Paul Larue: „Müssen uns für die Menschen interessieren“

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„Keine rechtsfreien Räume“: Dürens Bürgermeister Paul Larue am Schreibtisch seines Büros im Rathaus. Foto: Ingo Latotzki

Düren. Der politischen Klasse wird in diesen Tagen immer wieder der Vorwurf gemacht, sie sei zu weit weg von den Sorgen und Nöten der ganz normalen Menschen. Zur politischen Klasse ist durchaus auch ein Bürgermeister zu rechnen, zu dessen Aufgabenprofil es gehört, gerade von Sorgen und Nöten der Menschen zu wissen. Wie kann es Paul Larue in der 90.000-Einwohner-Stadt Düren gelingen, den Bezug zu den Einwohnern nicht zu verlieren?

Wie kommt Larue, der seit 1999 Bürgermeister Dürens ist, damit zurecht, dass er seit 2014 keine politische Mehrheit mehr im Rat der Stadt Düren hat? SPD, Grüne, Linke und FDP regieren in einer „Ampel“-Koalition, er gehört der CDU an. Welche Herausforderungen und Aufgaben sieht Larue für dieses Jahr, welchen Nutzen und welche Gefahren sieht er in sozialen Netzwerken; er selbst ist bei Facebook unterwegs. Darüber sprach unser Redakteur Ingo Latotzki mit Dürens Bürgermeister – und auch darüber, ob er sich vorstellen kann, 2020 noch einmal zu kandidieren.

Sie haben seit 2014 keine politische Mehrheit mehr im Rat. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Arbeit?

Paul Larue: Es gibt sicher mehr Abstimmungsbedarf als früher. Den versuche ich wahrzunehmen über die Fraktionsvorsitzendenkonferenz oder in einzelnen Rücksprachen. Es hat sich auch als positiv erwiesen, bei wichtigen, die Stadt prägenden Entwicklungen den Verwaltungsvorstand des Rathauses, also Dezernenten und Bürgermeister, und die Fraktionschefs an einen Tisch zu holen. Es gab aber schon vor dem Mehrheitswechsel Zusammenarbeit: Wir haben 2013 den Doppel-Haushalt für 2014/2015 gemeinsam verabschiedet. Auch der jetzt laufende Haushalt ist einstimmig im Rat verabschiedet worden. Das zeigt, dass der Rat in der Lage ist, gemeinsam für die Stadt in eine Richtung zu arbeiten. Neben der Haushaltsverabschiedung ist das auch beim Beschluss des Masterplans gelungen.

Hat es mal einen Fall gegeben, wo Sie einen Beschluss des Rates gegen Ihre eigene Überzeugung umsetzen mussten?

Larue: Nein. Solange wir uns nur streiten über zwei, drei Parkplätze in der Innenstadt oder welche Großgeschäfte auf die Annakirmes kommen oder eine gewisse Ausrichtung des Weihnachtsmarktes, kann ich damit gut leben. Aber es wäre normal, auch mal zu unterliegen und die demokratisch gefassten Beschlüsse dennoch loyal umzusetzen. Auch in einer Fraktion gibt es Abstimmungen, die nicht immer allen gefallen – und dennoch muss man dem Beschlossenen gerecht werden. Das gehört zu unserer demokratischen Kultur dazu.

Sie halten sich mit politischen Äußerungen bis auf wenige Ausnahmen zurück. Wie interpretieren Sie mittlerweile das Amt des Bürgermeisters?

Larue: Ich habe es seit 1999 immer ähnlich interpretiert. Ich bin verantwortlich für alle Dürenerinnen und Dürener. Die Parteilichkeit hat da erst einmal zurückzutreten. Meine letzten Wahlergebnisse zeigen: Ich habe immer mehr Stimmen geholt als die CDU. Das deutet ja an, dass ich es geschafft habe, von vielen akzeptiert zu werden, die meine Partei nicht wählen. Das Amt des Bürgermeisters wird meiner Meinung nach beschädigt, wenn es parteipolitisch gefüllt wird. Es geht um die Stadt und ihre Menschen. Es geht ja auch viel mehr um konkrete Sacharbeit wie zum Beispiel Rettungs- und Ordnungswesen als um politische Ideologien. Zum Amt des Bürgermeisters gehört aber auch, ein guter Moderator sein, um zum Beispiel im Stadtrat unterschiedliche Meinungen zusammenzuführen.

