Outtakes der Bibel und Hitchcock: Patrick Roth liest auf Schloss Burgau

Von: Anke Holgersson
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Professor Michael Braun (links) und Patrick Roth im Gespräch. Roth las auf Schloss Burgau aus seinem Roman „Sunrise. Das Buch Joseph“ und aus seiner Erzählung „Lichternacht“. Foto: Anke Holgersson

Kreuzau. Joseph von Nazareth, der Vater von Jesus, bleibt im neuen Testament unerwähnt. Er hat dort keine eigene Geschichte. Mit seinem Roman „Sunrise“ schenkt Patrick Roth dieser wichtigen Figur der christlichen Mythologie nachträglich eine solche Lebensgeschichte. Am Sonntag las Roth auf Schloss Burgau daraus vor.

Die Geschichte Josephs lässt Roth von einer alten Frau, von Neith, erzählen. Und das in einem Stil, der dem der Bibel meisterhaft nachempfunden ist.

Schon als der Autor 1975 als junger Filmstudent nach Los Angeles ging, hatte er eine besondere Schwäche für alte, vergessene Worte, die er damals in einer besonderen Ausgabe einer Lutherbibel fand, erzählt er im Gespräch mit Moderator Professor Michael Braun, der die Matinee mit Dr. Hans-Joachim Güttler für den Arbeitsbereich Literatur des Kunstfördervereins Kreis Düren auch organisiert hatte. Roth fühlt sich vollständig in die Erzählhaltung der Bibel ein, nutzt Satzbau, Rhythmus, Wortwahl und Bilder der Bibel- und Apokryphenschreiber. Die Apokryphen sind sozusagen die „Outtakes“ der Bibelgeschichte. Die Geschichten also, die es in den Bibelkanon nicht geschafft haben.

In diesen Schriften, aus denen Roth für seinen Roman unter anderem auch geschöpft hat, findet Joseph von Nazareths Geschichte Erwähnung. Auch die Erzähltechnik der Zeit, in der Träume und Erscheinungen eine wichtige Rolle spielen, nutzt Roth ausgiebig. Im Traum, so erklärt er im Gespräch, stellt der Mensch eine Synthese zwischen Gegensätzen selbst her. „Es entsteht etwas Drittes zwischen Positiv und Negativ.“ Den Leser dorthin zu bringen, dass er Gegensätze aushält und vielleicht sogar etwas eigenes, neues dabei entstehen lässt, ist das Ziel des Autors Patrick Roth, der seit einiger Zeit wieder in Deutschland lebt und an deutschen Universitäten auch Vorlesungen über Poetik, also die Kunst des Schreibens, hält.

Bei seinen Betrachtungen über das Schreiben kann er auf seinen Erfahrungsschatz als Autor für Film, Theater, Hörspiel und verschiedene Prosa-Erzählformen zurückgreifen. Das ermöglicht ihm dichtes, szenisches Erzählen, das in der Weihnachtsgeschichte „Lichternacht“, aus der er auf Schloss Burgau ebenfalls vorlas, in den Köpfen der Zuhörer ganze Filmszenen entstehen lässt, wenn die Figur Joe seine Geschichte vom Weihnachtsabend 1977 erzählt.

Er nutzt dabei die Hitchcocksche Suspense-Technik, deren „große künstlerische Kraft“ lange nicht gesehen wurde, wie Roth erklärt. Alfred Hitchcock, so führt Roth aus, macht den Zuschauer in seinen Filmen zum allwissenden Erzähler, gibt ihm Informationen, die die Figuren nicht haben und verführt ihn so, einen filmischen Konflikt (klassisch zum Beispiel: zwischen einem Einbrecher und dessen Entdecker) auszuhalten.

Bis zum spannendsten Punkt

Die Geschichte von Joe in „Lichternacht“, der mit seinem Wagen in einen Schneesturm gerät und in einem Mauthäuschen Unterschlupf findet, erzählt er am Sonntagvormittag bis zu dem spannendsten Punkt, als Joe sich selbst sieht, wie er verletzt aus dem Wagen gezogen wird. Das ist, in Filmsprache ausgedrückt, ein klassischer Cliffhanger (spannender Moment am Schluss eines Fortsetzungsfilms).

Im Anschluss an die Lesung erwarben dann auch viele Zuhörer die spannende Erzählung und ließen sie von Roth signieren.

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