Obstbaumwarte: „Uns ist auch egal, dass man uns belächelt“

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Trialog mit Peter-Lustig-Flair: Im schmucken Bauwagen auf seiner Streuobstwiese in Boich unterhält sich Gerhard Kuckertz (l.) mit seinem Obstbaumwart-Kollegen Thomas Kelter (r.) und DZ-Redakteur Carsten Rose über seltene Äpfel. Foto: Rose

Kreuzau. Gerhard Kuckertz neigt dazu, bei Vergleichen zu übertreiben, auf sympathisch-sarkastische Art und Weise. Zum Beispiel sagt er: „In 20 Jahren kannst du wahrscheinlich mit einem Apfel einer ganz alten Sorte anstatt einer Waffe eine Bank überfallen, weil die Leute direkt einen Allergieschock bekommen werden.“

Er kennt sich gut mit Äpfeln aus, ist ein sogenannter Obstbaumwart, und auf seiner Streuobstwiese in Boich wachsen Sorten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt – und die wohl nur noch Ältere kennen. Im DZ-Trialog unterhält sich Gerhard Kuckertz mit seinem Freund Thomas Kelter und Redakteur Carsten Rose über das Hobby Obstbäume und warum sie sich als „Sonderlinge“ und „außerirdisch“ betrachten.

Hätten Sie als Apfel-Experten das Zeug für „Wetten, dass . . .?“?

Thomas Kelter: Nein, dafür ist die Pomologie zu schwierig. Apfelsorten sind sehr regional. Rotes Seidenhemdchen, den Eifeler Rambur oder den Weißen Winterglockenapfel gibt es nicht überall. Wir haben gelernt, dass man erst bei acht oder zehn Äpfeln erkennen kann, welche Sorte es ist.

Gerhard Kuckertz: Einmal im Jahr kommen 20 bis 30 Pomologen aus halb NRW und Belgien auf unsere Wiese, weil es hier wahrscheinlich die meisten Sorten in der Region gibt. Die fachsimpeln den ganzen Tag, haben daran einen Heidenspaß. Ich könnte das nicht, dafür habe ich ja eine Liste mit den Sorten.

Die Wiese, die Kuckertz meint, ist seine Streuobstwiese in Kreuzau- Boich, die vor 20 Jahren angelegt wurde. Seit drei Jahren baut er dort mit seinem Freund Thomas Kelter vorrangig Äpfel ökologisch an, neben Kirschen und Birnen. Sie wurde vor zwei Jahren vom Kreis als schönste Streuobstwiese ausgezeichnet. Auf 1,5 Hektar stehen 160 Obstbäume auf abschüssigem Terrain, etwa 80 verschiedene alte Sorten wachsen dort.

Zwischen den Bäumen grasen Schafe, und an dem gemütlich eingerichteten Bauwagen hängt ein Insektenhotel aus Holz – die Blüten müssen schließlich bestäubt werden. Da alle Bäume hochstämmig sind, hat die Frostwelle, die anderen Obstbauern die Ernte vermiest hat, Kuckertz‘ Äpfeln nichts ausgemacht.

Was ist an Ihren Sorten besonders?

Kuckertz: Die gibt es schon immer, aber wenn man den Namen in der Stadt ruft, kann kaum noch jemand etwas mit ihnen anfangen. Zum Beispiel der Klar-Apfel, hier im Volksmund heißt er Anna-Apfel, weil er zur Annakirmes reif ist. Der kriegt direkt Druckstellen, weil die Schale so dünn ist, aber ist superhell im Fleisch, damit macht man das weißeste Apfelmus im Dorf. Fragen Sie mal Oma und Opa, die hatten früher sicher einen Klar-Apfelbaum im Garten. Das war Gesetz. Für die Baumpatenschaften gibt es eine Warteliste für die Sorte.