Blicken wir auf das 2017: Vor welchen Herausforderungen steht Düren? Würden Sie als Erstes das Thema Sicherheit nennen?

Larue: Fundamental ist die Entwicklung des städtischen Haushaltes. Davon würde beispielsweise abhängen, ob wir die zu Recht vorhandenen Erwartungen der Menschen nach mehr Ordnungskräften erfüllen können. Fest steht, dass wir mit den jetzigen zehn Kräften nicht so viele Streifen organisieren können, wie wir es gerne hätten. Es gibt mittlerweile deutliche Rufe aus den Stadtteilen, zum Beispiel Birkesdorf. Wenn wir dem gerecht werden wollen, müssten wir personell aufstocken. Wir müssen aber auch darüber nachdenken, wie wir mit Blick auf Jugendliche die Prävention verstärken können und uns die Frage stellen, wie unsere Straßensozialarbeit und die Jugendarbeit noch stärker wirken können. Die Menschen müssen gerne nach Düren kommen und sollen sich sicher fühlen.

In Düren leben rund 650 Flüchtlinge. Wie funktioniert die Integration?

Larue: Wir haben mehr als 20 Internationale Klassen, in denen Flüchtlingskinder unterrichtet werden. In der VHS bieten wir Integrationskurse an. Die eigentliche Arbeit wie Sprachvermittlung und Bildung oder Betreuung in Kitas oder Tagespflege, all das sind große Herausforderzungen, die wir über Jahre bewältigen müssen. Die Stadt richtet eine Stabstelle für Integration ein, um die Aktivitäten zu koordinieren, ähnlich ist es beim Thema Demografie. Wir wollen einen Demografieplan erstellen, um die Stadt in den nächsten Jahrzehnten so zu entwickeln, dass wir dem demografischen Wandel besser gerecht werden können.

Gibt es genügend Deutsch-Kurse für Flüchtlinge und Lehrer, die Deutsch vermitteln können?

Larue: Mittlerweile sind die Wartezeiten überschaubar. Wir haben die Kapazitäten in der Volkshochschule verdoppelt. In der Moltke-straße unterhält die Stadt ein gut ausgestattetes eigenes Haus, in dem Flüchtlinge unterrichtet werden. Außerdem kümmern sich auch andere Bildungsträger um Integrationsangebote. Wir decken übrigens auch Bedarfe aus der Region mit ab.

Welche Herausforderungen sehen Sie noch?

Larue: Wir brauchen ein breites Engagement in unserer Gesellschaft, wenn wir uns unser freiheitliches, demokratisches Leben erhalten wollen. Wir brauchen auch eine Rückkehr zu einfachen, aber grundlegenden Tugenden wie Respekt, einen freundlichen Umgang und ein menschliches Miteinander. Es gibt deutliche Warnzeichen, dass wir schon jetzt rote Linien überschreiten. Ich nutze viele Gelegenheiten zu Appellen, damit sich noch mehr Menschen als bisher in unserer Stadt für das Gemeinwohl einsetzen.

Sie sind seit längerer Zeit bei Facebook unterwegs. Mehr als 5200 Menschen folgen Ihnen da. Was bedeutet das soziale Netzwerk für Sie?

Larue: Ich sage manchmal scherzhaft, dass Facebook meine virtuelle Bürgersprechstunde ist. Ich habe jeden Donnerstag im Bürgerbüro eine Sprechstunde, in der ich in den vergangenen 17 Jahren Hunderte Menschen erreicht habe. Ich spreche auch mit vielen Leuten, wenn ich am Wochenende unterwegs bin. Bei Facebook erreiche ich aber viele jüngere Menschen, die seltener auf die Idee kommen, in meine Sprechstunde zu kommen. Ich kann selbst Informationen weiterleiten und Anfragen beantworten. Ich pflege meine Seite jeden Tag selbst.

In sozialen Medien wird eine Menge Unwahres behauptet. Damit kann auch politisch Stimmung gemacht werden, zum Beispiel mit populistischen Äußerungen. Manch einer spricht längst von asozialen Medien. Das wird Ihnen Sorgen machen.

