie an Demenz leidet, scheint sie oft zu ahnen und manchmal sogar zu wissen. Doch sicher ist das nicht.

Dafür ist aber etwas Anderes sicher: Es geht in diesem Stück nicht nur traurig zu. Zwar wirkt Gundel verwirrt und der alltäglichen, greifbaren Welt entrückt. Doch Petra Afonin lässt stets aufs Neue abgründigen, schrägen Witz aufblitzen. Und das gilt niemals mehr als in jenem Moment, in dem sie sagt: „Ich kann nicht auch noch behalten, was andere Leute vergessen.”

Es ist halt nicht alles traurig im Alzheimer-Land. Vor allem aber zeigt Petra Afonin tiefes Mitgefühl für ihre aus vielen Personen zu einer Hauptfigur verdichteten Gundel. Und darin bezieht sie - das wird im zweiten Teil des Programmes deutlich - die Angehörigen mit ein. Demenz hat viele Gesichter. Dank Petra Afonin kann das Publikum nicht nur bloß wissen, sondern auch nachfühlen.

Denn Tränen im Zuhörerraum sind ebenso erlaubt wie Lacher.
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