Kelter: Meine Chefin in Bonn hat mich angebettelt wegen eines Klar-Apfels, weil man den sonst nicht mehr bekommt. Sie hat sich wie ein König gefreut, weil der Apfel nach Kindheit riecht.

Moment mal: Baumpatenschaften?

Kuckertz: Für eine geringe Gebühr sucht man sich einen Baum aus. Alles, was wächst, ist Dir. Das machen gut 30 Leute hier aber eher symbolisch, glaube ich, weil sie hier Seelenfrieden finden. Sie können hier machen, was sie gelernt haben. So gut wie alle sind Baumexperten.

Kuckertz verkauft das Obst an Hofläden und Biomärkte. Das Geld sei aber irrelevant, sagt er. „Wenn ich nicht pleitegehe, ist alles in Ordnung. Reich werde ich nie im Leben.“ Die Bodenprämie pro Baum gebe er dem Schäfer, dessen Tiere auf der Weide grasen. Demnächst wollen Kuckertz und Kelter ihr Öko-Obst auf Dürens Wochenmarkt testweise anbieten.

Warum gibt es Obstbaumwarte?

Kuckertz: Der Landschaftsverband Rheinland und der Kreis Düren haben Fördermittel bereitgestellt. Leute, die noch wissen, wie ökologische Obstlandwirtschaft funktioniert, haben andere ausgebildet. Das gibt es aber nicht mehr. Hätte man das Thema vielleicht noch zehn Jahre schleifen lassen, wäre es wohl nicht mehr möglich, weil die, die wissen, wie es geht, dann alle verstorben wären. Dann wären nur Wikipedia-Einträge geblieben.

Kelter: Die Ausbildung dauerte ein Jahr. Wir haben uns jeden Samstag unter anderem zu Schnittkursen getroffen. Wir treffen uns heute auch noch regelmäßig und beschneiden ehrenamtlich Gemeindewiesen und kümmern uns um die Ausgleichsflächen des Kreises. Ich würde schätzen, dass es etwa 100 Obstbaumwarte im Raum Aachen/Düren gibt. Wir bieten hier auf der Wiese über die Biologische Station auch Schnittkurse an.

Warum liegt Ihnen der Apfel so am Herzen?

Kelter: Der Apfel ist zum Wirtschaftsgut geworden. Er wird für ein paar Jahre auf Hochleistung getrimmt wie ein Huhn, das heute pro Tag nicht mehr ein Ei, sondern zwei Eier legt. Wir wollen die Natur aber nicht manipulieren.

Kuckertz: Ich finde es wichtig, dass wir alte Obstsorten erhalten. Von den Äpfeln bekommt man keine Allergien, kein Kratzen im Hals. Weil ähnliche Äpfel immer weiter gekreuzt und gezüchtet werden, entwickeln Menschen Allergien. Manche beißen dreimal in einen Apfel und beim vierten Biss musst du einen Luftröhrenschnitt setzen, übertrieben gesagt. Das wird schlimmer. Früher gabs das nicht.

Kelter: Ich glaube, dass Kinder heute gar nicht mehr lernen, dass ein Apfel auch mal eine Macke hat.

Kann dieser Prozess wieder umgekehrt werden?

Kelter: Nein, ich denke nicht.

Kuckertz: Nur vereinzelt achten Leute mehr darauf, was sie essen.

Irgendwann benutzt Kuckertz den Begriff „Slow Food“, der ausdrücken soll, dass sein Obst die Zeit zum Wachsen bekommt, die es braucht. Der konventionelle Bauer dagegen würde mindestens 25 Mal im Jahr spritzen – deswegen würden sie einen Apfel aus dem Supermarkt immer schälen.

Komisch, Sie nutzen keinen deutschen oder gar regionalen Begriff.

Kelter: Wir sind ja eh Sonderlinge.

Kuckertz: Ja, wir sind total außerirdisch. Eine Streuobstwiese ist etwas für Idealisten. Uns ist auch egal, dass man uns belächelt.

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