Larue: Es darf nicht sein, dass es rechtsfreie Räume gibt. In der Zeitung ist bei einem Leserbrief der Absender zu erkennen, ich kann also auf Kritiker zugehen, wenn ich das möchte. Bei anonymen Posts im Internet geht das nicht. Neulich sind mir auf einen Eintrag, der Einbürgerung zum Thema hatte, Prügel angedroht worden. Ich habe eine Anzeige aufgegeben, aber nach kurzer Zeit von der Staatsanwaltschaft die Auskunft erhalten, das Verfahren sei eingestellt, der vermeintliche Täter sei nicht zu ermitteln. Es gibt natürlich weitaus schlimmere Dinge, die Menschen in sozialen Netzwerken passieren. Dass man überhaupt keine Handhabe hat, dagegen vorzugehen, aber jeder die schlimmsten Dinge behaupten kann, kann nicht hingenommen werden.

Ihr Parteichef Thomas Floßdorf hat gesagt, die CDU müsse wieder an die Menschen herankommen. Glauben Sie, dass das gelingen kann oder ist die Kluft zwischen Normalbürger und Politik schon zu groß?

Larue: In der Kommunalpolitik geht es ja meist um Dinge, die die Menschen direkt betreffen. Ich sehe deshalb die große Chance, mit den Menschen im Gespräch zu sein. Natürlich besteht die Gefahr, dass man zu wenig präsent ist oder zu wenig zuhört. Außerdem besteht die Gefahr, sich in immer ähnlichen Kreisen zu bewegen. Jeder muss sich da selbst disziplinieren. Das ist einer der Gründe, warum ich gerne Bus und Bahn fahre oder mit dem Fahrrad und zu Fuß unterwegs bin. So kann ich mit den Menschen ins Gespräch kommen. Man sollte zumindest den Versuch machen, mit so vielen wie möglich zu reden. Und das sollte nicht nur für den Bürgermeister gelten, sondern für alle Mandatsträger.

Was können Sie aus den Begegnungen mit den Menschen, die Sie dann treffen, mitnehmen?

Larue: Wenn ich zum Beispiel ein Schützenfest besuche, achte ich darauf, dass ich nicht den ganzen Abend nur am Ehrentisch sitze. Ich suche das Gespräch mit den übrigen Besuchern, soweit das geht. Nur so kann ich etwas erfahren. Wenn die Ratsmitglieder und ich Jubiläen und außergewöhnliche Geburtstage besuchen, wird oft deutlich, wie ergiebig die Gespräche mit den Menschen sein können. Es gibt kein Patentrezept, wenn überhaupt, dann das: die sich bietenden Chancen nutzen. Wir müssen uns für die Leute interessieren, vor allem für die, mit denen wir nicht sowieso oft zu tun haben. An die müssen wir herankommen. Wenn ich zum Beispiel nie mit einem Obdachlosen rede, weiß ich nichts über dessen Welt. Das machen aber auch die Ratskollegen. Die reden nicht nur mit den sogenannten oberen Zehntausend, sondern versuchen, sich zu kümmern.

Sie sind seit 1999 Bürgermeister. Hat Sie das Amt verändert?

Larue: Ich habe mich dem Amt damals mit ziemlich viel Respekt genähert. Als ich hier die ersten Tage saß, konnte ich das noch gar nicht glauben und habe manchmal gedacht: Ist das nicht doch eine Nummer zu groß? Ich merke heute, dass es mir leichter fällt, auf Menschen zuzugehen. Da bin ich sicherer geworden, egal, bei wem. Meine Frau sagt mir manchmal, wenn sie bei Veranstaltungen dabei ist, ich hätte zu lange geredet oder sei jemandem zu früh ins Wort gefallen. Oder ich hätte nicht richtig zugehört. Da muss man sich gut und kritisch im Blick behalten. Einerseits musste ich mir auch ein dickeres Fell zulegen, weil im Amt des Bürgermeisters einiges auszuhalten ist, andererseits geht es natürlich darum, noch empfänglich und sensibel genug zu sein.

Können Sie sich vorstellen, 2020 nochmals anzutreten?

Larue: Im Moment kann ich mir beides vorstellen, weiterzumachen oder aufzuhören. Das ist aber keine einsame Entscheidung von mir. Meine Frau und ich werden 2019 entscheiden. Das hängt von gesundheitlichen Faktoren ab, von der Lage in der Familie, in der Stadt, aber auch von der Perspektive mit Blick auf andere Kandidaten. Wir haben jetzt erst einmal noch tüchtig zu arbeiten. Aber ich werde es zeitig verkünden, damit auch die Partei weiß, woran sie ist.

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